Epoche
Gegenstand des Unterpunktes Epoche wird es sein, eine zeitgeschichtliche Einordnung des bürgerlichen Trauerspiels Emilia Galotti zu vorzunehmen sowie die dominierenden Themen der Aufklärung als Literaturepoche zu erläutern.
Aufklärung in der Literatur
- Zeitlich situieren lässt sich die Aufklärung ab 1720 bis 1800
- Die Schriftsteller der Aufklärung heben sich maßgeblich von ihren Vorgängern ab, indem sie sich von den Anstellungen am königlichen Hofe emanzipieren und anfangen, als freie Autoren zu arbeiten
- Die Loslösung vom Adel als Arbeitgeber zeigt sich außerdem auch in der veränderten Themenwahl der Literaten - Letztere wenden sich vermehrt bürgerlichen Themen zu, was ihre Texte für den einfachen Bürger zugänglicher und nachempfindbarer werden lässt
- Gleichzeitig bedeutet die neu gewonnene Unabhängigkeit von der Krone auch, dass ein Großteil der freischaffenden Autoren von ihrer Schriftstellerkunst allein nicht leben können und meist parallel eine Nebenbeschäftigung ausüben müssen
- In den verschiedenen literarischen Gattungen findet die Aufklärung unterschiedliche Ausdrucksformen. Während die Lyrik etwa vornehmlich aus Gedankenlyrik und bildender Lyrik wie etwa Lehrgedichten besteht, nimmt die Heldenfigur in epischer Literatur bürgerliche Züge an. Das ehemals höfische Ideal eines Helden weicht Protagonisten, die ein höheres Identifikationspotenzial aus Sicht der bürgerlichen Schicht aufweisen. Dramatische Texte nehmen eine offenere Gestaltung und Form an, wie wir es am Beispiel von Emilia Galotti feststellen. Die ehemals streng geschlossene Form des Dramas lockert sich und neben der klassischen Tragödie erhält auch das bürgerliche Trauerspiel Einzug in die Theater
- Die Literatur der Aufklärung folgt nicht länger einem reinen Unterhaltungszweck, sondern nimmt die Herausforderung an, zum einen Werte wie Vernunft, soziale Gerechtigkeit sowie Sinn und Zweck zu vermitteln. Auf der anderen Seite sollte Literatur als bildendes Medium einen erzieherischen Auftrag erfüllen
Aufklärung in der Gesellschaft
- Exemplarisch für die Auffassung einer neuen Lebensanschauung zu Zeiten der Aufklärung fungiert die Aussage des Begründers der modernen Philosophie, Immanuel Kants „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“. Grundessenz dieser Stellungnahme ist es, sich als Bürger weder von kirchlichen noch fürstlichen Instanzen bevormunden zu lassen und sich stattdessen auf die Wissenschaft als objektive Informationsquelle zu stützen
- Übernehmen von Verantwortung: Die Mündigkeit des einzelnen Individuums tritt stark in den Vordergrund und damit geht einher, dass man sich von den festgefahrenen restaurativen Mächten Krone und Kirche lossagt und den Fortschrittsgedanken unterstützt. Entscheidend ist hierbei, dass die Unabhängigkeit des Bürgertums nur über den Einsatz der Vernunft erreicht werden kann
- Rationalismus und Empirismus: Der französische Begründer des Rationalismus, René Descartes regt die Bevölkerung dazu an, Wissenschaft nicht nur mit dem Verstand zu begreifen, sondern auch mit Skepsis zu hinterfragen. Für die Aufklärung als literarische und gesellchaftliche Strömung ist dazu wichtig, sie als universales Umdenken zu verstehen. Vertreter aus England bringen aufklärerisches Gedankengut Ende des 17. Jahrhunderts nach Frankreich und Deutschland, woraufhin die Aufklärung auch in Amerika Fuß fasst. Der Empirismus wiederum beinhaltet, dass das Bewusstsein der menschlichen Sinne sowie die Auffassungsgabe neuer Erkenntnisse eng miteinander verknüpft sind und wir als Menschen immer auf Basis der bereits gesammelten Erfahrungen handeln
- Gleichheit: Soziale Ungerechtigkeit stellt ein zentrales Thema in der Aufklärung dar. Es ist eines der Hauptanliegen dieser Epoche, eine standesunabhängige Gerechtigkeit einzuführen und zu etablieren
- Parallel zur Literaturbewegung werden auch in der Forschung neue bahnbrechende Erkenntnisse erlangt. Wie etwa von Isaac Newton, der in seinem 1687 publizierten Werk Philosophiae Naturalis Principia Mathematica die moderne Mathematik und Physik begründet
Thematische Schwerpunkte der Literaturepoche Aufklärung
Während das Bürgertum als thematische Grundlage vormals ausschließlich in Komödien behandelt wurde, bildet das bürgerliche Trauerspiel als Tragödie erstmals ebenfalls Spielraum für die kritische Auseinandersetzung der Gegenüberstellung von Bürgertum und Adel- Abschaffung des Feudalismus: Literarische Werke der Aufklärung zeichnen sich besonders durch ein hohes Maß an Kritik an den alten, traditionellen Ständeklauseln aus. Die immanente Herrschaft der Krone und der Kirche über das Volk wird nicht länger toleriert und zum Diskussionsgegenstand erhoben
- Das einzelne Individuum im Mittelpunkt: Die Handlungskompetenz jedes Einzelnen wird gefördert, gestärkt und unterstützt. Wiederum die Fähigkeit, sein eigenes Schicksal zu formen, wird über den Weg und Einsatz der Vernunft bewerkstelligt. In Emilia Galotti wird zudem auch die Menschlichkeit hervorgehoben, welche standesunabhängig allgegenwärtig ist. So besitzen sowohl Figuren aus dem Adel (der Prinz, Gräfin Orsina) als auch die Vertreter des Bürgertums (Emilia, Odoardo, Angelo) Marotten, die sie erst zu dem macht, was sie sind und was sie vereint: Nämlich die Menschlichkeit
- Aberglaube vs. Vernunft: Herrschende religiöse Erkenntnisse, die sich seit Jahrtausenden in den Köpfen verankert hatten, wurden infrage gestellt. Hierbei werden besonders abergläubische Ammenmärchen sowie ein unreflektierter und blinder Glaube gegenüber der Kirche kritisiert