Erzählweise
Sprachlicher Stil
- Der Leser trifft im Werk Katz und Maus auf ein komplexes Satzgefüge. Besonders deutlich wird dies an sehr langen, verschachtelten Sätzen, die teilweise eine durchaus irritierende Wirkung auf den Leser haben können. Oft handelt es sich um sogenannte Hypotaxe (S. 10). Man findet zahlreiche Gedankenstriche und Semikola vor, die den Text auf syntaktischer Ebene verlängern.
- Außerdem wirken die Sätze oft abgehakt, da sie ellipsenartig gekürzt werden. Es kommt zu einer kompletten Auslassung einzelner Satzglieder.
- Ebenfalls fällt auf, dass mehrere Wörter zu einem Wort zusammengezogen werden und somit sogar Wortneuschöpfungen bilden.
- Noch dazu trifft man im Werk auf eine einfache dialektale Umgangssprache und häufig auch Jugendsprache.
- Pilenz spricht jedoch oft in durchaus redegewandten Floskeln (S. 123).
- Auffällig ist außerdem die zahlreiche Verwendung von Vergleichen und Synonymen. Das Ritterkreuz wird oft mit etwas verglichen, um den ursprünglichen offiziellen Begriff aus der NS-Zeit nicht zu nennen. Ein anderes Beispiel ist der große Adamsapfel von Mahlke, für den ebenfalls oft Vergleiche verwendet werden (S. 23, 25).
- Weiterhin treffen wir auf religiöse Phrasen und Attribute wie das Gebet in Kapitel 6 oder lateinische Zitate.
Wirkung der Erzählweise
- Eine erzählerische Auffälligkeit ist, dass der Erzähler Pilenz hauptsächlich in der dritten Person Singular über Mahlke spricht. Selten spricht er Mahlke mit Du an. Das ist nur dann der Fall, wenn Pilenz ihn anklagt, seine Gefühle offenbart oder wütend ist.
- Innerhalb des Werks finden wir insgesamt wenig Dialoge oder direkte Rede vor. Ein Beispiel der direkten Rede finden wir auf Seite 88. Häufiger, aber dennoch selten treffen wir auf indirekte Rede (S. 50).
- Die indirekte Rede hat selbstverständlich etwas sehr Unpersönliches und Subjektives im Gegensatz zur direkten Anrede an Mahlke.
- Der Dialogcharakter im Werk verstärkt sich, wenn Pilenz sein eigenes Innenleben zum Ausdruck bringen möchte.
- Der Ich-Erzähler Pilenz ist nicht allwissend. Es handelt sich vielmehr um einen erzählerischen Bericht, da er dem Leser bspw. keinen Einblick in die Gefühle, Gedanken und Emotionen anderer Figuren geben kann.
- Wenn er über andere Personen redet, tut er dies nur äußerst oberflächlich, weshalb der Rezipient auch nicht viel über die agierenden Nebenfiguren weiß. Das wenige Wissen, das uns entgegengebracht wird, scheint uns zusätzlich an vielen Stellen unglaubwürdig, da es so subjektiv ist und einen am Wahrheitsgehalt der Aussagen zweifeln lässt. Andere Figuren kommen nicht zu Wort, weshalb die Authentizität und Suggestion von Wahrheit an dieser Stelle auf der Strecke bleibt.
- Aufgrund der Tatsche, dass wir wenig über den Protagonisten Mahlke und den Nebenfiguren der Geschichte erfahren, ist es wichtig, dass wir Leser die Figur Pilenz genau beleuchten. Zwar sehen wir auch hier wenig von der Figur Pilenz, aber von seinen Positionen, Reaktionen bzgl. Mahlke und subjektiven Einstellungen. Wir müssen somit die Position des Erzählers bzw. Figur Pilenz hinterfragen.
- Pilenz ironische Erzählweise (S. 49), seine Unsicherheit und eigene Zweifel an seinem Erzählen innerhalb der Rahmenhandlung (S. 5-7, 148) verweisen auf einen unzuverlässigen Erzähler.
- Unzuverlässiges Erzählen stellt eine besondere Form des Erzählens dar und tritt meistens innerhalb Ich-Erzählungen auf, wie es auch im Werk Katz und Maus der Fall ist.
- Man spricht von dieser Erzählart, wenn die von einem Erzähler vermittelte Geschichte Widersprüche und Brüche aufweist.
- Den Leser hegen somit Zweifel an der erzählerischen Kompetenz, Glaubwürdigkeit und Wahrheit des Erzählten,
- Das unzuverlässige Erzählen wird intertextuell vor allem innerhalb der Rahmenhandlung der Geschichte ersichtlich. (z. B. S. 5-7) Pilenz gibt sich sogar selbst als äußerst unsicher und zweifelnd erkenntlich. Dafür spricht auch das Adverb „vielleicht“ oder die Verwendung des Konjunktivs (S. 148), wodurch angegeben wird, dass etwas ungewiss sei.
- Genauer gesagt erzählt Pilenz evaluativ unzuverlässig, da seine Einschätzungen und Bewertungen an vielen Stellen unzulänglich erscheinen.
- Pilenz als unzuverlässiger Erzähler ist vermutlich von Grass bewusst intendiert und könnte eine Strategie darstellen, da ein typisch unzuverlässiger Erzähler einen aktiven, reflektierten und detektivischen Leser erfordert, welcher dazu veranlasst werden könnte, eine zweite Version des Erzählten zu rekonstruieren. Der Leser wird indirekt dazu aufgefordert, die gegebenen Informationen infrage zu stellen und sie an der Wahrheit zu bemessen.
- Pilenz mangelnde erzählerische Kompetenz könnte auch ggf. mit seinen fehlerhaften Interpretationen anderer Figuren korrespondieren.