Aufbau
In diesem Kapitel wird der Aufbau von Juli Zehs Werk Corpus Delicti genauer betrachtet.
Struktur
- Die Handlung ist in 50 Kapitel unterteilt
- Die einzelnen Kapitel sind dabei meist nur zwischen zwei und fünf, maximal zwölf Seiten lang
- Kapitel 34 Der Härtefall bildet die Ausnahme: Das Kapitel umfasst 16 Seiten und wird somit zu einem Schwerpunkt des Romans
- Jedes Kapitel hat eine Überschrift
- Die Überschriften sind entweder einzelne Worte oder Satzteile, die im jeweiligen Kapitel vorkommen
- Einige Überschriften wirken zunächst völlig sinnlos, z.B. Pfeffer oder Bohnendose, andere fassen den Inhalt zusammen, z.B. Die ideale Geliebte
- Auch die Anordnung der Kapitel wirkt zunächst wahllos; so folgt auf das Vorwort, das direkt in das Hauptthema einführt, das Kapitel Das Urteil, welches die Handlung vorwegnimmt. Danach wechseln Kapitel über die Gegenwart sowie die Vergangenheit ab (Episodenstil)
- Kapitel 50 Zu Ende geht über die zu Beginn vorweggenommene Handlung bzw. das Urteil hinaus
Zeitebenen
- Zeitdeckung: In den Dialogen oder Kramers TV-Auftritten entspricht die Erzählzeit der erzählten Zeit, z.B. S. 30 oder S. 199-2011
- Zeitdehnung: In Situationen, in denen Mia versucht, die Bedeutung der Situation zu verstehen, ist die Erzählzeit länger als die erzählte Zeit, z.B. S. 172/173
- Zeitraffung: In Erzählberichten wird die erzählte Zeit auf das Wesentliche verkürzt. z.B. S. 33
- Rückblicke: Die Erinnerungen an Moritz werden in Rückblicken aufgegriffen, die anders als die restliche Handlung nicht in Präsens, sondern im Präteritum verfasst sind
Formale Frage: Drama oder Parabel?
Drama
- Der Aufbau lässt sich wie ein Drama in fünf Akte unterteilen:
Exposition: Mia als Methodenanhängerin und Einführung der Protagonisten (Kapitel 1 - 14)
Steigende Handlung: Mias Ambivalenz nach Moritz‘ Tod (Kapitel 15 - 32)
Höhepunkt: Mia erkennt die Fehlbarkeit der Methode (Kapitel 33 - 35)
Retardierendes Moment: Trotz Verhaftung als Hetzerin steht das Volk hinter ihr; keine Angst vor Scheintod-Urteil (Kapitel 36 - 42 bzw. 49)
Katastrophe: Mia verliert im Kampf gegen Kramer und die Methode; Scheintod wird ihr verwehrt (Kapitel 43 - 50 bzw. 50) - Wie im Drama üblich erlebt die Hauptfigur einen tragischen Konflikt:
Mia ist eigentlich Methodenanhängerin und Verstandesmensch, liebt aber ihren Bruder und will ihn verteidigen
Mia steht im Konflikt mit dem Gesetz
Mia vertraut und mag Kramer, obwohl er ihr größter Feind ist - Auch den Zweck des Dramas erfüllt Corpus Delicti:
Die Handlung weist auf Missstände in der Gesellschaft hin
Kritik am System und an den Bürgern
Mias Scheitern soll zum Nachdenken anregen - Die Einheit von Zeit ist nicht eingehalten, da die Dauer mehrere Wochen einnimmt;
die Einheit des Ortes nur im Sinne einer einheitlichen Stadt, aber mehrere Schauplätze
die Handlung ist in sich geschlossen trotz Rückblenden
Parabel
- Eine Parabel ist generell eine kurze Textform, was eher nicht zu einem 264-Seiten-Werk passt
- Allerdings hat Corpus Delicti wie jede Parabel eine übertragene Bedeutung, die nicht explizit formuliert ist:
Zeh stellt den Gesundheitswahn überspitzt dar, ohne ihn zu beurteilen
Die didaktische Absicht liegt darin, zu zeigen, dass durch den Wahn die Lebensfreude verloren geht - Die negative Utopie soll wie eine Parabel zum Nachdenken anregen und vom Leser als Warnung für sein eigenes Leben aufgefasst werden
- Typisch für eine Parabel weist das Werk eine bildhafte Sprache auf
- Antithetischer Aufbau:
In Corpus Delicti stehen Mia und Kramer mit ihren Einstellungen für zwei gegensätzliche Gedanken, die gegenübergestellt werden