Thomas Nicolas
Das erste Kapitel erzählt aus der Sicht von Thomas Nicolas, wie der Protagonist Bernhard Haber als neuer Schüler in der Grundschule der Stadt Guldenberg aufgenommen wird. Außerdem wird behandelt, wie die Rückkehr der im zweiten Weltkrieg vertriebenen Familie Haber von der Gesellschaft verarbeitet wird.
Erster Schultag
Infos
- Seiten: 15-22
- Zeit: 5 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs (1950), die DDR wurde vor einem Jahr gegründet
- Ort: Kleinstadt Guldenberg (DDR), Klassenzimmer der Grundschule
- Personen: Fräulein Nitzschke (Klassenlehrerin), Thomas Nicolas, Bernhard Haber, Herr Voigt (Mathelehrer), Willy
Inhalt
- Thomas Nicolas und seine Mitschüler bekommen im angehenden Schuljahr von ihrer Klassenlehrerin, Fräulein Nitzschke, einen neuen Mitschüler vorgestellt. Sein Name ist Bernhard Haber, er ist schüchtern und kann seinen Namen zuerst nur ganz leise und unverständlich aussprechen.
- Die Klasse ist daran gewöhnt, dass sie regelmäßig neue Mitschüler bekommt, denn ihr Ort ist nach Ende des zweiten Weltkriegs verpflichtet, vertriebene Menschen aus Pommern und Schlesien aufzunehmen. Daher erkennen die Grundschüler auch sofort am Dialekt von Bernhard, dass er aus dem „Ostblock“ Deutschlands stammen muss.
- Thomas weiß, dass die Zugezogenen in der Gesellschaft von Guldenberg nicht akzeptiert werden. So wird gehofft, dass die Umsiedler bald wieder weiterziehen, denn die Stadt hat selbst noch mit den Zerstörungen (es fehlt an Geld und Baustoff, um zerstörte Häuser wieder aufzubauen) und Verlusten (es fehlt an Fachmännern für den Wiederaufbau der Stadt) des Kriegs zu kämpfen.
- Die Zurückhaltung von Bernhard wird in der Klasse verspottet, Fräulein Nitzschke muss für Ruhe sorgen und wiederholt den Namen des neuen Schülers noch einmal, ehe sie ihn an ihren Lehrerpult setzt, da kein anderer Platz im Klassenzimmer frei ist. Bernhard sitzt damit vor allen Schülern (in einer angreifbaren Position), wird angestarrt und als „Polacke“ beschimpft.
- In der Mathestunde liest der Lehrer Voigt im Klassenbuch, dass Bernhard zwar schon 10 Jahre alt ist, aber trotzdem in die dritte Klasse kommt. Er schließt daraus, dass er ein schlechter Schüler sei.
- Vor den anderen Schülern fängt Herr Voigt an, Bernhard über seine Vergangenheit auszufragen:
- Hast du Eltern? - Bernhard bejaht
- Was arbeitet dein Vater? - Bernhard entgegnet: Im Moment nichts.
- Was hat dein Vater gelernt? Bernhard entgegnet: er ist gelernter Tischler (heute: Schreiner).
- Warum hat er noch keine Anstellung? Ist er faul? - Bernhard ist sichtlich gekränkt.
- Aus welcher Stadt kommt ihr? - Bernhard entgegnet Breslau, der Lehrer korrigiert aber, dass diese Stadt nicht mehr Breslau, sondern nach dem Krieg Wroclaw heiße und nicht mehr zu Deutschland gehöre.
- Bernhard lässt alle Kommentare von Herrn Voigt über sich ergehen, nur besteht er darauf, in Breslau (einer deutschen Provinz in Polen) geboren worden und damit deutschstämmig zu sein. Der Lehrer weist Bernhard für diesen Einwand zwar zurecht, hört aber damit auf, ihn auszufragen und fährt stattdessen mit dem Unterricht fort.
- In den folgenden Tagen entwickelt sich Bernhard schnell zum Außenseiter. Thomas bemerkt am Schulranzen (ein Flickenbeutel) des neuen Mitschülers, dass seine Familie sehr arm sein muss.
- Am dritten Schultag kickt einer der Schüler (Willy) zu Beginn des Unterrichts Bernhards Schultasche böswillig durch das Zimmer. In der Pause nimmt Bernhard diesen Schüler in den Schwitzkasten bis dieser jammert. Von diesem Moment an traut sich keiner der Mitschüler mehr, sich Bernhards Schultasche zu nähern.
Bernhards Geschichte
Infos
- Seiten: 22-37
- Zeit: 5 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs (1950), die DDR wurde vor einem Jahr gegründet
- Ort: Kleinstadt Guldenberg (DDR)
- Personen: Fräulein Nitzscke (Klassenlehrerin), Thomas Nicolas, Bernhard Haber, Bernhards Eltern, Bauer Griesel, Tinz (Bernhards Hund)
Inhalt
- In einem geistigen Monolog erzählt Thomas die Geschichte der vertriebenen Familie Haber nach.
