Schreiben als Therapie
Mit ihrem Roman Transit macht Anna Seghers deutlich, dass Erzählen und Schreiben therapeutische Wirkung haben kann.
Überlebenstaktik
- Anna Seghers lenkte sich selbst von dem zähen Transit-Leben ab, indem sie jede freie Minute zum Schreiben nutzte. Sie begann mit der Arbeit an Transit in Cafés und Wartesälen und sagte selbst einmal: „Das Schreiben hat mir über die schwere Zeit hinweggeholfen.“
- Während man sich seine eigene Geschichte im Schreibprozess ins Gedächtnis ruft, kann man sich seiner Identität wieder bewusst werden, es wirkt wie eine Art Selbstvergewisserung; gerade die Identität drohte Anna Seghers durch ihre Flucht ins Exil ja zu verlieren
- Wenn man seine Erlebnisse sortiert und darüber berichtet, kann man Schmerz verarbeiten und das Geschehene abschließen; wie auch der Ich-Erzähler erkennt, als der Legionär von seiner Wüsten-Reise spricht: „Ich wusste, dass er erst jetzt, in dieser Minute, an diesem Tisch, sein vergangenes Leben abschloss. Denn abgeschlossen ist, was erzählt wird. Erst dann hat er diese Wüste für immer durchquert, wenn er seine Fahrt erzählt hat.“ (S. 230)
- Beim Schreiben kann man rückblickend Schlüsse ziehen, eigene Fehler erkennen und daraus schließlich neue Perspektiven und Erkenntnisse für die eigene Zukunft gewinnen; auch der Ich-Erzähler im Roman gibt an einigen Stellen zu, dass er es heute besser weiß
- Noch direkter als der recht einsame Schreibprozess wirkt das Erzählen, das Anna Seghers deshalb ihrem Ich-Erzähler in der Pizzeria gegenüber einem imaginären Hörer zur Aufgabe macht: „Ich möchte gerne einmal alles erzählen, von Anfang bis zum Ende“ (S. 6)
- Beim bewussten Erzählen findet ein direkter Austausch mit dem Zuhörer statt. Während der Erzähler, wie der Schreiber, seine Erlebnisse durchdenkt, sich seiner Identität vergewissert und alles geordnet wiedergibt, kann der Zuhörer miterleben, Mut machen und Trost spenden. Außerdem kann er für sich selbst Vergleiche anstellen und aus dem Erlebten des Erzählers für das eigene Handeln lernen. Erzähler und Zuhörer überwinden in der Situation gemeinsam ihre Einsamkeit und konzentrieren sich in dem Moment auf sich, anstatt sich in der flüchtigen Transit-Welt mit belanglosem Smalltalk zu verlieren: „Wie flüchtig ist das Geraschel von ein paar Worten, wie Geldscheine, die man in Eile wechselt“ (S. 6)
- Auch nach ihrer Flucht nach Mexiko half Anna Seghers das Schreiben. Bei der Arbeit an ihren Werken hatte sie weiterhin Kontakt mit ihrer Muttersprache, die für sie Identität stiftete
Schaffen von Überdauerndem
- Als Autorin wollte Anna Seghers etwas Schaffen, das überdauert; sie wollte mit ihren Büchern etwas hinterlassen in der für sie vergänglichen Welt
- Auch ihren Ich-Erzähler lässt Anna Seghers nach etwas suchen, das für immer vorhält (Vgl. S. 134)
- Am Werk von Autor Weidel zeigt Seghers exemplarisch auf, dass dieser durch sein Schaffen auch nach seinem Tod Einfluss auf Menschen hatte; so wird etwa der Erzähler von Weidels unveröffentlichtem Manuskript im Koffer nachhaltig beeinflusst