Verschiedene Interpretationen
Verschiedene Interpretationen des Processes
Biographische Interpretation
- Wertet den Proceß als Verarbeitung individueller Lebensumstände Kafkas
- Parallelen zwischen dem Proceß und Kafkas Trennung von seiner Verlobten Felice Bauer: Fräulein Bürstner wird wie Felice Bauer mit F. B. abgekürzt, Felice Bauer war wie Fr. Bürstner Stenotypistin
F. B. sprach sich vor der Trennung zusammen mit Kafka und ihrer Freundin Grete Bloch aus, Kafka empfand dieses Treffen als eine Gerichtsverhandlung, bei der seine Schuld bereits festgestanden habe
- Auch K.s Schuld scheint von Anfang an festzustehen, das Gericht lässt sich nicht von seiner Meinung abbringen; sehr häufig findet sich das Motiv, dass zwei Personen über K.s Kopf hinweg über ihn entscheiden (vgl. 1. u. 10. Kapitel)
- K.s Schuld scheint mit Fräulein B. zusammenzuhängen; sein Verhältnis zu ihr schwankt „entsprechend dem Prozess“ (Kap. 7)
Der Proceß entstand nach der Trennung Kafkas von F. B.; kurz, bevor sie wieder zusammenfanden, beendete er seine Arbeit am Roman
- Der Proceß kann daher als die „Eingabe“ K.s im Roman verstanden werden: Er diente womöglich als Rechtfertigung und als Abrechnung mit der eigenen Schuld, wie die Eingabe wurde er aber nie fertig
- Parallelen zwischen K. und Kafka: Beide sind Juristen, distanziert gegenüber anderen Menschen, haben ein kompliziertes Verhältnis zu Frauen (man vermutet, dass Kafka und Grete Bloch ein Verhältnis hatten, was zur Auflösung der Verlobung mit F. B. führte)
- Thematisierung von Voyeurismus und der Verletzung der Privatsphäre im Proceß: Das Gespräch mit F. B. in Dasein der Grete Bloch empfand Kafka als Bloßstellung und Demütigung
- Darstellung des Verhältnisses von Macht und Ohnmacht, Distanz und Intimität - hier verarbeitet Kafka eventuell seine Beziehung zur Familie, v. a. zu seinem Vater, der sich gleichermaßen autoritär wie reserviert gegenüber Kafka verhielt (Kafka‘scher Vaterkomplex); der Vater kann als Vorbild für dominante männliche Figuren wie den Direktor-Stellvertreter und Advokat Huld gedient haben
- Verarbeitung des für Kafka schwierigen, nicht bewusst gesteuerten Schreibprozesses: K. grübelt endlos und hat oft Tagträume, Kafka schrieb häufig im Halbschlaf; die Eingabe kann für die endlose Arbeit des Schreibens stehen (s. o.)
- Die Türhüterparabel steht hier für das Recht, das Kafka vermeintlich verwehrt wurde, von der Schuld an der Trennung von F. B. wurde er nicht freigesprochen, stattdessen erfolgt im Roman die Überwindung der Schuld durch deren Akzeptanz und der Mithilfe an der eigenen Hinrichtung (Symbol für die Abrechnung mit der Schuld)
Psychoanalytische Interpretation
- Der Prozess K.s als Prozess des Unterbewussten gegen das Bewusste, als Selbstfindungsprozess oder als Bewusstwerden einer Verdrängung
- Das Gericht entspricht der Psyche K.s: Alles gehört zum Gericht (Kap. 7); es befindet sich auf Dachböden, also verborgen, in abgelegene Räumlichkeiten verdrängt; widersprüchliche Aussagen über das Gericht entsprechen der eigenwilligen Logik der Psyche, die sich dem rationalen Verstand entzieht, daher auch die endlose, verschachtelte Hierarchie des Gerichts, denn die Psyche des Menschen ist extrem komplex
- Das Gericht ist für K. nicht greifbar
das Unterbewusstsein entzieht sich dem bewussten Zugriff, es befindet sich auf Dachböden und steht damit „über“ dem Bewusstsein
- Das Unterbewusstsein rebelliert gegen K., indem ihn das Gericht immer mehr vereinnahmt, sodass er es nicht mehr zu ignorieren versucht, sondern die Anklage durch das Unterbewusstsein mit seiner Verteidigung abwehren will
