Hanna Piper
Hanna Piper, geborene Landsberg, ist Fabers Jugendliebe. Als Halbjüdin emigrierte sie während der Naziherrschaft in die Schweiz, wo sie von Walter schwanger wurde. Dass sie das gemeinsame Kind austrug, weiß dieser nicht. Als Faber beruflich nach Bagdad zog, blieb sie in der Schweiz und heiratete dessen Freund Joachim. Allerdings scheiterte diese Ehe wohl an Hannas Alleinerziehungsanspruch: Elisabeth, von ihr „Elsbeth“ genannt, war und ist ihr Kind. Noch als Schwangere hatte sie diese Formulierung aus Fabers Munde („dein Kind“ statt „unser Kind“) diesem übel genommen. Als sie sich darüber hinaus sterilisieren ließ, zog es Joachim weg von ihr.
Hanna besitzt laut Faber einen Hang zum Kommunistischen, Mystischen und Hysterischen (vgl. S. 50). Jedenfalls ist ihr Weltbild dem seinen entgegengesetzt. Aus Technik und Statistik macht sie sich nichts, stattdessen ist sie kunst- und kulturinteressiert: Als sie mit Walter zusammen war, zwang sie ihn des öfteren ins Theater - ein Anlass für Streit zwischen „Kunstfee“ und „Homo Faber“.
Auch Hanna hält sich nicht an das Bildnisverbot. Zwar denkt sie nicht durchweg antithetisch (in Gegensätzen) wie Faber, doch ist ihr Feminismus gegen den Mann gerichtet - für sie gibt es keine einzelnen Männer und Frauen mehr, sondern nur noch den Mann und die Frau (vgl. S. 151f.). Damit unterliegt sie einem falschen Rollendenken. Ihr Feminismus ist die Kehrseite von Fabers Männlichkeitsdenken. Genau wie er (vgl. Fabers Gedanken über Frauen, S. 98f.) denkt sie in Stereotypen.
Auf der anderen Seite lassen sich ihrem Feminismus durchaus positive Aspekte abgewinnen: Sie führt im Großen und Ganzen ein selbstbestimmtes Leben und ist von Männern unabhängig. So verlässt sie auch ihren zweiten Mann, Herrn Piper, dessen Namen sie noch trägt. Mit ihm hatte sie nach dem Krieg in Ostdeutschland gelebt. Als es am 21. Juni 1953 zum Arbeiteraufstand kam und Herr Piper der Parteilinie treu blieb, ging auch diese Ehe zu Bruch. Sie zog zusammen mit Elisabeth nach Griechenland, wo sie als Doktorin im Archäologischen Institut eine Stelle annahm. Dass sich Hannas Feminismus ebenfalls Positives abgewinnen lässt, gibt übrigens selbst Faber indirekt zu, wenn er Hanna für ihre Lebensführung bewundert.
Allerdings ist hier nicht nur der emanzipatorische Aspekt zu sehen, Hanna genießt es auch, Macht über Männer zu besitzen. Dies wird in ihrer Beziehung zu Armin deutlich, denn sie findet Gefallen an dessen Abhängigkeit von ihr - er ist blind (vgl. S. 200). Dieser Machtanspruch bezieht sich auch und vor allem auf ihre Tochter Elisabeth. Einmal verschweigt sie Walter, dass sie das Kind austrägt, was sich letztlich fatal auswirkt. Bezeichnenderweise setzt sie mit dessen Mutter eine weitere Frau in Kenntnis - vor der Männerwelt bleibt die Herkunft des Kindes jedoch geheim. Zum anderen enthält sie ihrem Mann Joachim die Erziehung Elisabeths vor, was ihre Ehe belastet. Fabers Bemerkung, sie tue wie eine Henne, trifft Hanna.
Für Hanna spricht, dass sie ihren Narzissmus am Ende erkennt. Sie bemerkt, dass Fabers Formulierung „dein Kind“ vor 20 Jahren durchaus zutrifft - mit ihrem Mutteregoismus hat sie gezeigt, dass es ihr und nur ihr Kind ist. Deshalb bittet sie Faber sogar um Verzeihung (S. 220). Überhaupt öffnet sie sich ihm gegenüber: Kommt sie Walter anfangs schwarz gekleidet im Krankenhaus besuchen, erscheint sie später in Weiß und erzählt dann viel, z. B. Dinge über seine Mutter, die er selbst nicht wusste (S. 198).
Hanna hält ihr Leben - bereits vor Sabeths Tod - für verpfuscht und erkennt auch, dass dies an ihrer gestörten Beziehung zu Männern liegt (S. 151). Erst nach der Katastrophe akzeptiert sie aber die wahre Ursache, die mit ihrem Weltbild zu benennen ist - einem Gegenklischee zu Fabers Sichtweise.