Motive
Das Werk Effi Briest Fontanes strotzt nur so von Doppeldeutigkeit, versteckten Symbolen und Leitmotiven. Im Folgenden werden wir uns näher mit zwei der signifikantesten Motive beschäftigen, nachdem eine Definition des Leitmotivs der Einführung in die Thematik dient und auf die generellen Verschlüsselungen und Ankündigungen im Werk eingegangen wird. Abschließend werden wir in Form eines Fazits den vorläufigen Erkenntnisstand zusammenfassen.
Definition Leitmotiv
- Es handelt sich bei diesem literarischen Mittel um die Verbindung zwischen einem nicht-literarischen Inhalt und dem schöpferischen Text. In Form eines immer wiederkehrenden Themas ist ein Leitmotiv dazu fähig, gewisse Stimmungen hervorzurufen oder zu verstärken sowie bestimmte Themen zu betonen
- Ein Leitmotiv kann in der Form eines Dingsymbols, jedoch auch in Form abstrakter Symbole atmosphärischer, emotionaler oder akustischer Art auftreten
- Es ist möglich, mit dieser Art des Motivs tiefere Sinneszusammenhänge zwischen mehreren Themenkomplexen in einem literarischen Werk auf subtile Art und Weise herzustellen und zu erklären
- In der Literatur existieren inzwischen unzählige Leitmotive und Dingsymbole, wobei manche höher frequentiert eingesetzt werden, wie etwa die blaue Blume in der Romantik und andere erst abhängig vom jeweiligen Werk individuell gebildet werden können
Verschlüsselungen und Ankündigungen
- In der Manier des poetischen Realismus handelnd, bedient sich Theodor Fontane zahlreicher versteckter und subtiler Motiviken, welche auch als sogenannter „versteckter Symbolismus“ betitelt werden kann
- Letzterer Begriff wurde maßgeblich vom Kunstwissenschaftler Erwin Panofsky geprägt und erstmals von Peter-Klaus Schuster im Zusammenhang mit Effi Briest erwähnt
- Die vorhandenen Motive in der Fontanschen Lektüre besitzen einen realen sowie symbolischen Konsens, wobei beide in einer Art wechselseitiger Beziehung zueinander stehen
- Während zahlreiche Verschlüsselungen im Gesellschaftsroman Effi Briest aufgelöst werden, zielt es der Autor auch ganz bewusst darauf ab, die Rätselhaftigkeit der Lektüre aufrechtzuerhalten, indem er bestimmte Motive, wie etwa das des Chinesen bis zuletzt unerläutert lässt
- Die ausbleibende Auflösung der Figur des Chinesen übersieht Fontane keineswegs, sondern es handelt sich hierbei um ein weiteres stilistisches Mittel, mit dem der Autor das Unsichtbare, aber dennoch offensichtlich Existente in jedem Menschen und somit der Gesellschaft erfasst. Für eine detailliertere Ausführung der Figur des Chinesen berücksichtige bitte die Interpretation dieser Lektürehilfe
Die Schaukel - das Element Luft
- Bereits zu Anfang beschreibt Luise Briest ihr Kind als „Tochter der Luft“ (Kap. 1, Z. 57) und meint zu Effi, „eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen“ (Kap. 1, Z. 56), da sie immer „am Trapez“ (Kap. 1, Z. 57), immer in Bewegung sei
- Nicht zuletzt die Tatsache, dass Effi auf der Kutschfahrt zurück nach Kessin trotz der Winterkälte „am liebsten gleich in die Brandung“ (Kap. 19, Z. 177 f.) laufen würde und es ist ihr erscheint, als würde sie musikalische Klänge vom Meer her hören, verstärkt den Eindruck ihrer Naturverbundenheit. Ihre Mitmenschen, in diesem Fall Sidonie, scheinen den „unendlich feinen Ton“ (Kap. 19, Z. 184) nicht wahrnehmen zu können
- Dass die junge Protagonistin so sensibel und empfänglich für Naturphänomene ist, hebt sie von denjenigen, die sie umgeben, ab. Aufgrund der Darstellungsweise der Hauptfigur stellt sich unweigerlich die Frage, ob die junge Frau nicht sogar mehr Naturwesen als Mensch ist?
- Schaukeln weckt in Effi eine Assoziation mit Hohen-Cremmen und der damit verbundenen Kindheit sowie einem Freiheitsgefühl
- Besonders, dass das Schaukeln eine potenzielle Gefahr birgt, scheint Effi nicht abzuschrecken, sondern reizt sie durch den Nervenkitzel umso mehr
- In Kessin gibt es keine Schaukel und das Gefühl von Freiheit ist somit eingedämmt – als Alternative fungiert ein Schaukelstuhl, auf welchem Effi ebenfalls sehr gerne sitzt. Von diesem Schaukelstuhl aus empfängt die junge Briest auch ihren zukünftigen Geliebten Crampas. Die Position der jungen Briest im Schaukelstuhl kann bereits als eine Ankündigung für die darauffolgende Affäre mit Crampas symbolisieren. Der Schaukelstuhl ist zwar weniger gefährlich, jedoch kann man auch auf ihm das Gleichgewicht verlieren
- Als sich das Leben der Protagonistin dem Ende zuneigt und sie zurück nach Hohen-Cremmen kehrt, vermag auch die Schaukel nicht mehr, ihr ihre Lebensfreude zurück zu verleihen. Ist dies ein Zeichen dafür, dass sich der einstig idealistische, unerschrockene und lebenshungrige junge Geist Effis durch die gesellschaftlichen Zwänge, Konventionen und Erwartungen desillusionieren ließ?
Wasserelemente im Werk
- Der Einbezug natürlicher Elemente wie Luft, Wasser und Erde unterstreicht die unschuldige und unverdorbene Seite Effis Charakters
- Auch in Hohen Cremmen lassen sich in Form „eines Teiches mit Wassersteg und angeketteltem Boot“ (Kap. 1, Z. 15 f.) motivische Wasserelemente finden. Das Erwähnen dieser Anlegestelle im heimatlichen Garten kann bereits als Exposition für die darauffolgende Bootsfahrt angesehen werden
- Motiv der Ankündigung: In ihrer Jugendzeit versenken Effi und ihre Freundinnen die Stachelbeerschalen auf dem Grund des heimischen Teiches. Im Zuge dieses Bootsausflugs erzählt die Protagonistin ihren Gefährtinnen, „vom Boot sollen früher auch arme, unglückliche Frauen versenkt worden sein, natürlich wegen Untreue“ (Kap. 1, Z. 249 f.)
- Auch an fortgeschrittener Stelle der Handlung wird das Wasserelement abermals symbolhaft als Vorbote für eine Ankündigung verwendet. So passiert die Feiergesellschaft, die sich von der Oberförsterei Ring kommend ihren Weg Richtung Kessin bahnt, eine heikle Stelle, an der das Flussbett von Treibsand ausgekleidet und dementsprechend versinkungsgefährend ist.
Diese Stelle des Baches, „Schloon“ (Kap. 19, Z. 221) genannt, ängstigt etwa Sidonie von Grasenabb, die sich eine Kutsche mit Effi teilt, während die junge Protagonistin bloß Unverständnis für die Furcht vor dem „Sog“ (Kap. 19, Z. 246) aufzubringen vermag - Das nicht vorhandene Maß an Respekt für eine offensichtliche Gefahr mag ein weiterer Indikator für eine nahende Katastrophe sein, die der Autor hier subtil einzufügen weiß