Bildnis und Identitätsproblematik
Stamms Roman folgt getreu der Maxime eines anderen schweizerischen Autors, Max Frisch: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Frisch zufolge zerstört das Bildnis die Liebe: Das Ende der Liebe ist nach Frisch so definiert, dass das Bildnis des Anderen fertig ist. Von dem Menschen, den wir lieben, würden wir am wenigsten aussagen können, wie er sei. Diese Aussage ist auch in Agnes umgesetzt: Auf dem Video vom Ausflug in den Nationalpark, das Agnes in glücklichen Tagen gedreht hat, sind weder sie noch E. im Bild zu erkennen.
Der dauerhaften Liebe steht jedoch die Eigenschaft E.s im Wege, sich jeweils ein Bild von seinen Freundinnen zu machen. Beispielhaft ist hier die Stelle, an der E. die schlafende Agnes auf der Lichtung betrachtet. Er schaut sie an und erkennt sie nicht. Trotz körperlicher Nähe hat E. ein Gefühl der Entfremdung, und doch sieht er sie unmittelbarer und hat das Gefühl, „sie wie eine zweite Haut einzuhüllen“ (S. 58f.). Nicht nur erinnert diese Stelle an Agnes‘ selbstgeschriebene Kurzgeschichte, hier beginnt E. mit seinem Bild bereits an ihrer Identität zu tasten.
Oft eilt das Bild, das sich E. macht, der Realität voraus (vgl. Wirklichkeit und Fiktion), und lässt es sich mit der Wirklichkeit nicht in Einklang bringen, hat dies zerstörerische Wirkung - es kommt zur Trennung, so auch mit Agnes ob ihrer Schwangerschaft. E. kann auf die reale Agnes nicht eingehen, weil er sich auf sein Bild von ihr festgelegt hat, sie die ihr zugedachte Rolle aber nicht ausfüllt. Die ängstliche, wütende Agnes in seiner Vision ergibt jetzt einen Sinn: „Du bist verrückt! [...] Du bist krank.“ (S. 81) Das Bild, die Fiktion von Agnes nimmt immer mehr Platz in E.s Leben ein. Bezeichnenderweise widmet E. seinem Bildnis eine Geschichte, der realen Agnes schreibt er nur eine nichtssagende Karte (S. 112).
Da Agnes E. darum bittet, eine Geschichte von ihr zu schreiben, und sich bereitwillig in die Rolle fügt, verschuldet sie den Verlust ihres selbstbestimmten Handelns und ihrer Identität mit. Erst am Romanende findet sie ihre Identität wieder, wobei offen bleibt, ob im Tod oder nur in der Trennung von E. Übrigens bleibt auch dessen Identität weitgehend ungeklärt, denn über ihn erfahren wir äußerst wenig.
Die Bildnis- bzw. Identitätsproblematik betrifft ein weiteres Feld, und zwar die Beziehung zwischen Amerika und Europa. Diese ist von Klischees und Projektionen geprägt, wie Louise anhand ihrer Familie zeigt. Während ihre amerikanische Mutter - dem Klischee einer typischen Amerikanerin entsprechend ignorant, aber gutherzig - einen bis ins 14. Jahrhundert zurückreichenden Stammbamm besitzt, ist ihr französischer Vater ein selfmade man aus einfachen Verhältnissen (S. 101f.). Auch der Pullman-Streik steht für falsche Projektionen, denn E. sieht in der Revolte der Arbeiter deren Streben nach Freiheit, also etwas typisch Amerikanisches. Etwas anderes „typisch Amerikanisches“ - und hier wäre zu fragen, inwiefern ein solches Amerika-Bild überhaupt kohärent sein kann - bietet Louises Vater als Erklärung an, indem er materielle Gründe geltend macht (Geld).
