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Zeitgeschichte

In diesem Kapitel stehen die zeitgeschichtlichen Hintergründe von Heinrich von Kleists Leben und der Handlung in Die Marquise von O... im Fokus.

Die französische Revolution (1789 - 1799)

  • Der Bruch mit dem Adel: Das Bürgertum lehnt sich gegen seine Herrscher auf, die Monarchie ist als Regierungsform nicht mehr akzeptiert
  • Alte Werte werden zugunsten des franz. Nationalmottos "Liberté, égalité, fraternité" (Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit) aufgegeben
  • Kompromisslosigkeit: Neben der Umwälzung des Wertesystems geht eine große Welle der Gewalt durch ganz Europa, um den Gedanken von Freiheit und Gleichheit mit allen Mitteln durchzusetzen. Mit der Gewalt geht eine Verunsicherung in Adelskreisen einher, niemand kann sich seines Herrschaftsanspruchs mehr sicher sein.

Die Koalitionskriege von 1792 - 1815 (Handlungszeitraum von Die Marquise von O...)

  • Bund der Adelshäuser: Um den politischen Einfluss in Europa nicht zu verlieren, schließen sich Preußen und Österreich in einem Bund (Traditionskoalition) zusammen. Unter anderem sind auch Großbritannien und Russland als Koalitionspartner vertreten. Es kommt zu mehreren kriegerischen Auseinandersetzungen bis Frankreich im Begriff ist, die Auseinandersetzung für sich zu entscheiden.
  • Neue Vorreiterrolle Frankreichs: In der Zeit von Napoleon Bonarpartes Herrschaft gelingt es Frankreich, sich erfolgreich gegen die Traditionskoalition (Adelshäuser von Preußen, Russland, Österreich, Großbritannien) zu stellen. Nach dem Sieg von Frankreich über die Koalition werden in Preußen umfassende Reformen durchgeführt, die den Bürger besserstellen sollen.

Das Bürgertum im Aufwind

  • Neues Rechtssystem: Nach der Niederlage von Preußen gegen Napoleon findet eine Neuordnung des Gesellschaftsbilds in Mitteleuropa statt, so dürfen Bürger erstmals Berufe frei wählen und sich auf ein einheitliches Rechtssystem berufen.
  • Neues Wertesystem: Das Bürgertum entwickelt ein eigenes Identitätsverständnis und damit einhergehend Werte bzw. Normen:
    • traditionell-religiös
    • klassische Rollenverteilung von Mann und Frau
    • Enthaltsamkeit
  • Zeitalter der Aufklärung: In der (Geistes-)Wissenschaft, aber auch in der Kunst, wird eine Gleichstellung aller Menschen angestrebt. Der Grundgedanke des Epochenverständnisses ist, dass der Verstand dem Glauben übergeordnet ist. Religion und Frömmigkeit treten in den Hintergrund.

Die Realgeschichte in Kleists Novelle

  • Koalitonskrieg: Die Handlung beginnt mit der russischen Besetzung der Stadt M... im Jahr 1799, die dargestellte Gewalt ist ein direkter Bezug zu den tatsächlichen Kriegsverbrechen. Die Vergewaltigung der Marquise ist keine beliebige Darstellung eines einzelnen Frauenschicksals, sondern bittere Realität für viele Frauen.
  • Untergang des Adels: Der Angriff auf die Marquise ist ebenso ein Sinnbild für den Angriff auf den Adel. Die Stellung des Adels wird in der Novelle zwar hervorgehoben (Graf F..., Marquis), allerdings ist offensichtlich, dass ein Verfall des Adels stattfindet, so ist der Graf mit seinem Verbrechen nicht unfehlbar und die Marquise widersetzt sich dem Patriarchat des Vaters.
  • Kampf der Werte: Innerhalb der Novelle wird immer wieder das zeitgenössische Aufeinanderprallen von traditionellen und modernen Wertesystemen thematisiert, so zum Beispiel als die Schwangerschaft der Marquise aufgedeckt wird oder der Graf im Ehevertrag auf seine Rechte verzichtet.
  • Gleichstellung: Die Marquise selbst kann als weiblicher Vorreiter des französischen Gleichheitsgedankens betrachtet werden. Ihre Loslösung vom Patriarchat des Vaters kann als Metapher zum Aufstand des Bürgertums gegen den Adel eingeordnet werden.

Epochenzuordnung

  • Epoche der Aufklärung (1720 - 1800): Starker thematischer Bezug zur Umwälzung traditioneller Werte zugunsten einer unabhängigen und freien Denkweise jedes Menschens. Der Verstand und der Rationalismus sind zentrale Begriffe im Verständnis der Vertreter dieser Epoche (Goethe, Lessing, Kant).
  • Epoche der Weimarer Klassik (1786 - 1805): Prägung durch idealistische Weltbetrachtung, Harmoniebilder und Verneinung von Extremen im Vordergrund typischer Vertreter (Schiller, Werder aber auch Goethe).
  • Epoche der Romantik (ca. 1795 - 1840): Vereint die fühlende Seite des Menschens (Emotionen) mit seiner denkenden Seite (Verstand). Für Vertreter der Romantik (Fichte, Schelling, Schleiermacher) gibt es kein "entweder fühlen oder denken", sondern eine homogene Mischung beider, gleichgestellter Aspekte des Menschlichen wird in den Vordergrund gestellt.
  • Zusammenfassend ist Die Marquise von O... keiner Epoche vollständig zuordenbar. Sie besitzt zwar Themen der Aufklärung und der Romantik, setzt diese Themen aber nicht konsequent genug um, um klar eingeordnet werden zu können. Daher gilt sie als epochenunabhängiges Werk.

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