- Das Unterbewusstsein tritt immer deutlicher zutage, es schränkt K. auf seiner Arbeit ein, da er nur noch an seinen Prozess denken kann (Kap. 7, Z. 451-465); in Tagträumen bricht K.s Beschäftigung mit seinem inneren, psychischen Prozess hervor; zahlreiche absurde Begebenheiten (der Prügler prügelt K.s Wächter tagelang in einer Rumpelkammer auf K.s Arbeitsplatz, K. verteidigt Fräulein Bürstner, ohne sie zu kennen, etc.) lassen sich psychoanalytisch gut erklären, denn unwahrscheinliche Geschehnisse können als Einbildungen K.s gedeutet werden
- Die gebückte Körperhaltung von Personen, die mit dem Gericht in Verbindung stehen (vgl. Kap. 2, 4 u. 5) steht für eine Verdrängung K.s
- Der Prozess als Bewusstwerdung der verdrängten Sexualität: K. begehrt mehrere Frauen gleichzeitig und lässt sich schnell, ja fast gedankenlos von ihnen verführen; diese Frauen stehen zudem mit dem Gericht und dem Prozess in Verbindung
Triebhaftigkeit, Schuld und Strafe werden so in einen Zusammenhang gebracht, am Ende wertet K. Fräulein Bürstner als „Mahnung“ (Kap. 10, Z. 70), was für ein Bewusstwerden der eigenen zügellosen Sexualität spricht
- Das Gericht stößt K. durch seine Unmoral ab, er selbst handelt aber auch abseits von moralischen Prinzipien und gegen seine eigentlichen Absichten, er tritt also dem Gericht und damit seinen verdrängten Neigungen entgegen
- Das Gericht ist oft mit dem Motiv des Bettes verknüpft (Kap. 1, 6, 8), hier wird verhandelt und über den Prozess gesprochen - das Bett steht für Privatsphäre, Isolation von der Welt, das Unterbewusstsein, da dieses sich in Träumen offenbart und für die Sexualität
- Das verdrängte, stets vorhandene Schuldbewusstsein K.s bricht hervor: Zuerst verdrängt er den Prozess, dann fühlt er sich für ihn verantwortlich (Kap. 7), streitet seine Schuld bewusst ab, was als absichtliche Verdrängung gewertet werden kann (Kap. 7), bis er seine Schuld zugibt (Kap. 10) - K. wird am Ende zum Richter seiner selbst, der Prozess geht also in Wahrheit von ihm aus; somit erklärt sich auch das Wesen des Gerichts: K.s Schuld steht fest, er muss sich ihr nur bewusst werden, daher flieht er auch nicht und stellt sich dem Gericht
- Die Türhüterparabel verdeutlicht die Hierarchie der Psyche und symbolisiert die Hoffnung auf Erlösung durch Befreiung von der Schuld (jedoch nur durch Akzeptanz dieser möglich) bzw. den Prozess der Beschäftigung mit der Schuld
Religiöse und existenzialistische Interpretation
- Der Proceß als Thematisierung des allgemeinen Zustands des Menschen in Anbetracht religiöser und existentieller Probleme
- Kafka interessierte sich für jüdische Religion und Mystik, zudem wird seiner Weltsicht Nähe zum Existenzialismus nachgesagt (philosophische Richtung, die sich mit der Sinnhaftigkeit des Lebens, der individuellen Freiheit und Grundfragen wie Liebe, Angst, Leid, Verantwortung und Vergänglichkeit beschäftigt), obwohl Kafka selbst diese Zuordnung ablehnte
- Existenzialistische Deutung: Der Prozess behandelt K.s Selbstfindung. Er geht in die Welt, trifft auf die universelle menschliche Schuld, der er sich stellen muss, das Gericht steht für den verwirrenden Charakter und die Widrigkeiten einer unlogischen Welt, gegen die das Individuum ankämpft - K. erlebt die Problematik von Freiheit und Verantwortung, Macht und Ohnmacht in täglichen Leben
- Pessimistischer Zug von Kafkas Weltsicht: K. scheitert am Ende an der Welt, diese drängt ihm das Schuldbewusstsein auf, er kann sich nicht gegen sie behaupten, die Eingabe als Rechtfertigung der eigenen Existenz misslingt
- Das Gericht kann aber auch als Darstellung jüdischer Mystik gesehen werden: An ihm lassen sich Züge der jüdischen Strömung der Kabbala aufweisen - einer der wichtigsten kabbalistischen Weisheiten ist die Ähnlichkeit von Mensch und Gott. Gott offenbart sich im Menschen, das Gericht und K.s inneres Wesen haben Parallelen (indem es z. B. seine verdrängten Gedanken widerspiegelt). Die Welt ist eine Verkörperung Gottes, daher gehört auch „alles zum Gericht“ (Kap. 7, Z. 1097 f.)