Auch an Halloween, dem Fest der Maskierung und Verschleierung, geht es ums Bildnis bzw. ums bewusste Erzeugen fiktiver Bilder. Vom Balkon auf der Amtrak-Feier aus meint E. Agnes im Elfenkostüm zu erblicken, wobei sich diese Projektion als falsch herausstellt: E. erkennt Agnes nicht, da er sein Bild nicht findet. So passt es, dass er Masken nicht mag.
Bildnachweise [nach oben]
Der dauerhaften Liebe steht jedoch die Eigenschaft E.s im Wege, sich jeweils ein Bild von seinen Freundinnen zu machen. Beispielhaft ist hier die Stelle, an der E. die schlafende Agnes auf der Lichtung betrachtet. Er schaut sie an und erkennt sie nicht. Trotz körperlicher Nähe hat E. ein Gefühl der Entfremdung, und doch sieht er sie unmittelbarer und hat das Gefühl, „sie wie eine zweite Haut einzuhüllen“ (S. 58f.). Nicht nur erinnert diese Stelle an Agnes‘ selbstgeschriebene Kurzgeschichte, hier beginnt E. mit seinem Bild bereits an ihrer Identität zu tasten.
Oft eilt das Bild, das sich E. macht, der Realität voraus (vgl. Wirklichkeit und Fiktion), und lässt es sich mit der Wirklichkeit nicht in Einklang bringen, hat dies zerstörerische Wirkung - es kommt zur Trennung, so auch mit Agnes ob ihrer Schwangerschaft. E. kann auf die reale Agnes nicht eingehen, weil er sich auf sein Bild von ihr festgelegt hat, sie die ihr zugedachte Rolle aber nicht ausfüllt. Die ängstliche, wütende Agnes in seiner Vision ergibt jetzt einen Sinn: „Du bist verrückt! [...] Du bist krank.“ (S. 81) Das Bild, die Fiktion von Agnes nimmt immer mehr Platz in E.s Leben ein. Bezeichnenderweise widmet E. seinem Bildnis eine Geschichte, der realen Agnes schreibt er nur eine nichtssagende Karte (S. 112).
Da Agnes E. darum bittet, eine Geschichte von ihr zu schreiben, und sich bereitwillig in die Rolle fügt, verschuldet sie den Verlust ihres selbstbestimmten Handelns und ihrer Identität mit. Erst am Romanende findet sie ihre Identität wieder, wobei offen bleibt, ob im Tod oder nur in der Trennung von E. Übrigens bleibt auch dessen Identität weitgehend ungeklärt, denn über ihn erfahren wir äußerst wenig.
Die Bildnis- bzw. Identitätsproblematik betrifft ein weiteres Feld, und zwar die Beziehung zwischen Amerika und Europa. Diese ist von Klischees und Projektionen geprägt, wie Louise anhand ihrer Familie zeigt. Während ihre amerikanische Mutter - dem Klischee einer typischen Amerikanerin entsprechend ignorant, aber gutherzig - einen bis ins 14. Jahrhundert zurückreichenden Stammbamm besitzt, ist ihr französischer Vater ein selfmade man aus einfachen Verhältnissen (S. 101f.). Auch der Pullman-Streik steht für falsche Projektionen, denn E. sieht in der Revolte der Arbeiter deren Streben nach Freiheit, also etwas typisch Amerikanisches. Etwas anderes „typisch Amerikanisches“ - und hier wäre zu fragen, inwiefern ein solches Amerika-Bild überhaupt kohärent sein kann - bietet Louises Vater als Erklärung an, indem er materielle Gründe geltend macht (Geld).
Auch an Halloween, dem Fest der Maskierung und Verschleierung, geht es ums Bildnis bzw. ums bewusste Erzeugen fiktiver Bilder. Vom Balkon auf der Amtrak-Feier aus meint E. Agnes im Elfenkostüm zu erblicken, wobei sich diese Projektion als falsch herausstellt: E. erkennt Agnes nicht, da er sein Bild nicht findet. So passt es, dass er Masken nicht mag.

Abb. 1: Wolkenkratzer in Chicago. Symbol der Anonymität in einer modernen Großstadt.
Public Domain.