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Konflikt zwischen Adel und Bürgertum

Im Folgenden wird analysiert, wie die Protagonistin in ihrer Handlungsfähigkeit gefangen ist. Wir beleuchten hierfür das Verhältnis der Bevölkerungsschichten Adel und Bürgertum mithilfe einer Gegenüberstellung beider Repräsentanten.

Gegenüberstellung von Bürgertum und Adel im 18. Jahrhundert

Gegen die jahrelange Vorherrschaft der Krone stößt zunehmend gegen Ende des 18. Jahrhundert bei den Bürgern auf Ablehnung. Während der Feudalismus durch Handel, Besitztümer und neu erwirtschaftetes Kapital verdrängt wird, lehnt sich das Bürgertum immer mehr gegen die soziale Ungerechtigkeit auf. Vor der Bildung des neuen Bürgertums arbeitet der brave Bürger fleißig, um die Steuergelder zu finanzieren, und die Adligen ruhen sich auf ihren Privilegien aus. Diese ungleiche Verteilung materieller sowie ideeller Werte ändert sich jedoch zu Lessings Zeit.
Die Spannung zwischen den Angehörigen der Krone und dem Rest der Gesellschaft verschärfen sich. Das Bürgertum gewinnt an Intellektuellen, da kreative Berufe wie etwa Schriftsteller nun als freischaffende Künstler arbeiten, anstatt länger am Hof angestellt zu sein. Auch Wissenschaftler fühlen sich zunehmend mehr dem breiten Bürgertum zugehörig, da man hier an die vernunftgeleitete Forschung glaubt und ihnen Gehör schenkt.
Man spricht also nicht länger vom Pöbel, da die bürgerliche Gesellschaft inzwischen aus einem breit gefächerten Publikum verschiedenster Berufe, Herkünfte und Lebensphilosophien besteht.
Währenddessen isoliert sich der Adel zunehmend und wenn Kontakte geknüpft werden, dann nur in den eigenen Kreisen. Die bewusste Abgrenzung von der übrigen Bevölkerung dient dazu, sich immer im Bewusstsein zu halten, dass man besser ist als der Rest, dass man mehr Wert besitzt.
Während einfache Bürger teils von dem adligen Leben träumen, positionieren sich andere Vertreter des Bürgertums wiederum klar gegen die Krone. Als die königliche Herrschaft immer mehr in den Hintergrund rückt, verliert der Adelsstatus jedoch an Bedeutung und Reiz. Die adligen Vertreter werden immer mehr zu Puppen, verlieren ihre Macht und besitzen am Ende nur noch eine rein repräsentative Rolle.

Unterwürfigkeit des Bürgertums gegenüber dem Adel

Der Mangel an Selbsterhaltungstrieb, welcher durch übertriebene Tugend gegenüber der Krone hervorgerufen wird, wird am Beispiel des Liebesgeständnisses des Prinzen im Morgen-Gottesdienst deutlich.
Anstatt den Prinzen angesichts der Dreistigkeit, sie in der Kirche so anzusprechen, zur Rede zu stellen, fehlen der jungen Frau die Worte. Obwohl Emilia offensichtlich unangenehm berührt ist, denn sie „konnte weder vor, noch zur Seite rücken,- so gern [sie] auch wollte.“ (Aufz. 2, Auft. 6, Z. 49), lässt sie die Liebesschwüre des Prinzen über sich ergehen. Die Protagonistin wehrt sich nicht, da eine öffentliche Auflehnung gegen den Adel als Verstoß gegen die Regeln des bürgerlichen Lebens gegolten hätte.
Ein weiteres Beispiel für die Macht, die vom Adel in Emilia Galotti ausgeht, lässt sich am Grafen Appiani aufzeigen. So gibt der Verlobte Emilias gegenüber Claudia Galotti zu, seinen Freunden versprechen zu haben, den Prinzen über die bevorstehende Vermählung mit Emilia in Kenntnis zu setzen (Aufz. 2, Auft. 8). Es ist „die Achtung gegen ihn [den Prinzen]“ (Aufz. 2, Auft. 8, Z. 33), die eine Überbringung dieser Nachricht abverlangt.

Lessings Darstellung von Gleichheit und Menschlichkeit im Werk

Eine der prägnantesten Mitteilungen, die uns der Autor mit dem Werk Emilia Galotti mit auf den Weg gibt, ist die menschliche Imperfektion. Auch wenn Lessing seine Figuren standesgetreu differenziert darstellt, so besitzen sie alle humane Züge, die sowohl liebenswerter als auch problematischer Natur sind. Hierbei unterscheidet der Schriftsteller der Aufklärung keineswegs zwischen Gut und Böse. Wenn man sich die Charaktere im vorliegenden Trauerspiel ansieht, fällt einem auf, dass die einzelnen Figuren komplexe Persönlichkeitsmerkmale aufweisen.
Während Odoardo Galotti etwa seiner eigenen Tochter das Leben nimmt, verliert er dennoch nicht seine umsorgende und liebende Rolle als Vaterfigur. Und auch der Prinz, welcher sich vornehmlich durch egozentrisches Verhalten auszeichnet, empfindet am Ende wahre Liebe für Emilia. Doch die Protagonistin selbst stellt das ambivalenteste Beispiel dar: Fromm und aufrichtig hat sie nur das Beste im Sinne für ihre Mitmenschen und gerät dennoch in eine ausweglose Situation. Wenig später, nachdem ihr Verlobter ums Leben kommt, empfindet sie Hettore gegenüber bereits unsittliche Gefühle. Anhand dieses inneren Zwiespalts, in dem sich unsere Hauptfigur befindet, möchte Lessing aufzeigen, welch unmögliches Unterfangen eine klare Kategorisierung in die Guten und die Bösen darstellt.
Erst die Unperfektheiten im Charakter verleihen uns Menschlichkeit. Gleichzeitig hält Lessing sein Publikum dazu an, eben diese Widersprüchlichkeit des menschlichen Seins auch in sich selbst zu finden. Erkennt der Leser oder Zuschauer erst einmal, dass er selbst weit davon entfernt ist, perfekt zu sein, birgt das für den Autor die Möglichkeit, seine Leserschaft zur Bescheidenheit zu erziehen.

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