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Vertrautheit vs. Entfremdung

Die gegensätzlichen Begriffe Vertrautheit und Entfremdung unterziehen wohl auf kurz oder lang jede zwischenmenschliche Beziehung einmal einer Prüfung. Im Falle des Ehepaars Klausen lassen sich sowohl Aspekte der Geborgenheit finden als auch solche, die das unheilvolle Ende ihrer Ehe ankündigen. Im Rahmen dieses Unterpunktes analysieren wir gemeinsam am Beispiel Gottfried und Xenia Klausens, wie es von einem ehemals so vertrauten Miteinander zur Entfremdung kommt.
Es lässt sich ein Bogen über den gesamten Handlungsverlauf spannen, welcher von einer harmonischen Ausgangssituation der Eheleute Klausen bis hin zur völligen Entfremdung des Ehepaars reicht. Die Frage, ob diese Entwicklung jedoch tatsächlich so linear zu vermessen ist, wird Gegenstand der vorliegenden Analyse sein.

„Unerschütterliches“ Vertrauen

  • Zu Beginn der Erzählung erfahren wir, dass Gottfried und Xenia Klausen „sich aus der gemeinsamen Schulzeit“ (S. 73, Z. 17) kennen und demzufolge bereits eine geraume Weile Partner sind
  • Aufgrund ihrer jahrelangen Beziehung sind sie, „was ihre Eigenarten und Interessen [betrifft], über Jahre hinweg miteinander vertraut“ (S. 73, Z. 18f)
  • Das Ehepaar verfolgt zudem das gemeinsame Ziel, „das Grundstück [in der Dorotheenstraße] zu erwerben“ (S. 74, Z. 1f), da es in ihnen „das Gefühl von Geborgenheit“ (S. 73, Z. 21) auslöst. Fraglich ist hier, ob eine glückliche Ehe eines Hauses verlangt, um sich darin geborgen fühlen zu können, jedoch scheint die Zukunftsperspektive durch die alte Villa zunächst gegeben
  • Xenia Klausens Entscheidung, „dass sie fürs Erste [...] in dem Haus an der Dorotheenstraße, bleiben würde“ (S. 75, Z. 3ff), obwohl ihr Mann nach London versetzt wird und die Reaktion ihres Mannes darauf „Wir haben keine Eile“ (S. 75, Z. 6) spricht dafür, dass die beiden sich einander vertrauen. Auch, dass Klausen als „Korrespondent einer überregionalen Zeitung“ (S. 74, Z. 19f) des Öfteren ins Ausland versetzt wird (S. 74) sind die Eheleute bereits gewohnt und stellt augenscheinlich nicht die Beziehung der beiden aufs Spiel
  • Nachdem Klausen in London eintrifft, hält er weiterhin regen Kontakt zu Xenia, indem sie „miteinander telefonierten“ (S. 76, Z. 13f) und selbst wenn er auch noch „sechs Wochen später“ (S. 76, Z. 11) in der, für seine Frau und ihn zu kleinen Single-Wohnung lebt, „bestand [er] darauf [...], in ein größeres Apartment umziehen“ (S. 76, Z. 6ff) zu dürfen. Letzteres spricht dafür, dass sich die Zukunftspläne der beiden zwar geändert, jedoch nicht voneinander entfernt haben

