Ich-Erzähler
Hauptfigur in Hans-Ulrich Treichels Der Verlorene ist ein namenloser Ich-Erzähler, der zu Beginn der Handlung noch ein kleines Kind ist.
Infos zur Person
- Namenloser Junge
- Zu Beginn der Handlung ca. 3 bis 5 Jahre alt, am Ende der Handlung ist er ein Teenager
- Er ist der jüngere Bruder des verloren gegangenen Erstgeborenen der Eltern
- Lebt mit seinen Eltern in einer nicht näher benannten Stadt in Ostwestfalen
- Leidet an einer Trigeminusneuralgie, die dazu führt, dass er immer wieder sein Gesicht verzieht
- Als Teenager ist er ein „zu dick geratener Knabe“ (S. 139)
- Seine Haare waren zu Lebzeiten des Vaters kurz geschoren, nach dessen Tod lässt der Erzähler seine Haare wachsen
Charakter
- Einsam: Er wächst als Einzelkind auf und hat scheinbar keine Freunde, zumindest berichtet er immer nur von Ausflügen, die er mit seinen Eltern macht oder Momenten, in denen er alleine ist; insgeheim sehnt er sich danach, von seinen Eltern endlich einmal wahrgenommen und geliebt oder um seinetwillen in den Arm genommen zu werden
- Fantasievoll: Als Kind überlegt er sich allerlei Spiele, um sich selbst zu beschäftigen; mal errät er Autos am Motorengeräusch, mal wettet er mit sich selbst, wen er im Schaukasten des Fotostudios kennt, oder er nutzt die verwinkelten Korridore seines Elternhauses als Labyrinth
- Aufgeweckter Junge: Er beobachtet gerne und achtet dabei aufs Detail, z.B. analysiert er die Einschusslöcher im Büro von Professor Liebstedt oder bemerkt, dass seine Mutter durch Herr Rudolph plötzlich Operetten hört
- Wenig Nähe zur Mutter: Er mag es nicht, von seiner depressiven Mutter umarmt zu werden; mit ihr gemeinsam vor dem Fernseher zu sitzen, ist ihm schon zu viel Intimität; er will nicht, dass sie leidet, kann sie in diesen Situationen aber auch nicht trösten
- Schwieriges Verhältnis zum Vater: Er fühlt sich von seinem Vater nicht ernstgenommen und bevormundet; wird von dem jähzornigen Vater wegen Kleinigkeiten angeschrien; der Vater zeigt kein Verständnis für seine Wünsche und Probleme; er kann nicht um seinen Vater trauern, will aber trotzdem ein guter Sohn sein und liest nach dem Tod seines Vaters in der Bibel
- Abneigung gegen seinen Bruder: Er will nicht, dass Arnold gefunden wird; fühlt sich von ihm zurückgesetzt; er beneidet Arnold schon früh darum, dass dieser, ohne etwas zu tun, alle Aufmerksamkeit der Eltern hat, während er selbst ihnen nie gut genug ist; er hat Angst, wie sich sein Leben mit dem Bruder verändern könnte; malt sich aus, wie der ältere Bruder ihn quälen würde
- Schadenfroh: Er freut sich, wenn die Gutachten gegen eine Verwandtschaft mit dem Findelkind sprechen; tief in seinem Inneren wünscht er aber keinem etwas Böses, so würde er z.B. nicht einmal Arnold eine Hasenscharte wünschen
- Schuld und Scham: Schon von klein auf wird der Erzähler von Schuldgefühlen geplagt und schämt sich für sein bloßes Dasein; die Eltern vermitteln ihm immer das Gefühl, sie alle müssten für Freude, Essen oder Ausflüge Buße tun, weil sie das Leben genießen ohne Arnold; in allen möglichen Situationen überfällt den Erzähler Scham, z.B. bei den Laboruntersuchungen; außerdem fühlt er sich sogar für Dinge schuldig, mit denen er nichts zu tun haben kann, z.B. den Einbruch im Kühlhaus
- Sensibel: Die tragische Familiengeschichte belastet ihn so sehr, dass er glaubt, im russischen Radio wird darüber berichtet; er ist empfindlicher als seine Eltern bei den Zangenuntersuchungen in Heidelberg; er kann es nicht sehen, wie die Schweine für das Schweinekopfessen des Vaters ausbluten müssen und flüchtet vor dem Anblick
- Psychosomatische Beschwerden: Er entwickelt eine Reisekrankheit, weil er die Ausflüge mit seinen Eltern hasst; durch seine Identitätskrise wird eine Trigeminusneuralgie ausgelöst, die zu krampfhaftem Grinsen führt und sich anfühlt, als würde Arnold aus seinem Gesicht geschnitten werden
- Problem-Teenager: Er wird undankbar, gereizt und entwickelt Wut auf seine Situation, seine Mutter und Arnold; er findet seine Identität nicht und ist frustriert; er rebelliert gegen seine Mutter und lässt sich nur vom Polizisten Herr Rudolph etwas sagen