- Der Vater von Bernhard ist ein Kriegsinvalide, dem aufgrund eines Unfalls der rechte Arm fehlt. Er ist gelernter Tischler, findet aufgrund seiner Behinderung allerdings keine Anstellung.
- Die Familie Haber ist in Guldenberg auf dem Hof von Bauer Griesel untergekommen. Dort kann der Vater nach mehreren Monaten der Erwerbslosigkeit unter der Leitung des Bauers die Holzarbeiten, die auf dem Hof anfallen, erledigen. Dabei spannt der Vater auch Bernhard ein, der bei sämtlichen Aufgaben in der neu eingerichteten Werkstadt des Vaters hilft.
- Bernhard ist in der Schule ehrgeizig, kann aber trotz seines Alters nicht mit seinen Mitschülern mithalten. Er lernt sehr langsam, kann keine Gedichte auswendig lernen und versagt in den Fächern zu Fremdsprachen völlig.
- Bernhard findet in der Klasse keinen Anschluss. Auf dem Schulhof stellt er sich meistens zu einem älteren Schüler, der ebenfalls aus einer Familie von Aussiedlern stammt. Die Ausgrenzung geht sowohl von der Schulgemeinschaft wie auch von Bernhard selbst aus. Er meidet den sozialen Kontakt zu seinen Mitschülern, die sich bald nicht mehr trauen, ihn anzusprechen.
- Als Bernhard eines Tages mit einem Hund in die Schule kommt, ist er aufgrund des Tiers kurzzeitig beliebt unter den Schülern. Allerdings wird ihm erst vom Hausmeister und dann vom Schulleiter verboten, Tinz weiterhin mit in die Schule zu nehmen.
- Es vergehen einige Jahre. In dieser Zeit kann sich der Vater von Bernhard mit seiner Werkstadt zwar einen eigenen Kundenstamm aufbauen, die Familie kann in der Gesellschaft trotzdem nicht integriert werden. Sie wird ausgegrenzt, verspottet und beleidigt.
- Bernhard wird im sechsten Schuljahr im Klassenzimmer neben Thomas gesetzt. Thomas versucht mehrmals, das Gespräch mit Bernhard zu finden, allerdings scheitert er an dessen in sich gekehrter Art.
- Thomas wundert sich nicht, dass Bernhard nicht integriert werden kann: Er weiß, dass es vielen Aussiedlern in Guldenberg so geht wie Bernhards Familie. Die Einwanderer aus Russland und Polen seien faktisch zwar deutsch, aber „eine andere Art von deutsch“ und damit völlig fremd. In der Stadt würden sie außerdem häufig in Schlägereien verwickelt und lieber für sich bleiben. An Bernhards Beispiel sieht Thomas die Vorurteile gegenüber den Fremden bestätigt.
Der Brand
Infos
- Seiten: 37-56
- Zeit: Ein Jahr nachdem der Vater von Bernhard seine Werkstatt auf dem Hof eingerichtet hat
- Ort: Kleinstadt Guldenberg (DDR)
- Personen: Thomas Nicolas, Bernhard Haber, Bernhards Eltern, Thomas‘ Eltern
Inhalt
- Die Werkstatt von Bernhards Vater geht ein Jahr nach ihrer Gründung in Flammen auf. Als die Stadt die Feuerwehrsirenen hört, sammeln sich viele Bewohner - vor allem Kinder - auf dem Hof des Bauern Griesel, um die brennende Werkstatt zu betrachten.
- Auch Thomas ist unter den Schaulustigen und wird Zeuge, wie Bernhard und sein Vater an der Brandstätte ankommen. Herr Haber ist entsetzt und treibt die ankommenden Feuerwehrkräfte dazu an, die Werkstatt zu löschen. Der Hauptmann der Feuerwehr entgegnet aber, dass das trockene Holz der Werkstatt nicht mehr zu löschen sei. Wenige Momente später bricht der Dachstuhl zusammen.
- Auch die Polizei trifft ein. Ein Polizist nimmt zum Vorfall die Aussage von Herrn Haber auf und beschuldigt ihn dabei ohne Sachgrundlage, fahrlässig gehandelt und den Brand selbst verursacht zu haben.
- Herr Haber ist von seiner Unschuld überzeugt. Er hat alle Maschinen, die einen Kabelbrand verursachen könnten, abgeschaltet und sogar die Sicherung herausgedreht. Der Polizist will das nicht glauben. Er ist überzeugt davon, der Brand sei aufgrund eines Unfalls entstanden, und zieht die Glaubwürdigkeit von Herrn Haber in den Zweifel.
- Herr Haber ist erbost und bezichtigt die Bevökerung von Guldenberg der Brandstiftung. Allerdings kann er keinen Bewohner konkret beschuldigen und hat auch keine Beweise für seine Anschuldigungen, sodass der Polizist Herrn Haber nicht ernstnehmen kann. Er zieht mit seinen Kollegen vom Hof ab.
- Die Feuerwehr verlässt ebenfalls den Hof, nachdem sie den Brandherd gelöscht hat. Thomas und die anderen Schaulustigen bleiben noch.
