Wärme
Im Gegensatz zur Kälte ist die Wärme innerhalb geschlossener Räume spürbar. Auch sie hat Verweischarakter, denn E. beschreibt Situationen als unangenehm warm, die durch körperliche Nähe ausgezeichnet sind. Die Wärme ist oftmals mit einem anderen Motiv, dem Leben, verbunden (vgl. Kälte-Tod).
S. 13f.: Als die ihm zu diesem Zeitpunkt unbekannte Agnes gegenüber Platz nimmt, kann E. sich nicht konzentrieren. Die Bibliothek bezeichnet er als „überheizt“. Offenbar empfindet er die dortige physische Nähe als unangenehm. Draußen fröstelt er dann, obwohl es nicht kalt ist, was als ein Hinweis auf seinen inneren Zustand gelesen werden kann.
S. 58f.: Als sie bei Sonnenschein gemeinsam auf der Lichtung liegen, beginnt der Prozess der inneren Entfremdung bei gleichzeitiger körperlicher Nähe.
S. 75: Nach ihrem Ohnmachtsanfall vom Tag zuvor ist Agnes wie ausgewechselt. Sie sieht aus „wie eine Wilde“ und ist im Einklang mit sich und der Natur. Die Sonne erwärmt die Luft und Agnes und E. schlafen im Freien miteinander. Statt den Motiven Kälte, Tod, Krankheit, Müdigkeit oder Leere sind hier in beispielhafter Weise Wärme, Leben, Selbstfindung, Erfüllung und Glück miteinander verknüpft. In diesem Moment hat Agnes auch keine Angst davor, spurlos in der Natur zu verschwinden.
S. 79: Im November wird es noch einmal warm, die Stadt liegt „in goldenem Licht“ - eine geradezu poetische Beschreibung für den sonst so nüchtern-sachlichen Erzähler. Als dieser nachhause kommt, schwitzt er jedoch, ist schläfrig, aber unruhig. Das gleißende Sonnenlicht blendet ihn - E. empfindet Wärme und Licht also erneut als unangenehm. In seiner Geschichte schreibt er von seinem Heiratsantrag an Agnes, an den er in der Realität niemals gedacht hat. Eine Deutung, welche die als unangenehm empfundene Wärme auf die Vorstellung, Agnes zu heiraten, bezieht, ist möglich; sie bleibt jedoch in der Schwebe.
S. 106: Im Archiv ist es mit Louise heiß und trocken. Hier verweist die Wärme allerdings auf die sexuell aufgeladene Atmosphäre.
S. 128: Das gemeinsame heiße Bad wird von E. nicht als unangenehm geschildert. In dieser Szene wird allerdings klar, dass seine Beziehung mit Agnes längst erkaltet ist.
S. 151f.: Im fiktiven Schluss2 des Erzählers friert Agnes, stellt die Kälte aber nur fest, ohne sie zu fühlen. Sie legt sich in den Schnee und gewinnt nach und nach ihr Gefühl zurück, bis es ihr scheint, „als liege sie glühend im Schnee, als müsse der Schnee unter ihr schmelzen.“ Es bleibt offen, ob die reale Agnes ihrem literarischen Pendant folgt und den Tod als Erlösung empfindet, oder ob sie E. verlässt und das zurückgewonnene Gefühl für ihre Selbstfindung und ihre wiedererlangte Identität steht.