Gesellschaftskritik
In der Interpretation von Die Marquise von O... sollten verschiedene Ansätze betrachtet werden. Der Ansatz der Gesellschaftskritik wird hier vorgestellt.
Die Marquise von O... als Werk der Gesellschaftskritik
Die von Kleist erschaffenen Charaktere der Novelle weisen allesamt einen Hang zur Zwiespältigkeit auf und besitzen dabei eine ausgeprägte Doppelmoral. So bemühen sich die Charaktere der Novelle zwar, dem normhaften Gesellschaftsbild entsprechend aufrichtig und tugendhaft zu handeln, allerdings scheitern sie an diesem Vorhaben oft aufgrund fehlender Konsequenz. Deutlich wird dies an folgenden Beispielen:- Die Marquise von O...: Wird zu Beginn der Novelle als besonders tugendhaft bezeichnet, allerdings wird dem Leser klar, dass sie sich sehr zu ihrem Retter, dem Grafen F..., hingezogen fühlt und einer Eheschließung mit ihm nicht abgeneigt ist.
- Der Graf F...: Seine Doppelmoral wird besonders daran deutlich, dass er zwar auf ein moralisch tadelloses Auftreten achtet, seine gewalttätigen Triebe aber im Fall der Vergewaltigung der Marquise nicht unterdrücken kann.
- Herr von G...: Der Vater der Marquise folgt den Ansprüchen der Gesellschaftsnormen, als er seine unverheiratet schwanger gewordene Tochter in die Verbannung schickt. Allerdings lässt er sich dabei zu verrohten Gefühlsausbrüchen hinreißen, was in der damaligen Zeit als unwürdig galt. Auch wird klar, dass er seine Tochter eigentlich nicht fortschicken möchte, sondern sich nur von Wut und äußerem Einfluss leiten lässt.
- Frau von G...: Nachdem klar geworden ist, dass die Marquise tatsächlich ohne eigenes Zutun schwanger geworden ist, möchte die Mutter sie zwar wieder bei sich aufnehmen und sie beschützen. Es kommt für sie allerdings nicht infrage, dass die Tochter einen Bastard zur Welt bringt. Entweder die Marquise heiratet ihren Vergewaltiger, sollte dieser ein gut gestellter Mann sein, oder sie selbst adoptiert ihr Enkelkind, damit der Ruf der Familie nicht gefährdet wird.