- Das Gericht ist wie Gott nicht mit dem Verstand greifbar; das Gericht steht zudem für einen strafenden Gott: Die Schuld des Menschen steht fest, weshalb die Göttin der Gerechtigkeit von Titorelli als Göttin der Jagd gemalt wird (Kap. 7, Z. 995 ff.), das kann ein Verweis auf die Vorstellung von der Erbsünde sein
- Verbindung von Gott und Gericht zeigt exemplarisch am Gefängniskaplan
- Die Türhüterparabel steht für die Sinnsuche des Menschen oder die Suche nach Gott (laut der Kabbala ist die Schöpfung hierarchisch und die Aufgabe des Menschen ist die Suche nach Gott, die immer weiter, nämlich stufenweise, hinaufführt!), die K. aber misslingt; es gibt nur eine minimale Aussicht auf Erlösung, der Ausblick auf diese ist aber immer gegeben (daher der stete Glanz des Gesetzes)
- Der Tod K.s kann im religiösen Kontext als Erlösung vom sündhaften Dasein - der Kaplan kritisiert K.s Beziehung zu den Frauen - gedeutet werden
Der Proceß als Kritik an der Moderne
- Das Gericht ist eine satirische Überspitzung der modernen Bürokratie (der auch heute noch Unvernunft und Anonymität bei gleichzeitiger willkürlicher Macht vorgeworfen werden); dafür spricht der oft absurd-komische Charakter des Werks, denn bei aller Düsternis ist das Geschehen derart unlogisch und mit dem Verstand nicht vereinbar, dass es auch eine humoristische Komponente hat - zudem behauptete Max Brod, dass Kafka beim Vortrag seines Werks oft lauthals lachen musste
- >willkürlich ausgeübte Allmacht des Staats wird kritisiert: Sie beengt K. privat, schränkt sein Leben ein, ist von ihm nicht angreifbar, da undemokratisch und autoritär, darüber hinaus korrupt; selbst die Beamten verstehen das Wesen des Gerichts nicht, dessen Hierarchie unendlich ist (vgl. Kap. 7, Z. 180)
- K. kommt unter die Räder der Bürokratie und wird abgefertigt, die Schuld wird ihm eingeredet oder durch den zwangsläufigen Kontakt mit dem Gericht aufgedrängt, sodass er am Ende bei seiner Hinrichtung mithilft; die Türhüterparabel steht für den ganzen Unsinn des Gerichtswesens
- Das geheime Gericht ist dem gewöhnlichen Gericht fast direkt entgegengesetzt (s. o.), es geht nicht um Gerechtigkeit, sondern um Strafe
- Besonders in Anbetracht des Nationalismus, Imperialismus und des ersten Weltkriegs kann das Werk als eine Abrechnung mit staatlichem Totalitarismus gewertet werden, gegen den das Individuum nicht bestehen kann, es wird auf menschenverachtende, grausame und barbarische Weise hingerichtet
- Kafka zeigt die Triebhaftigkeit auf, die trotz der angeblichen Zivilisiertheit der Moderne weiterhin besteht und in unmoralischen, aber unantastbaren Institutionen vorherrscht (das Gericht steht durch den Gefängniskaplan im Zusammenhang mit der Religion, sodass es „dem menschlichen Urteil entrückt“ ist (Kap. 9, Z. 662)) Durch typisch moderne Erscheinungen wie die Bürokratie wird das Individuum von sich und der Welt entfremdet: K.s Selbstbild wird gestört, er gibt alles für den Prozess auf und bewertet seine Beziehung zu anderen Menschen anhand ihrer Nützlichkeit