Das Menschenbild im 17. Jahrhundert
Das Zeitalter, in welchem Galilei lebt und forscht, ist von gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Umbrüchen gekennzeichnet. So findet im Verlauf des 17. Jahrhundert ein Umdenken in den Köpfen statt, das nicht nur die Regierungs- und Herrscherverhältnisse in Frage stellt, sondern auch das gesamte, bis dato existierende geozentrische Weltbild anzweifelt und neu konzipiert. Im Folgenden werden die bestehende, konservative und durch feste Machtstrukturen verankerte Welt mit der neuen, wissenschaftlich progressiven Welt verglichen und die jeweiligen Merkmale herausgearbeitet.
Festhalten an alten Formen
- Reaktionär: Es handelt sich beim geozentrischen Weltbild um eine rückschrittige Denkweise, da man sich dem Fortschritt verweigert und an alten Formen festhält, obwohl diese augenscheinlich nur für einen Bruchteil der Bevölkerung einen Vorteil bilden. Es gilt die Devise „was bisher funktioniert hat, wird auch weiterhin wirken“. Die bestehenden Herrscher des Landes, die Kirche und der Adel profitieren von der sozialen Ungerechtigkeit und sofern sie nicht auch aus den Entwicklungen einer neuen Welt Vorzüge ziehen, stellen sie sich dieser vehement in den Weg
- Macht des Klerus: Durch den Umstand, dass die Kirche im 17. Jahrhundert sowohl als geistliches, als auch als staatliches Oberhaupt Italiens angesehen wird, existiert ihr gegenüber kein ebenbürtiger Konkurrent. Ihre politische Gewalt erlangen die hohen Geistlichen in der Religionsgemeinschaft vorrangig durch die enge Verbindung zu den herrschenden Fürsten des Landes. Unangefochten ist, dass sich sämtliche Institutionen der Obrigkeit der Kirche unterzuordenen haben, gleichgültig, ob es sich um die Wissenschaft, den Bildungssektor im Allgemeinen oder gesellschaftliche Einrichtungen handelt
- Bildung als elitäres Prestigeobjekt: Bildung verdient jeder, ungeachtet seines sozialen Standes oder seiner Herkunft. Nicht umsonst spricht man von der akademischen Freiheit, denn das durch Bildung erlernbare Wissen ermöglicht es einem nicht ausschließlich, komplexe Theorien in spezifischen Themenfeldern zu entwickeln. Darüber hinaus stärkt das Aneignen von Sachkenntnis soziale Kompetenzen, das Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, diffizile Themenkomplexe reflektiert und umfassend aufnehmen und erfassen zu können. Zum Zeitpunkt Galileos erster Entdeckungen um 1640 ist es dem Bürgertum erstmals möglich, aktiv an gegenwärtigen, wissenschaftlichen Umbrüchen zu partizipieren. Zwar liegt noch ein weiter Weg zur Bildungsgerechtigkeit vor dem Land, doch die richtige Richtung ist eingeschlagen. Letztendlich stellt sich diese Phase jedoch nur als Aufflackern der neuen Zeit heraus, da spätestens nach Galileis Widerruf Bildung wieder allein den herrschenden Mächten in Kirche und Fürstentum vorbehalten ist. Aspekte wie, dass die Bildungssprache zu Zeiten Galileis Latein ist und außer dem gebildeten Bürgertum und der Kirche keinen Lernzugang zu Latein besitzt, verstärken die Kluft zwischen Arbeiterschaft und Akademikern zusätzlich
- Angst oder Ignoranz: Angst treibt den Menschen dazu, schreckliche Dinge zu tun. Hierbei handelt es sich keinesfalls um eine neue Erkenntnis, sondern um ein altbewährtes Phänomen in der Gesellschaft, welches auf Unsicherheit und mangelnder Charakterstärke gründet. Es ist zum einen die Furcht vor dem Unbekannten, Unerklärbaren, welche die führenden Mächte Italiens dazu bewegen, sich gegen innovative Forscher wie Galilei und Newton zu stellen. Ein Eingeständnis der neuen Erkenntnisse würde auch zugleich bedeuten, dass Geistliche und Fürsten einen Teil ihrer Macht an die Wissenschaft abgeben müssten. Doch weder der Hochadel noch der Klerus sind dazu bereit, dieses Recht Forschern einzuräumen. Berechtigterweise lässt sich an dieser Stelle die Frage formulieren, ob unreflektierte Angst schnell einer zu einer ausgeprägten Ignoranz werden kann?
- Die Kirche als Erlösung: Damit die Bevölkerung trotz augenscheinlicher sozialer Ungerechtigkeit bei Laune gehalten wird, fungiert die Kirche als eine Art rettender Anker für alle, in Armut und Mühsal ertrinkenden Bürger. Die Vorstellung, Gott würde sie nach einem arbeitsreichen und beschwerlichen Leben im Himmel erwarten, lässt die Bevölkerung die Strapazen des Alltags durchstehen
Beginn einer neuen Ära
- Mündigkeit: Dass jeder einzelne Bürger Verantwortung für sich selbst und die gesellschaftliche Entwicklung trägt, geht mit einer, durch Bildung erlangten Fähigkeit zur Reflektion einher.
- Bildung als Grundrecht: Der Protagonist des vorliegenden Werks das Leben des Galilei positioniert sich gegen alteingesessene Prinzipien im Bildungssektor, wie etwa die Verwendung von Latein als Forschungssprache. Bei einer Unterhaltung mit dem Mathematiker und Philosphen in der vierten Szene merkt Galileo gegenüber seinen Besuchern etwa an, „sollten wir nicht in der Umgangssprache fortfahren? Mein Kollege, Herr Federzoni, versteht Latein nicht.“ (S. 45, Z. 24f). Diese Bitte demonstriert deutlich, dass Galilei die Meinung vertritt, dass jeder das Recht auf Bildung besitzt
- Mensch im Mittelpunkt vs. Mensch als Teil von etwas Ganzem: Wenn bisher in der Astronomie die geozentrische Denkweise vorherrscht, dass die Erde das Zentrum des Universums darstellt und sich die Planeten- und Sonnensysteme um sie kreisen, verfolgt das heliozentrische Weltbild einen komplexeren Ansatz. Laut dem neuen Weltmodell bildet unser Planet einen Teil des Universums und bewegt sich vielmehr im Rhythmus mit den übrigen Planeten, als eine Sonderstellung zu genießen. Die Erde lässt sich als Metapher für den Menschen verstehen, welcher sich bisher ebenso als Nabel der Welt betrachtet. Dass der irdische Planet ebenso wie die übrigen Monde, Sonnen, Gestirne und Himmelskörper geschaffen wurde, widerspricht der religiösen Auffassung davon, dass unsere Erde und damit auch der Mensch, über Allem steht
- Theorie und Praxis: Betrachtet man die Wissenschaft der alten Welt, so besteht dieses primär aus theoretischem Bücherwissen, welches über die Jahrhunderte weder revidiert noch modifiziert wurde. Die wohl prägnanteste Addition zu den hypothetischen Wissenskonzepten bildet mit dem Durchbruch und dem Fortschritt in technischer und naturwissenschaftlicher Forschung die Einbindung des praktischen Aspektes in die Wissenschaft. Nicht länger wird noch geglaubt und aufgezeichnet, was nicht auch bewiesen und demonstriert werden kann