Faust und Gretchen
Die Beziehung zwischen Faust und Gretchen ist eine Geschichte des Scheiterns - kurzweiligem Glück stehen soziale Ächtung, der Tod von Gretchens Familie, die Ermordung des gemeinsamen Kinds und ihre Hinrichtung gegenüber. Es ist eine Beziehung, die von Anfang an zum Scheitern verdammt ist. Aber warum scheitert die Beziehung, wo Faust sich doch nach Liebe sehnt und Gretchen bereit ist, sich Faust gänzlich hinzugeben?
Der erste Grund für das Scheitern der Beziehung ist der Weg, wie Faust Gretchen zum Objekt seiner Begierde erwählt. Faust verliebt sich in Gretchen nicht durch längere Bekanntschaft, sondern sieht sie auf der Straße - und schreitet sofort zur Tat. Dies spricht Bände über Fausts Absichten. Die Liebe steht unter Mephistos Stern. Faust verliebt sich, da der Verjüngungstrank, den ihm die Hexe gegeben hat, seine Leidenschaft entfacht und das Bild der schönen Helena seine Sehnsucht nach der Schönheit erweckt hat. Faust verliebt sich also „nach Plan“ in die Erstbeste: „Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, / Bald Helenen in jedem Weibe“, weiß Mephisto (Sz. 6, Z. 460 f.). Dass Faust und Gretchen sich überhaupt kennenlernen, ist dem Einfluss des Bösen zu verdanken. Fausts Handeln bestimmt also die Triebhaftigkeit und nicht die ehrliche Liebe.
Faust ist hauptsächlich an der Befriedigung seiner Lust interessiert, nicht an einem Zusammenleben mit Gretchen. Er gibt sich ihr nicht hin. Im Kerker empfindet Faust Mitleid für Gretchen, keine Liebe. Er versucht, sie entgegen ihrem Willen aus dem Kerker zu entführen. Durch Fausts Egoismus ist keine harmonische Beziehung möglich, er gibt wenig Rücksicht auf ihre Bedürfnisse. Die Beziehung ist also von Einseitigkeit geprägt: Gretchen gibt sich Faust hin, liebt ihn wahrhaftig, schränkt sich für ihn ein, macht sich für ihn schuldig, verrät für ihn ihre moralischen Vorstellungen - Faust interessiert sich zwar für Gretchen, doch nimmt er sie nie wahrhaftig ernst, sie ist stets für ihn sein „Kind“ (Sz. 25, Z. 228) oder „Liebchen“ (Sz. 25, Z. 144), nach der Tötung Valentins verschwindet er, ohne Gretchen eine Nachricht zu hinterlassen. Er ist sogar so egoistisch, dass er eine Beziehung mit ihr eingeht, obwohl er weiß, dass er sie dadurch ins Unglück stürzen wird (vgl. Sz. 25, Z. 125)
Eine feste, öffentliche Beziehung mit Gretchen ist nicht mit Fausts Wesen vereinbar - als rastlos Suchender kann und will er sich nicht fest binden. Gretchens Verhaftung im Häuslichen und in ihrer Familie rührt ihn, da er dies nicht kennt, aber er gibt seine rastlose Suche nicht für sie auf. Gretchens Wunsch nach geordneten Verhältnissen ist das Gegenteil von Fausts immerwährender Unzufriedenheit mit dem, was er bereits hat und seinem Streben nach mehr.
Neben ihren unterschiedlichen Absichten sind aber auch ihre unterschiedlichen Charaktere für das Scheitern der Beziehung verantwortlich. Faust befindet sich eindeutig in der Machtposition: Er ist wesentlich älter als Gretchen und von höherem sozialen Stand. Während Gretchen ein Beispiel für bürgerliche Moral ist - bestehend aus Disziplin, Fürsorglichkeit, Sittsamkeit und Kirchengläubigkeit -, ist Faust ein desillusionierter, erfahrener Wissenschaftler, der sich wenig um soziale Normen und um die Meinung der Kirche schert. Das Universalgenie Faust ist dem naiven und unerfahrenen Gretchen geistig überlegen. Dennoch weist sie eine realistischere Sicht auf ihre Beziehung auf als Faust. Sie erkennt, dass Faust und sie völlig verschiedene Lebensweisen verfolgen, bemerkt, dass tiefsinnige Gespräche an ihren Unterschieden scheitern (z. B. das Religionsgespräch). Faust fegt seine Bedenken aufgrund dieser Unterschiede beiseite, als angesehene Persönlichkeit muss er aber nicht so um seinen gesellschaftlichen Ruf fürchten wie Gretchen. Daher können sie ihre Liebe nicht offen ausleben, sondern müssen dies im Geheimen tun - für Gretchen wäre es fatal, würde ihre außereheliche Beziehung zu Faust bekannt.
Hier wird oft die Frage nach der Schuld gestellt. Wer ist für diese Entwicklung verantwortlich? Wer hat Schuld an der Zerstörung von Gretchens Leben? Diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten und sehr kontrovers. Sicher ist Faust der Verführer, der Gretchen nicht wahrhaftig liebt und sie wissentlich zum Untergang verdammt. Er ist mit dem Teufel im Bunde und nicht an einer festen Beziehung interessiert. Er gibt ihr den Schlaftrank für ihre Mutter, er tötet mit Mephisto ihren Bruder und lässt sie anschließend allein. Er ist blind für ihre Unterschiede und in der Beziehung rücksichtslos wie egoistisch.
Doch auch Gretchen trägt einen Teil der Schuld: Sie lässt sich entgegen ihre Moralvorstellungen verführen, sie träumt vom sozialen Aufstieg, sie verspürt auch sexuelles Interesse an Faust, lässt sich von seinen Geschenken blenden und zu einer Beziehung verleiten, wird seine Komplizin und verabreicht ihrer Mutter den Schlaftrank, ist sich ihrer Unterschiede bewusst und gibt sich Faust doch hin. Sicher ist sie das Opfer, aber sie war sich der Risiken einer Beziehung bewusst und hat sich dadurch Schuld aufgeladen.
Zudem stehen Gretchens Schuldgefühle dem Erfolg der Beziehung zudem entgegen. Die Liebe zu Faust bedeutet eine Identitätskrise, da sie entgegen ihren Moralvorstellungen handelt, mit denen sie sich identifiziert.
Schließlich kommt es, wie es kommen muss: Gretchens Beziehung zu Faust wird bekannt und ihr Leben zerstört. Ihr Bruder stirbt beim Versuch, ihre Ehre wiederherzustellen, Faust lässt Gretchen im Stich, diese wird aus Verzweiflung wahnsinnig und tötet ihr eigenes Kind. Ab hier ist eine Beziehung nicht mehr möglich: Gretchen plagen Schuldgefühle, sodass ein Leben auf der Flucht mit Faust für sie nicht infrage kommt.
Schließlich kommt es, wie es kommen muss: Gretchens Beziehung zu Faust wird bekannt und ihr Leben zerstört. Ihr Bruder stirbt beim Versuch, ihre Ehre wiederherzustellen, Faust lässt Gretchen im Stich, diese wird aus Verzweiflung wahnsinnig und tötet ihr eigenes Kind. Ab hier ist eine Beziehung nicht mehr möglich: Gretchen plagen Schuldgefühle, sodass ein Leben auf der Flucht mit Faust für sie nicht infrage kommt.

Abb. 1: Gretchen übergibt sich dem Gericht Gottes, Faust flieht mit Mephisto. Lithographie von Wilhelm Hensel (1835).