Überlebenskampf im Krieg
Anhand der Einbindung verschiedener Erzählperspektiven in den Roman schafft es Arno Geiger, ein dreidimensionales Bild der Handlung zu zeichnen. Gleichzeitig verdeutlicht uns der Autor mit zahlreichen Perspektivwechseln, dass kein Umstand, besonders kein so komplexes Gebilde, wie es der Krieg ist, nur dem Bericht einer Einzelperson gerecht werden kann.
An finaler Stelle bleibt zu betonen, dass die oben genannten Möglichkeiten, das eigene Leben trotz dem Kriegsalltag noch lebenswert zu gestalten, keine Wege zum Glück sind. Im Gegenteil, es sind die verzweifelten Versuche von Kriegszeugen sich in einem Kampf gegen das Grauen zu behaupten.
Frappierend ist hierbei, dass etwa die Idylle, die sich Veit und Margot im Garten des Brasilianers aufbauen, einer Scheinwelt entspricht, in welche sie sich aus Selbstschutz flüchten, die jedoch ebenso zerbrechlich ist wie das gläserne Gewächshaus, in welchem sie die Pflanzen anbauen.
Über den Versuch, einen Alltag inmitten der Katastrophe herzustellen
- Schreiben: Insbesondere der Protagonist Veit Kolbe verarbeitet und rekapituliert seine Erfahrungen und Erlebnisse als Soldat an der Front in Russland, indem er Tagebuch schreibt. Der Akt des Niederschreibens besitzt seit Jahrtausenden eine therapeutische Wirkung. So sagt man schließlich auch, indem man etwas aufschreibt, „schreibt man es sich von der Seele“. Dahinter steckt die psychologische Erklärung, dass das Schreiben emotionale Entlastung verschaffen kann. Durch die Formulierung von Unausprechbarem, dem Ausdruck des Inneren, wird eine Auseinandersetzung mit dem entsprechenden Thema angestoßen, die zu einer Verarbeitung des Aufgeschriebenen führt. Auch ist es möglich, dass man durch das Formulieren der eigenen Gedanken sich selbst besser zu analysieren vermag. Denn während im Kopf ein Wirrwarr aus Gedankenströmen herrscht, lassen sich die Gedanken schwarz auf weiß klarer formen und im Umkehrschluss auch verstehen. In welcher Art und Weise man Erlebnisse und Erfahrungen schriftlich niederlegt, ist hierbei zweitrangig. In Unter der Drachenwand werden uns mannigfaltige Wege aufgezeigt, wie man einem das Schreiben dabei helfen kann, Erlebtes zu verarbeiten. Während Veit sich täglich seinem Tagebuch anvertraut, schildern die Figuren Kurt, Oskar und Lore ihre Gedanken, Ängste und Erlebnisse in Form von Briefen an ihre engsten Angehörigen. Das Schreiben kann in jedem Falle als eine Art Zwiegespräch zwischen Schreiber und Realität verstanden werden, weshalb der dunkle Schatten eines Gedankens auch ein wenig an Bedrohung verliert, sobald er einmal ausgeschrieben ist
- Sich erinnern: Traumata enden oftmals in der Verdrängung des Erlebten. Damit jedoch eine ganzheitliche Aufarbeitung des Traumas gewährleistet ist, sollte sich die Person mit dem jeweiligen Thema auseinandersetzen. Auch wenn die Rekapitulation traumatischer Erlebnisse schmerzhaft ist, kann sie dem Menschen dabei helfen, wieder die Kontrolle über sein Leben zurückzuerlangen. Im Falle des Protagonisten Veit sieht man exemplarisch, wie das Erlebte zwar erinnert, doch die Pläne und Gedanken an die Zukunft dadurch nicht außer acht gelassen werden. Den Akt des Erinnerns möchte Arno Geiger insbesondere bei den Lesern anstoßen. Durch das Erinnern an Unausprechbares wie die grausame Vorherrschaft der Deutschen im 2. Weltkrieg soll präventiv dagegen gearbeitet werden, dass solch eine horrende Diktatur wieder entsteht. Denn Menschen vergessen und verdrängen mehr, als sie sich bewusst sind. Dies geschieht teils aus Selbstschutz, teils allerdings auch aus mangelndem Wissen über historische Fakten. Um dieser Verdrängungstendenz entgegenzuwirken, setzt sich der Autor so umfassend mit den Schicksalen unterschiedlicher Leidtragender aus dem 2. Weltkrieg auseinander. Die enorm empathische und feinfühlige Annäherung und Schilderung der Einzelschicksale der Romanfiguren ermöglicht es dem Leser, einen Zugang zu den Kriegsopfern zu finden, der das Publikum nachhaltig beeinflusst und zum Nachdenken anregt
- Familienleben pflegen: Die Familie nimmt einen besonderen Stellenwert ein und steht insbesondere in Zeiten der Ungewissheit und Angst für die meisten unter uns für Geborgenheit, Sicherheit und Glück. Während sich Oskar Meyer mit seinem Sohn und seiner Frau Wally auf der Flucht befindet, ist die kleine Familie zwar auf andere angewiesen, doch wirklich vertrauen können sie nur sich selbst. Wenn eine Familie solch eine schwierige und herausfordernde Zeit wie einen Krieg überstehen muss, gibt es zwei unterschiedliche Möglichkeiten auf die Grausamkeit zu reagieren. Entweder entzweien traumatische Ereignisse wie diese eine Familie, oder aber man wächst noch enger als Gemeinschaft zusammen. Veit Kolbe etwa versteht sich nach seiner Rückkehr von der russischen Front nicht mehr mit seinem Vater, denn die Blickweisen auf den Krieg und seine Auswirkungen stimmen bei Vater und Sohn nicht mehr überein. Allerdings findet der Protagonist in Margot und ihrer Tochter einen Familienersatz, welcher ihm fortan neue Energie verleiht und erneut die Lebensfreude in ihm entfacht. Wiederum Lore Neff schreibt ihren Töchtern Margot und Bettine regelmäßig, obwohl die beiden Kinder weit entfernt leben. Auch die eher zweckmäßige Ehe mit ihrem Mann lernt Margots Mutter neu zu schätzen, möglicherweise mitunter auch aus dem Grund, weil sie bereits zahlreiche Verwandte an den Krieg verloren hat
- Erdung durch Naturverbundenheit: Nie war die Verbindung zu sich selbst so wichtig wie in Zeiten der Ungewissheit und des Kriegs. Sich selbst zu spüren, den eigenen Platz auf der Welt zu erkennen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, darauf kommt es am Ende an. Diese innere Ruhe erreicht jeder Mensch auf eine andere Weise, wie in Unter der Drachenwand anhand der unterschiedlichen biografischen Ausschnitte gezeigt wird. Während sich Veits Onkel Johann Kolbe beispielsweise ganz seiner Arbeit als Polizist widmet, sucht der Brasilianer den Rückbezug zur Erde, zu unserem Planeten. Dass körperliche Arbeit in der Landwirtschaft wohltuend sein kann, erleben auch unser Protagonist und seine Freundin Margot. Nachdem Robert Raimund Perttes von der Polizei ins Gefängnis gebracht wird, übernehmen Veit und die junge Darmstädterin die Verantwortung für den Anbau und die Pflege des Gartens vom Brasilianer. Die körperliche Erschöpfung der Gartenarbeit besitzt deshalb eine therapeutische Wirkung, da sie die seelischen Anstrengungen wie Furcht und Sorge ausgleicht. Auch spürt sich ein Mensch durch physischen Kraftaufwand wieder lebendiger, was sich ebenfalls positiv auf das Selbst- und Weltbild auswirkt