„Vorboten“ der Entfremdung

  • Als Klausen sich dazu entschließt, nach London zu ziehen, geht er nicht auf den Einwand seiner Frau, „fürs Erste in Kohlhasenbrück [...] bleiben“ (S. 75, Z. 3ff) zu wollen, ein. Vielmehr scheint es so, als würde er ihren Standpunkt verdrängen und mit der saloppen Bemerkung, dann „kommst du einfach nach“ (S. 75, Z. 8) den Wunsch seiner Frau im Keim ersticken. An dieser Stelle liegt die Vermutung, dass Klausen bereits seit Jahren Entscheidungen über den Kopf seiner Frau hinweg trifft, nahe. Dieser Umstand würde auch erklären, warum es zu keiner Auseinandersetzung der Beiden kommt, trotz gegensätzlicher Vorstellungen
  • Ob es ein Mangel an Aufmerksamkeit, gegenseitiger Rücksichtnahme oder bloße Verdrängung ist, sei dahingestellt - doch dass die Umarmung seiner Frau beim Abschied am Flughafen „etwas länger als gewöhnlich“ (S. 75, Z. 14) dauert, scheint Gottfried zwar zu bemerken, jedoch nicht weiter zu hinterfragen. Möglicherweise ist die Abreise ihres Mannes für Xenia ein Abschied ohne Wiedersehen und aufgrund dessen drückt sie ihn ein wenig länger als üblich
  • Auch wenn der Protagonist die Ambition verfolgt, auf kurz oder lang mit seiner Ehefrau eine gemeinsame Bleibe in London zu beziehen, will es der Umstand, dass Klausen „sechs Wochen später [...] immer noch die enge Wohnung“ (S. 76, Z. 11f) mietet. Die gegenwärtige Situation, physisch voneinander getrennt zu sein, scheinen beide Ehepartner zunächst als neue Lebenslage zu akzeptieren und sie unternehmen auch nichts, um diesen Zustand zu beenden. Vielmehr fühlt sich Gottfried „gezwungen [...], seine Frau, wenn sie miteinander telefonierten, zu vertrösten“ (S. 76, Z. 11ff). Die Tatsache, dass sich der Korrespondent zum Trösten seiner Frau genötigt fühlt, spricht nicht für eine auf gegenseitiger Liebe und Zuneigung beruhende Ehe
  • Gegen Ende des zweiten Kapitels kündigt sich jedoch schon eine zunehmende Distanzierung Xenias an, die sich darin zeigt, dass Klausen sie telefonisch nicht erreicht (S. 78f). Diese Unerreichbarkeit geht jedoch weit über den Kontakt über das Telefon hinaus, der auktoriale Erzähler kommentiert die Situation als „zwei Welten, die zusammengehören, [sich jedoch] für Augenblicke nicht mehr berühren.“ (S. 79, Z. 16ff)
  • Auf Gottfrieds Aussage, „Wir müssen uns um die gemeinsame Wohnung kümmern“ (S. 80, Z. 1f) reagiert Xenia „zögerlich“ (S. 80, Z. 13). Ihr Mann jedoch registriert dieses Verhalten nicht und drängt sie dazu, ihn in London zu besuchen (S. 80f). Der geplante Besuch endet im Fiasko, da ihn seine Frau versetzt und bei dem Versuch, Xenia anzurufen, meldet sich „eine Männerstimme“ (S. 82, Z. 12), deren Bewandtnis der Protagonist jedoch mit „einer falschen Verbindung“ (S. 82, Z. 23) erklärt
  • Offensichtlich existieren zahlreiche Vorboten, die auf die vermehrte Entfremdung des Ehepaars Klausen hinweisen, jedoch werden diese vom Protagonisten entweder von der Hand gewiesen oder beschönigt

Fremdheit in der eigenen Ehe

  • Was Gottfried Klausen im ersten Augenblick als harmlos anmutenden „Anflug von Gekränkheit“ (S. 82, Z. 25f) empfindet, stellt sich, spätestens als der Ehemann ein weiteres Mal die Männerstimme am anderen Ende der Leitung hört (S. 86), als Betrug seiner Frau Xenia heraus (S. 88)
  • Mit der Erkenntnis, dass ihn seine Frau vermutlich betrügt, stellt sich dem Protagonisten auch unweigerlich die Frage, ob seine „Ehe mit dieser Frau vielleicht schon seit Jahren derart verlogen [war], dass er ihre Untreue nicht bemerkt hatte?“ (S. 88, Z. 6f)
  • Die, bereits im Vorfeld analysierten, angeblichen Beweise für das vertraute Verhältnis des Ehepaars Klausen erweisen sich als oberflächlich und die offensichtlichen Anzeichen dafür, dass ihre Beziehung gefährdet ist, bestätigen sich im Nachhinein
  • Am Beispiel der Ehe der Klausens lässt sich aufzeigen, wie fragil eine zwischenmenschliche Beziehung ist, wenn das ihr zugrunde liegende Vertrauen einmal abhandenkommt. Erst als Gottfried den Ernst der Lage erkennt, in welchem sich seine Ehe zu Xenia befindet, sind auch die vorhergehenden Unstimmig- und Ungereimtheiten des Verhältnisses der beiden, klar für ihn ersichtlich
  • Aus Angst, das Gewohnte und Vertraute auf immer zu verlieren, hält der Protagonist bis zuletzt fest an der Vorstellung, die Partnerschaft zwischen ihm und seiner Frau sei intakt - dabei ist es eben diese Furcht vor Veränderung, die die Ehe zwischen Xenia und Gottfried zum Scheitern verurteilt

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