- Am Abend holt Thomas‘ Vater, der Apotheker der Stadt, seinen Sohn ab. Er spricht Bernhards Vater sein Mitleid aus und glaubt ihm, dass jemand aus der Bevölkerung den Brand gelegt hat.
- Thomas erhält von seinem Vater die Anweisung, in der Schule auf Bernhard zu achten. Die Familie Haber habe viele Probleme und würde etwas Rückendeckung benötigen. Thomas ist zwar überzeugt davon, dass Bernhard auf sich selbst aufpassen kann, stimmt dem Vater aber zu.
- Thomas Vater ist überzeugt davon, dass die Habers Opfer eines Verbrechens geworden sind. Er weiß als Apotheker, an welchen psychischen Krankheiten die Bevölkerung leide und würde ihr deshalb alle Verbrechen zutrauen.
- Herr Haber bekommt von der Stadt eine neue Werkstatt zugeteilt, die zwar marode aber funktionstüchtig ist. Dabei wird er darauf hingewiesen, wie glücklich er sich schätzen kann, überhaupt etwas zu bekommen, wo es doch allen Bürgern in der Stadt gerade nicht gut gehen würde.
- Herr Haber nimmt seine Arbeit als Tischler wieder auf. Allerdings bleibt die Kundschaft aus. In der Bevölkerung bemitleidet man die Familie zwar, allerdings ist niemand bereit, einen Aussiedler zu engagieren und damit zu unterstützen. Außerdem glauben viele Bürger weiterhin, dass Herr Haber den Brand in seiner Werkstatt selbst gelegt hat.
- Nach diesen Ereignissen wird die Kluft zwischen der Familie Haber und der Bevölkerung von Guldenberg noch größer.
Bernhard lehnt sich gegen die Unterdrückung auf
Infos
- Seiten: 56-78
- Zeit: Ein Jahr nach dem Brand der Werkstatt
- Ort: Kleinstadt Guldenberg (DDR)
- Personen: Thomas Nicolas, Bernhard Haber, Schuldirektor
Inhalt
- Bernhards Familie kann ein Jahr nach dem Brand in der Werkstatt in eine Stadtwohnung ziehen.
- Kurz nach dem Umzug wird Bernhards Hund, Tinz, tot an einem Fluss aufgefunden. Es wird festgestellt, dass das Tier mit einer Drahtschlinge erwürgt wurde.
- Bernhard zeigt keine Gefühlsregung bei diesem Verlust, Thomas ist aber klar, dass er das Tier sehr geliebt haben muss. Auf alle Beleidsbekundungen reagiert Bernhard abweisend. Dann spricht er im Klassenzimmer eine Drohung gegenüber seinen Mitschülern aus: Wer Tinz umgebracht hat, würde von ihm selbst getötet werden.
- Nach dieser Drohung sind nicht nur die Schüler geschockt (Thomas ist sehr verängstigt), sogar der Schuldirektor sieht sich gezwungen, einzugreifen. Der Rektor kommt in das Klassenzimmer und ermahnt Bernhard für die Morddrohung. Außerdem verlangt er eine Entschuldigung und ein Schuldeingeständnis von Bernhard.
- Bernhard weigert sich, eine Entschuldigung auszusprechen. Auch nach mehrmaliger Aufforderung des Rektors, er solle sich endlich entschuldigt, bleibt Bernhard stur und schweigt. Die Klasse ist Zeuge des Machtkampfs zwischen Rektor und Schüler und bewundert Bernhard für seine Standhaftigkeit.
- Schließlich gibt der Rektor nach und möchte das Klassenzimmer verlassen, ohne dass er Bernhard zu einer Entschuldigung bewegen konnte.
- Bernhard bricht sein Schweigen gerade dann, als der Rektor die Tür des Klassenzimmers erreicht und ruft aus: „Auge um Auge [...] Drahtschlinge für Drahtschlinge“, (S.66)
- An dieser Stelle wiederholt Bernhard seine Drohung also, statt dem Rektor nachzugeben
- Er lehnt sich gegen die Ungerechtigkeit auf, als Opfer (Verlust des Hunds) in die Rolle des Schuldigen gedrängt zu werden
- Für seinen Mut, sich gegen den Rektor aufzulehnen, wird er von seinen Klassenkameraden bewundert
- Kurz nach diesem Ereignis trennen sich die Wege von Thomas und Bernhard, da letzterer die 7. Klasse wiederholen muss.
- Thomas resümiert an dieser Stelle die gemeinsame Schulzeit mit Bernhard noch einmal. Dabei war für ihn besonders auffällig, wie schweigsam, in sich gekehrt Bernhard gewesen war. Thomas legt Bernhard das nicht als Schwäche aus, sondern erkennt darin Selbstbewusstsein und Mut.
- Am Ende des Kapitels sagt Thomas, dass er sich an Bernhard immer als „Holzwurm“ oder „Holzwürmchen“ erinnern wird.
- An dieser Stelle wird klar, dass sich Thomas in der Faschingsszene des Prologs mit Bernhard, den er als „Holzwurm“ angesprochen hat, unterhielt.