Leni
Leni
Leni ist die Angestellte und Pflegerin des Advokaten Huld. Sie erscheint als junges Mädchen mit bleichem, puppenförmig gerundetem Gesicht. Das Augenmotiv, welches im Proceß oft beim Kontakt mit erotisch anziehenden Frauen auftaucht (vgl. die Augen der Waschfrau, Kap. 3), begegnet uns auch hier: K. sieht durch das Guckfenster zur Wohnung des Anwalts zunächst zwei große schwarze Augen (vgl. Kap. 6, Z. 252).
So erscheint Leni von Anfang an verführerisch-sirenenhaft und zeigt sofort ihr Interesse an K. mit Blicken (vgl. Kap. 6). Später lieben beide sich auf dem Teppich im Arbeitszimmer des Advokaten. Dass sie zugleich wohl die Geliebte des Anwalts ist, zeigt sie mit ihren Zärtlichkeiten für diesen: Sie beugt sich über ihn und flüstert mit ihm, sie streichelt seine Hand (vgl. Kap. 6, Z. 506). Ihre Promiskuität (Praxis häufiger Geschlechtspartner) wird später allzu deutlich, als K. kommt, um dem Anwalt zu kündigen: Offenbar schläft sie auch mit Block, laut ihren Worten habe sich seiner „ein wenig angenommen“ (Kap. 8, Z. 117). Laut Huld findet Leni alle Angeklagten aus irgendeinem Grunde schön und macht sie zu ihren Geliebten.
Wohin das führt, ist an Kaufmann Block gut abzulesen. Er ist völlig abhängig von Lenis Gunst, die ihn in seiner ärmlichen Kammer überwacht, ihm Essen und Trinken bringt und Advokat
Huld von ihm berichtet. Für den Leser ersichtliche Vorteile in Blocks Prozess haben sich dadurch nicht ergeben. Auch K. erzielt in seinem Prozess durch die Bekanntschaft Lenis keine Fortschritte, obwohl er bei sich denkt, dass er Helferinnen werbe. Vielmehr ist es sogar so, dass sie ihn vom Prozess ablenkt. Zunächst wirft sie einen Teller an die Wand, um K. aus einer Besprechung mit Anwalt Huld dem Kanzleidirektor und Onkel K. zu locken, dann meint sie fast klagend zu ihm: „Aber müssen Sie denn immerfort an Ihren Proceß denken?“ (Kap. 6, Z. 506 f.) K.s Onkel ist ihr Einfluss zuwider, er bezeichnet sie daher als „Hexe“ (Kap. 6, Z. 336). Auch der Gefängniskaplan äußert sich missbilligend über den Einfluss der Frauen bzw. K.s Suche nach deren Hilfe.
Dennoch hat sie für K. einen Tipp übrig: Er verhalte sich zu unnachgiebig. Sie wolle ihm sogar helfen, doch müsse er dafür gestehen. Dabei hat K. ihr von seinem Prozess nicht einmal erzählt. Leni gehört damit zu den „Wissenden“, die aus ungeklärten Gründen einen Vorsprung vor K. zu haben scheinen. K. vertraut ihr auch in gewissem Maße und will mit ihr die Kündigung des Advokaten besprechen, bevor er zur Tat schreitet.
Leni ist besitzergreifend und eifersüchtig. Sie fragt K. über Elsa aus, an der sie kein gutes Haar lässt, obwohl sie ihr nie begegnet ist (vgl. Kap. 6). Die Forderung „Jetzt gehörst du mir“ verdeutlicht den Anspruch, den sie auf K. erhebt (Kap. 6, Z. 580). Nachdem sie und K. sich geliebt haben, gibt sie ihm den Schlüssel zur Wohnung, um ihn an sich zu binden.
Das Motiv des Animalischen zeigt sich überdeutlich bei ihr in Verbindung mit dem Triebhaften: Zwischen Mittel- und Ringfinger der rechten Hand befindet sich ein Häutchen - eine „Kralle“, wie K. ausruft (Kap. 6, Z. 569). Daraufhin küsst er sie und Leni beißt ihn in den Hals und in die Haare. Als K. dem Anwalt kündigen möchte, versucht Leni, K. mit Gewalt aufzuhalten (vgl. Ende Kap. 8). Sie ist also bestrebt, K. in der Welt des Gerichts festzuhalten. Trotzdem warnt sie ihn später davor, dass ihn das Gericht hetzt - obwohl K. Huld gekündigt hat, empfindet Leni weiterhin Sympathie bzw. Mitleid gegenüber K.