Motive
Emilia Galotti bietet ein breit gefächertes Repertoire an motivischen Themen. Wir beschränken uns in dieser Lektürehilfe auf die Sprachräume sowie die Liebeskonstellationen der Figuren im Werk. Beide Themenkomplexe werden nun im Folgenden analysiert.
Sprachräume in Emilia Galotti
Dass die Orte in Emilia Galotti sich an unterschiedlichen Schauplätzen abspielen, grenzt Emilia Galotti vom klassischen, also geschlossenen Drama ab und verleiht dem Trauerspiel eine offene Form.- Kabinett des Prinzen: Im Arbeitszimmer Hettores wechseln sich Bürokratie und Willkürlichkeit miteinander ab, was eine Widersprüchlichkeit belegt, die von der Regierung einer Stadt undenkbar ist. Eindeutig herrscht hier der Prinz, welcher seine Besucher ausschließlich über das Vorzimmer empfängt. Insbesondere zeigt sich die Verantwortungslosigkeit in der Nachlässigkeit, mit welcher der Prinz seine Bittschriften und Briefe beantwortet. So bleibt ein Brief der Gräfin Orsina gänzlich ungeöffnet, während allein der Name Emilia einer Bittstellerin zur Bewilligung ihres Antrags verhilft. Es scheint, als wenn hinter den fürstlichen Mauern eigene Maßstäbe gelten, deren Regeln das Oberhaupt nach Lust und Laune bestimmt. Durch das Vorzimmer als Warteraum schottet sich Hettore von dem bürgerlichen Leben draußen auf der Straße ab und hält sich die unweigerlichen Verantwortungen auf Abstand
- Haus der Galottis: Das Zuhause Emilias unterliegt durch die Nähe zum Hofe dem Machtbereich der Krone und gewährt zugleich Einblicke in das bürgerliche, von Tugend geprägte Leben der Galottis. Doch die Privatsphäre der Familie wird durch Marinelli gestört, der aufgrund der List, welche er für Appiani geplant hat, dort auftaucht. In diesem Fall findet eine signifikante Grenzüberschreitung der Seiten Bürgertum und Adel statt, da sich der Kammerherr des Prinzen mit seinem unangekündigten Besuch im Hause der Galottis auf fremdes Terrain begibt
- Lustschloss auf Dosalo: Der Wohnsitz außerhalb der Stadt kann als eine Art Gegensatz zum Kabinett der Schlossresidenz in Guastalla angesehen werden. Nicht grundlos besitzt das Anwesen des Prinzen die Bezeichnung „Lustschloss“. Der Name deutet darauf hin, dass es sich hierbei um einen Ort der Verführung handelt. Orsina etwa bemerkt beispielsweise im 3. Auftritt im 4. Aufzug, sie sei „sonst [mit] Liebe und Entzücken“ (Aufz. 4, Auft. 3, Z. 8) auf Dosalo begrüßt worden und auch Hettore versichert Emilia, dass im Schloss „Entzückungen auf Sie warten“ (Aufz. 3, Auft. 5, Z. 50). Nach letzterer Aussage verschwinden die beiden in die Tiefen der Gemächer des Lustschlosses und Marinelli bleibt zurück, da er die Zweisamkeit des Prinzen und Emilia nicht stören möchte. Das Lustschloss unterliegt ebenso wie der Schlossitz in Gaustalla der Macht des Prinzen, jedoch gerät auch hier die Handlung und demzufolge die Herrschaft Hettores außer Kontrolle. Der einstige Ort der Verführung wird am Ende zum tödlichen Tatort. Hier findet die fallende Handlung und schlussendlich die Katastrophe in der Ermordung Emilias statt. Auch an diesem Ort findet ein Verschmelzen der Stände statt, indem die royale Residenz als Zufluchtsort für die Galottis nach dem Überfall dient
- Kirche: Während die Kirche neben dem Landsitz Odoardos auf Sabionetta der einzige Platz ist, an dem der Prinz seinen Einfluss der göttlichen Macht hintanstellen muss, fühlt sich der einfache Bürger sicher in den heiligen Mauern des Gotteshauses. Dass Hettore Emilia ausgerechnet in einer Kirche seine Liebe gesteht, markiert die erste Grenzüberschreitung des Prinzen in die Welt des Bürgertums. Dass Hettore sich anmaßt in einer Umgebung, welche sich durch Tugendhaftigkeit und Moral auszeichnet, einzudringen, indem er seine Gefühlslage über alles andere stellt, stößt das tragische Schicksal der Heldin der Tragödie an ! Emilia besitzt keinen eigenen Rückzugsort für sich. Stattdessen befindet sie sich unter ständiger Beobachtung durch Autoritäten wie ihren Vater, den Prinzen oder ihren Verlobten.
Liebeskonstellationen der Figuren
- Prinz Hettore und Emilia Galotti: Mit den beiden Figuren als Paar treffen zwei Welten aufeinander. Emilia, welche die tugendhaften und moralischen Werte des Bürgertums wie Religiosität und Vernunft vertritt und Hettore, der für sein schnelllebiges, unverantwortliches, arrogantes sowie amouröses Wesen bekannt ist. Reinheit prallt in diesem Fall auf Sünde. Als problematisch sollte der Besitzanspruch des Prinzen über Emilia herausgestellt werden, welcher fernab wahrer Liebe liegt. Hettore spricht seinen Wunsch mit den Worten „am liebsten kauft' ich dich, Zauberin!“ (Aufz. 1, Auft. 5, Z. 6) wörtlich aus. Die anfängliche rein körperliche Leidenschaft des Prinzen wandelt sich jedoch im Laufe der Handlung in Liebe
- Emilia Galotti und Prinz Appiani: Emilia und Appiani pflegen ein inniges, von Respekt gekennzeichnetes Verhältnis. Die Durchführung der Heirat jedoch scheint eher dem Zweck zu dienen, als aus wahrer Liebe zu geschehen. Während es Emilias Vater Odoardo kaum erwarten kann, seine einzige Tochter in „sicheren Händen“ zu wissen, fühlt Emilia gegenüber Appiani unverfälschte Freundschaft, doch keine leidenschaftliche Liebe. Ihr Verlobter hingegen liebt die Protagonistin aus tiefstem Herzen. Allerdings unterscheidet sich seine Art, seine Gefühle zu zeigen von der Weise des Prinzen darin, dass er Emilia sehr zurückhaltend und beinahe schüchtern entgegentritt
- Prinz Hettore und Gräfin Orsina: Hettore und Orsina verbindet eine toxische Liebe, die zumindest vonseiten des Prinzen allein durch Begierde aufrecht erhalten bleibt. Die Gräfin empfindet tiefe Gefühle für ihn, doch als sie erkennt, dass er ihr gegenüber nur noch Gleichgültigkeit empfindet, weicht ihre Zuneigung purem Has