Gattung
Die Entstehung der Gattung des Schelmenromans
- Das Wort Schelm stammt aus dem Spanischen vom Begriff Picaro, was die spanische Übersetzung für einen spitzbübischen, dreisten jungen Mann darstellt
- Bevor man vom Schelmenroman als eigene Gattung spricht, existiert zunächst der sogenannte Picaro-Roman, dessen Ursprung ins Spanien des 16. Jahrhunderts zurückdatieren ist
- Der erste bekannte Picaro-Roman erscheint bereits 1554 und trägt den Totel Lazarillo del Tormes, der Autor des Werks gilt jedoch bis heute als anonym
- Von Spanien dann gelangt die literarische Gattung weiter nach Mitteleuropa vor. So entsteht in Frankreich im Zeitraum von 1622-1633 der Roman Francion von Charles Sore und wenig später 1668 in Deutschland Der abenteuerliche Simplicissimus aus der Feder von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
- Ein Schelmenroman zeichnet sich dadurch aus, dass es zu anfangs zu einer Desillusionierung des Protagonisten kommt, woraufhin dieser nach der vermeintlichen Erkenntnis seines Handelns zu einem besseren Menschen werden möchte. Die Erlebnisse der Hauptfigur werden in der Regel abenteuerlich beschrieben, wobei der Protagonist scheinbar meist rein zufällig in seine Abenteuer gelangt
Merkmale des Schelmenromans in Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
- Protagonist: Felix Krull verkörpert den Prototyp eines protagonistischen Schelms. So weist alle charakterlichen Merkmale eines Schelms auf. Er ist ungebildet, doch clever. So findet er sich in allerlei prekärer Lebenssituationen wieder, jedoch kann er sich immer wieder aus ihnen herauswinden und findet einen Weg, wie er sich der Verantwortung entziehen kann
- Isolation: Typisch für den Protagonisten in einem Schelmenroman ist der Rückzug von der Außenwelt. So begibt sich auch Felix Krull im Roman in eine Isolation, um seine Memoiren niederzuschreiben
- Mehr Schein als Sein: Durch aufgebauschte und blumige Beschreibungen des Handlungsverlaufs lenkt der Erzähler von der Fragwürdigkeit und Schamlosigkeit des handelnden Protagonisten ab. Exemplarisch zeigt die Beschreibung des Schauspielers Müller-Rosé im ersten Buch das Aufdecken eines Scheins in einer Scheinwelt. Und zuletzt sind selbst die Bekenntnisse Krulls keine echten Geständnisse, sondern vielmehr Prahlereien all jener Erlebnisse, die der Protagonist zum Besten gibt
- Bestrafung: Der Topos der Strafverhängung stellt ebenfalls einen unabdingbaren Bestandteil in einem Schelmenroman dar. Krull gibt sich zwar unschuldig, um seinen Schein zu wahren und nutzt Figuren wie Madame Houpflé und de Venosta, um seine kriminellen Machenschaften zu rechtfertigen und zu verharmlosen. Doch am Ende holen ihn die Konsequenzen seines Handelns ein und er kommt ins Gefängnis
- Frequentierter Wechsel von Ort und Identität: Der erzählerische Aufbau im Werk gliedert sich in verschiedene Handlungsspielplätze, die die Erzähletappen bestimmen und vorgeben. So spielt jedes der drei Bücher in einem anderen Land sowie in einer anderen Stadt. Grund dafür ist, dass die getriebene Persönlichkeit des Protagonisten, wobei sich die Unstetigkeit der Hauptfigur nicht nur in lokalem, sondern auch in identitärem Sinne zeigt. Krull nimmt im Laufe des Romans verschiedene Identitäten an, was wiederum dazu führt, dass er sich nicht mit sich selbst auseinandersetzt, gewissermaßen vor sich selbst flüchtet