Euripides' Iphigenie
Der griechische Tragödiendichter Euripides hat sich als erster mit der mythischen Sage rund um Iphigenie, die Tochter des Agamemnon, beschäftigt. Sein Drama Iphigenie bei den Taurern gilt als Grundlage für Goethes Werk. Trotzdem ist Goethes Iphigenie keine Nachahmung, sondern eine eigenständige Fassung.
Euripides‘ Version
- Zwischen 414 v. Chr. und 412 v. Chr. verfasst
- Agamemnon opfert seine Tochter, weil er für seinen Angriff auf Troja bessere Winde für seine Segelschiffe brauchte
- Iphigenie wird von Göttin Diane gerettet und dient für sie bei den barbarischen Taurern
- Nach einem Traum fürchtet Iphigenie um das Leben ihres Bruder Orest
- Orest sucht nach dem Mord an seiner Mutter, mit dem er deren Mord an seinem Vater rächen wollte, nach Vergebung. Eine Weissagung führt ihn zu den Taurern
- Ein Hirte findet Orest und seinen Freund und kündigt Iphigenie an, dass sie ein neues Menschenopfer für ihre Göttin bekommt
- Während schon die Opferung der Fremden vorbereitet wird, fragt Iphigenie die beiden Fremden nach ihrer Herkunft und ihr Mitleid wird erweckt
- Im Gespräch erfährt Iphigenie, dass ihre Vorahnung falsch ist und Orest noch lebt. Sie bietet dem Fremden an, ihn gehen zu lassen, wenn er ihrem Bruder eine Nachricht übermittelt
- Orest schlägt den Handel aus und will, dass an seiner Stelle sein Freund Pylades freikommt
- Pylades, der mit Orests Schwester Elektren zusammen ist, will nicht ohne ihn gehen und hofft auf eine andere Lösung
- Iphigenie teilt Pylades ihre Nachricht an Orest mit, dieser solle sie von der grausamen Aufgabe bei den Taurern befreien
- Orest und Pylades sind fassungslos und geben sich zu erkennen
- Iphigenie zweifelt und fordert von Orest einen Beweis, dass er wirklich ihr Bruder ist. Mit Geschichten aus der Kindheit gewinnt Orest ihr Vertrauen
- Orest berichtet Iphigenie, dass Apollo ihm aufgetragen hat, Zeus‘ goldenes Artefakt bei den Taurern zu stehlen, um die Rachegöttinnen zu besänftigen. Iphigenie will ihm dabei helfen, ohne Thoas ermorden zu müssen
- Iphigenie täuscht Thoas und teilt ihm mit, sie müsse die von Rachegöttern verfolgten Gefangenen und die Göttinnenstatue im Meer reinigen. Bei dieser angeblichen Zeremonie will sie mit Orest und Pylades fliehen
- Thoas erfährt von einem Boten, dass Iphigenie und die beiden Griechen ihm eine Falle gestellt haben und fliehen wollen. Ein plötzlich aufkommender Wind hindert das Schiff aber an der Abfahrt
- Iphigenie fleht ihre Göttin an, ihr zu verzeihen
- Thoas ruft die Taurer auf, die Flüchtigen aufzuhalten
- Göttin Athene greift ein und erklärt, dass Orest einen göttlichen Plan mit dem Diebstahl erfüllen müsse. Er soll einen neuen Tempel für die Statue bauen, Iphigenie soll die Hüterin sein und Thoas soll seinen Groll vergessen und keine Menschen mehr opfern
Unterschiede zu Euripides
- Anders als bei Euripides will Iphigenie die Menschenopfer gar nicht erst bringen
- Iphigenie und Orest erkennen nicht durch die Nachricht, sondern im Gespräch, dass sie Geschwister sind
- Über eine Beziehung von Pylades und Elektren schreibt Goethe nichts
- Während Euripides Iphigenie ihren Bruder um Rettung bittet, hadert Goethes Iphigenie zwischen ihrem Pflichtgefühl und ihrem Heimweh
- Goethe arbeitet nicht mit einem Chor von Frauen, wie es Euripides tat
- Bei Iphigenie bringt Göttin Athene die friedliche Lösung. Goethe lässt Iphigenie selbst einen harmonischen, humanen Weg finden, das Problem zu lösen