Begegnung mit dem Findelkind
Wie schon der Einstieg, ist auch das Ende des Werkes besonders. Die Begegnung mit dem Findelkind stellt nämlich einerseits ein Ende dar, während die Situation andererseits das Ende offen lässt.
Was bedeutet die Begegnung für den Erzähler?
- Der Erzähler will eigentlich keine Begegnung mit dem Findelkind, da er die Rückkehr seines verschwundenen Bruders immer gefürchtet hat
- Auf die Fahrt zur Fleischerei, in der das Findelkind unter dem Namen Heinrich arbeitet, kommt er nur widerwillig mit
- Der Erzähler beschreibt die Situation vor der Fleischerei so, als würde er in einen Spiegel schauen
- Durch seine Spiegelbild-Beschreibung scheint also ein gegenseitiges Erkennen durch die Scheibe stattzufinden zwischen den Brüdern; immerhin wird wohl auch Heinrich in der Fleischerei beim Anblick des Erzählers blass
- Anstatt seine Mutter auf seine Erkenntnis anzusprechen, schweigt er verwirrt über die entdeckte Ähnlichkeit mit dem Findelkind
- Man kann sich fragen, ob er selbst seinen Augen nicht traut und vermutet, dass er nur das gesehen hat, was ihm all die Jahre eingetrichtert wurde
- Oder aber er wird von seiner körperlichen Reaktion zum Schweigen gebracht, weil er seinen Bruder zwar erkannt hat, ihn aber insgeheim nicht in seinem Leben will und froh ist, dass die Mutter wieder ohne ein Treffen fahren will
- Gleichzeitig aber scheint er seine Mutter gerne anflehen zu wollen, zu ihrem Sohn hinzugehen, was für eine innige Bindung zu dem eigentlich fremden Findelkind spricht
- Die Sehnsucht nach einem Erkennen bei der Mutter kann allerdings auch so gedeutet werden, dass der Erzähler sich einfach nach einem Ende der ewigen Suche sehnt
Was bedeutet die Begegnung für die Mutter?
- Die Mutter wüscht sich die Begegnung mit dem Findelkind, weil sie sich entgegen aller Gutachten sicher ist, dass Heinrich ihr verschwundener Sohn ist
- Vor Ort aber erkennt sie Arnold in Heinrich offenbar nicht und zeigt keine Reaktion
- Anstatt in die Fleischerei hineinzugehen und Heinrich zu treffen, beschließt sie im Auto, wieder zu fahren
- Es ist unklar, ob sie ihren Sohn nicht wiedererkannt hat oder ob sie erkannt hat, dass es sich doch nicht um Arnold handelt, während sich der Erzähler getäuscht hat
- Außerdem kommt die Frage auf, ob sich die Mutter in Wahrheit nie wirklich dafür interessiert hat, ihren Sohn wiederzufinden. In der entscheidenden Situation zeigt sie schließlich ziemlich wenig Einsatz
- Scheut sie die Wahrheit, weil sie sich wohlfühlt in der Rolle als Mutter, die ihr Kind verloren hat? Wenn ihr Kind plötzlich wieder da wäre, würde sich ihr Leben komplett verändern. Aber Veränderung ist gerade für sie durch ihr Trauma beängstigend
- Nutzt sie ihre Opferrolle vielleicht auch als Schutzschild und Ablenkung dafür, dass sie sich ansonsten eingestehen müsste, dass sie im Krieg quasi Täterin war, indem sie fremdes Land besetzt hat?
- Das Ende lässt in allen Fällen aber offen, ob sich die Suche nach ihrem Sohn für die Mutter erledigt hat und ob sie ihr Trauma überwinden kann
Fazit
- Der Schluss des Werkes lässt einige verschiedene Deutungsansätze zu
- Es wird nicht aufgeklärt, ob Heinrich tatsächlich der verschwundene Arnold ist
- Der Leser kann nicht wissen, wie es mit der Familie nach der Begegnung mit dem Findelkind weitergeht
- Dass der Erzähler als Erwachsener rückblickend über seine schwierige Kindheit erzählt, macht allerdings deutlich, dass das Trauma auch ihn lange weiter verfolgt hat