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Fräulein Bürstner

Fräulein Bürstner

Fräulein Bürstner bewohnt ein Zimmer der Pension, in der auch K. wohnt. Ihre Initialien F. B. verweisen auf Felice Bauer, mit der Franz Kafka die Verlobung gelöst hatte, bevor er mit der Arbeit an Der Proceß begann. Da die Figur Josef K. auf Kafka selbst anspielt, sehen wir in der Beziehung zwischen K. und Fräulein Bürstner ebenfalls einen biographischen Hintergrund.
Ein weiterer Umstand weist auf Fräulein Bürstners zentrale Rolle im Roman hin: Sie taucht am Anfang und am Ende auf auf, nämlich am Tag von K.s Verhaftung und seiner Hinrichtung. K. verliert bei ihrem Anblick (jedenfalls meint er, sie gesehen zu haben) am Ende des Romans seinen Willen zum Widerstand, denn sie bedeutet eine „Mahnung“ für ihn, er gesteht sich folglich vage eine Schuld ein (Kap. 10). Womöglich ist sie der Grund für den Prozess K.s.
Das Fräulein trägt rötliches Haar und arbeitet als Stenotypistin (Felice Bauer übte diesen Beruf ebenfalls für einige Zeit aus). Bei ihrer Vermieterin, Frau Grubach, steht sie in zweifelhaftem Ruf, weil sie oft spät nachhause kommt. Sie sei an verdächtigen Orten bereits mit mehreren Männern gesehen worden. Offenbar pflegt das Fräulein einen emanzipierten Lebensstil: Sie geht wohl ohne männliche Begleitung ins Theater, nimmt also selbständig am gesellschaftlich-kulturellen Leben teil - für die damalige Zeit keine Selbstverständlichkeit. Auch für den nächtlichen Lärm durch K.s Besuch in ihrem Zimmer will sie sich vor Frau Grubach selbst verantworten und lehnt eine Bevormundung durch K. ab (Kap. 1, Z. 804 f.).
K.s Besuch in ihrem Zimmer ist auch die einzige Stelle des Romans, an der Fräulein Bürstner als handelnde Person auftritt. Dabei stellen wir eine eigentümliche Fixierung K.s auf sie fest. Angeblich will er sich nur entschuldigen wegen der seinetwegen morgens angerichteten Unordnung in ihrem Zimmer. Allerdings bleibt er seiner Müdigkeit ungeachtet zweieinhalb Stunden wach, in denen er nichts tut, als ungeduldig auf ihre Rückkehr zu warten. Eigentlich hätte er in dieser Zeit Elsa besucht, eine Prostituierte (s. o.) bzw. Affäre. Paradox ist auch, dass K. sie mit Wut vor Frau Grubach verteidigt, obwohl er sie kaum kennt - das sexuelle Interesse, das K. an Fräulein Bürstner besitzt, gesteht er sich zuerst selbst nicht ein.
Wir erfahren über das Fräulein, dass es sich für „‚Gerichtssachen‘“ interessiert - sie spricht von einer „‚eigentümliche[n] Anziehungskraft‘“ des Gerichts (Kap. 1, Z. 721 f.) - auch Leni empfindet eine solche Anziehungskraft, obschon diese auf die Angeklagten selbst gerichtet ist (vgl. Kap. 8, Z. 518 f.); es bestehen also Parallelen zwischen Leni und Fräulein Bürstner.
Einen Monat nach K.s Verhaftung tritt Fräulein Bürstner in ein Anwaltsbüro ein und steht damit direkt mit der Welt des Gerichts in Verbindung. Unklar bleibt, welche Art von Gericht von ihr gemeint ist.
Fräulein Bürstner wirkt anziehend auf K. und posiert vor ihm in lasziver (= sinnlicher, erotischer, zweideutiger) Haltung. Gegen sein aufdringliches Verhalten wehrt sie sich nur mit halber Kraft, sogar K.s animalischen Kuss lässt sie über sich ergehen (Ende Kap. 1). Anschließend geht sie gebückt, also wie gedemütigt, ins Zimmer zurück. Eigentümlich ist, dass sich eine so selbstbewusste, aktive Frau gegenüber K. so passiv verhält. Durch sein aktives Bedrängen der Frau, die mit einem Gericht in Verbindung steht, macht sich K. gewissermaßen schuldig bzw. treibt er damit die Verstrickung von Gericht und Triebhaftigkeit voran.
Weitere Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Fräulein Bürstner und dem Gericht finden sich an späterer Stelle, als darauf hingewiesen wird, dass K.s Verhältnis zu Fräulein Bürstner mit dem Verlauf des Prozesses einhergeht. Auch ist es ihr Anblick, der K.s Ende herbeiführt oder zumindest beschleunigt: Als K. von seinen designierten Henkern abgeholt wird, will er sich zunächst Henker wehren, bis er Fräulein Bürstner erblickt, wobei „nicht ganz sicher [ist], ob sie es war“ (Kap. 10, Z. 59 f.). Dieser Moment bedeutet eine Umkehr K.s, denn ab da strebt er aktiv auf seine Hinrichtung zu, und folgt im Verbund mit seinen Henkern unbemerkt Fräulein Bürstner, um „die Mahnung, die sie für ihn bedeutete, nicht zu vergessen.“ (Kap. 10, Z. 70)

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