Struktur
Klein Zaches, genannt Zinnober hat einen sehr komplexen Aufbau, wenn man es mit anderen (Kunst-) Märchen vergleicht, auch wenn das Märchen recht unkompliziert in Vorgeschichte (Kapitel 1), Haupthandlung (Kapitel 2-9) und Schluss (letztes Kapitel) eingeteilt ist. Anstatt einer zentralen Figur haben wir aber zwei davon: Balthasar als Helden und Zaches als Bösewicht. Das Märchen schildert den Aufstieg beider und den Untergang Zaches‘, wobei sich von des einen Aufstieg das Leid des andren ergibt. Während Zaches vom Bauernsohn zum Minister wird, wird Balthasar zunächst ins Unglück gestürzt, um sich danach sein lebenslanges Glück zu erkämpfen, wobei er Zaches‘ Leben unweigerlich zerstört. Zaches ist zwar ein Bösewicht, doch kommt seiner Figur eine ähnlich große Rolle zu wie der Balthasars. Schließlich beginnt das Märchen mit Zaches‘ Schicksal, nicht mit dem des Protagonisten.
Der lineare Märchenverlauf, der zumeist einer Figur folgt (Figur A geht zu Ort B, dort trifft sie Person C...), ist in Klein Zaches gleich mehrfach gebrochen. An den unvermittelten, gleich Spannung erzeugenden Beginn schließt sich eine langatmige Erklärung über Fräulein von Rosenschön an, die in Wahrheit die Fee Rosabelverde ist, zudem werden wir als Leser in die Landeskunde eingeführt, wobei wir über gleich zwei Generationen erfahren. Das zweite Kapitel beginnt mit einem Reisebericht des Gelehrten Ptolomäus Philadelphus, die für sich alleine steht. Philadelphus wird nur noch ein einziges Mal erwähnt (S. 68), wobei diese Information nur einen Querverweis darstellt und keinen Einfluss auf die Geschichte hat. Dieser kleine Reisebericht dient nicht dem Fortführen der eigentlichen Handlung (Balthasar gegen Zaches), er ist lediglich eine humoristische Anekdote und könnte ohne Weiteres ausgelassen werden. Auch später finden sich immer wieder Verweise auf die Vergangenheit (so das Gespräch zwischen Rosabelverde und Prosper Alpanus) und Geschichten innerhalb der Geschichte, wie die Schicksale Sbioccas und Pulchers. Die Struktur wird auch dadurch variiert, dass die Erzählperspektive gelegentlich wechselt, nämlich indem die vorher Erwähnten ihre eigene Geschichte erzählen oder durch den wichtigen Brief, den Pulcher Balthasar schreibt und der das siebte Kapitel eröffnet. Wir haben es hier also mit einer nicht linearen und ganz und gar nicht funktionalen Märchenstruktur zu tun. Der grobe Handlungsverlauf (Gut siegt gegen Böse) wird zwar eingehalten, aber mit einer mehrfach gebrochener Struktur versehen, die uns die Geschichte aus mehreren Perspektiven vermittelt und uns sogar deren historischen Grundlagen näherbringt.
Ein besonderes Element ist zudem der teilweise deutlich in den Vordergrund tretende Erzähler. Während auktoriale Erzähler in Märchen nichts ungewöhnliches und sogar die Norm sind, ist es unüblich, dass der Leser direkt angesprochen wird (vgl. S. 10 f., 23, 111 f.). In romantischer Manier berichtet er uns nicht nur über die Geschichte, sondern auch über das Erzählen an sich: So gibt er Erklärungen, um den Wissensdurst des Lesers zu stillen (S. 11) und gibt ein fröhliches Ende, um das Märchen nicht mit dem „tragischen Ende des kleinen Zinnober schließen“(S. 112) zu lassen. Er behauptet, auf die Wünsche des Lesers einzugehen und seine Erzählung des Märchens danach zu verändern. Es ist also keine Geschichte, die jeder Leser unbedingt wissen muss, die daher nicht verändert werden darf, sondern eine Geschichte, die diesen erfreuen und daher dessen Geschmack berücksichtigen soll. Dadurch wird deutlich, dass das Kunstmärchen keiner Erziehung des Lesers dient (siehe Interpretation) und als Unterhaltung gedacht ist. Der Erzähler vermittelt somit keine Glaubwürdigkeit, ja, er ist ein widersprüchlicher und unglaubwürdiger Erzähler, gibt er doch zu, dass er „die seltsamen Gestaltungen [des Märchens] [...] der Eingebung des spukhaften Geistes, Phantasus geheißen, verdankt“ (S. 112), also vieles schlicht erfunden hat. Die Geschichte, die er vorher ohne innere Widersprüche erzählt, der er sogar eine eigene Historie beigefügt hat, nennt er nun von seiner Fantasie verfälscht. Sie hat also nicht den Anspruch, wahr zu sein.
Klein Zaches, genannt Zinnober hat also eine sehr durchdachte, vielschichtige Struktur, die sich in mehreren Punkten vom Aufbau eines Märchens unterscheidet, womit wir zur Interpretation übergehen.