Zeit- und Kulturkritik
Hermann Hesses Roman Der Steppenwolf ist ein sehr vielschichtiges Werk.
Es gibt daher mehrere Interpretationsansätze, die im Folgenden behandelt werden. Der Steppenwolf kann als Kritik an der Zivilisation der „Goldenen Zwanziger“ gesehen werden.
Es gibt daher mehrere Interpretationsansätze, die im Folgenden behandelt werden. Der Steppenwolf kann als Kritik an der Zivilisation der „Goldenen Zwanziger“ gesehen werden.
Die Hauptfigur Harry Haller ist als traditionsbewusster Gelehrter konzipiert. In seinen Augen sind die kulturellen und technischen Neuerungen allesamt schlecht. Anstatt die Gesellschaft positiv weiterzubringen, stellen sie in seinen Augen einen Abstieg, ja gar einen Verfall in die Barbarei dar. Er befürchtet, dass die ewigen, geistigen Werte verloren gehen, da diese von der Gesellschaft keinerlei Wertschätzung mehr erfahren. „Ein Friedhof war unsre Kulturwelt“ (S. 101), klagt Haller sogar und beschreibt an anderer Stelle die Zeit als „riesigen Ramsch und Kulturausverkauf“ (S. 208).
Besonders am Beispiel der Musik und der Literatur wird Harry Hallers Einstellung deutlich. An mehreren Stellen im Roman kritisiert er etwa die Jazz-Musik als „Untergangsmusik“ (S. 49) oder bezeichnet die Werke von moderne Komponisten der Wiener Schule oder von italienischen Künstlern als „überflüssige Noten“. Auch mit moderner Literatur kann Harry Haller nichts anfangen. Für ihn zählt nach Goethe kein Autor mehr etwas, weder Heine, noch Mann.
Neben der modernen Kunst kritisiert Harry Haller aber auch die technischen Errungenschaften wie Film, Kino oder Radio. Zwar besuchte er kurz vor dem Maskenball aus Langeweile einen Kino-Film über Moses, wetterte danach aber: „Um diese Schweinerei zu verhüten, hätten damals, außer den Ägyptern, auch die Juden und alle andern Menschen lieber gleich untergehen sollen“ (S. 208). Auch, als ausgerechnet Mozart ihm ein Händel-Konzert auf dem Radio vorspielt, ist Haller empört, bezeichnet das Gerät als „letzte siegreiche Waffe im Vernichtungskampf gegen die Kunst“ (S. 271).
Nicht verwunderlich also, dass Harry Haller Massenphänomene nicht leiden kann. Dürfen dort doch alle noch so ungebildeten Menschen an dem, was noch Kultur genannt wird, teilhaben. So bezeichnet er diese Art der Kultur auch als „Untergangskultur“, die nichts mit wirklicher Kultur zu tun hat. Harry Haller wäre es lieber, dass nur die geistige Elite an Kultur teilhaben darf. Und auch, wenn er im Laufe der Handlung Gefallen an den wilden Tanzabenden dieser Zeit findet, kann er diese Art der Massenkultur nicht akzeptieren.
Dies mag vor allem auch daran liegen, dass Haller in Bezug auf die Menschen eine klare Zweiteilung vorgenommen hat. Für ihn gibt es einerseits die Eigentlichen, die Anspruchsvolleren. Die, „mit der Sehnsucht, mit der Dimension zu viel“ (S. 196), wie Hermine einmal sagte. Auf der anderen Seite gibt es die Massenmenschen, die Anspruchslosen, denen das Leben im Hier und Jetzt genügt, die nicht nach der Ewigkeit streben. Laut Harrys und Hermines Verständnis gehört diesen Menschen das Geld und die Macht. Nach Hallers Charakterisierung handeln diese Menschen tagtäglich nach „mehr oder weniger erlogener Artigkeit“ (S. 102), treiben Spielchen und laufen ihrer Wichtigkeit nach. Er stattdessen denkt über sich nach und strebt nach dem wahren Leben.
Haller fühlt sich allerdings nicht nur aufgrund seines elitären Menschenkonzeptes als Außenseiter. Auch in politischen Fragen ist er anderer Meinung als die Mehrheit der Gesellschaft. Nach den Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg will er einen neuen Krieg verhindern, merkt aber, dass seine Bemühungen ins Leere laufen. Anstatt ernst genommen zu werden, wird er als Vaterlandsverräter angegriffen. „Keiner will den nächsten Krieg vermeiden, keiner will sich und seinen Kindern die nächste Millionenschlächterei ersparen“ (S. 152), klagt er.
Diese Hoffnungslosigkeit in der Kriegs-Frage überträgt sich auf Hallers gesamte Sicht der Zeit. Er erkennt, dass die Menschen keine Einsicht zeigen und daher keine Lösung zu erwarten ist. Der Verfall der Zivilisation und der Kultur ist für ihn unumgänglich.
Wie sich einige Jahre später zeigen sollte, war Hesses Zeit- und Kulturkritik durch seine Hauptfigur Harry Haller gerechtfertigt.