Erzählweise
Raum, Zeit & Perspektive im Werk
- Eingebettet in „ein Tal zwischen waldigen Bergen“ (S. 6, Z. 1 f.) liegt der Hauptschauplatz der Erzählung, das Schloss Dürande. Es stellt außerdem den lokalen Dreh-und Angelpunkt dar, wenn es ums Handlungsgeschehen geht. So findet hier auch der Höhepunkt der Handlung in Form des Doppelmordes an Gabriele und Hippolyt statt
- Eine allgegenwärtige Rolle fällt auch der Natur als friedlicher, zauberhafter und himmlischer Ort zu. Gleichzeitig unterstellt der Autor die Natur dem Menschen, indem er Gabriele etwa sagen lässt: „die Wälder, als wollten sie auch mit uns sprechen und könnten nur nicht recht!“ (S. 20, Z. 7 ff.)“
- Situiert ist das Schloss Dürande in der lieblichen Landschaft der Provence, unweit entfernt von der französischen Hafenstadt Marseille, weit entfernt von den Unruhen der Revolution, die sich bereits bald auch in die idyllische Provence ausbreiten werden. Außerdem spielt sich ein Teil der Handlung im Kloster ab, welches einen Ort der Sicherheit und Geborgenheit darstellt. Paris repräsentiert hingegen den Umbruch der bisherigen gesellschaftlichen und von der Aristokratie beherrschten Konventionen
- Auktorialer vs. personaler Erzähler: In der auktorialen Erzählperspektive betrachtet der Erzähler das Handlungsgeschehen von außen. Ein auktorialer Erzähler wird auch als allwissender Erzähler beschrieben, da er zwar alles über die Geschichte zu wissen scheint, sich jedoch vorbehält, welche Informationen er mit dem Leser teilt. Während die Rahmenhandlung von einem auktorialen Erzähler wiedergegeben wird, findet die Binnenhandlung der Novelle aus personaler Erzählsicht statt
- Epische Distanz: Damit ist gemeint, dass der Erzähler über alle temporären und räumlichen Dimensionen Bescheid weiß und sich nicht zuletzt aus diesem Grund besonders gut vom Geschehen abgrenzen kann. Auf diese Weise baut Eichendorff eine gewisse Distanz zwischen sich selbst und der Erzählung auf
- Vogelperspektive: Der Erzähler ist dem Leser überlegen, da letzterer ausschließlich über die Informationen verfügt, die ihm der Erzähler „häppchenweise“ zur Verfügung stellt. Gleich am Anfang des Werks nimmt der Erzähler diese Erzählperspektive ein, indem er die Landschaft schildert, in welche das Schloss eingebettet ist
Lyrische Komponente in der Novelle
- Kritik: Die in die Novelle eingebundenen Lieder fungieren als eine Art Sprachrohr für Eichendorffs Sicht auf Poesie. Während Gabrieles und Hippolyts Gesänge für angemessene und gute Dichtung stehen, macht der Autor durch den Jäger Renald seine Kritik an Schriftstellern wie Kleist und Uhland deutlich
- Als gut befindet Eichendorff Poesie, welche christliche mit naturnahen Elemente vereint. Es ist die alte, volkstümliche Lyrik, welche dem Autoren zusagt. Letzteres macht sich auch in der Wahl seiner eigenen lyrischen Stücke in Werken wie dem Schloss Dürande bemerkbar
- Gesang im Garten in der Eröffnungsszene (S. 8, Z. 12 ff.): Während Gabriele im Garten vor dem Jägerhaus umherstreift, und beobachtet von ihrem Bruder Renald auf ihren heimlichen Geliebten wartet, singt sie einen kurzen Vers mit dem Titel Übermut, welcher zudem auch als lyrisches Leitmotiv der Novelle dient
- Gabrieles Gesang vor dem Exil ins Kloster (S. 14, Z. 18 ff.): Bei dem Lied handelt es sich um den letzten Vers in Die Judentochter aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn. Achim von Arnim bearbeitete dieses Lied, welchen Eichendorff sehr schätze. Es ist der Gesang einer Außenseiterin, die ihre Liebsten bald „nimmermehr“ (S. 14, Z. 20) sehen wird
- Geistliche Lieder der Nonnen (S. 28 ff., Z. 1 ff.): Die Nonnen im Kloster stimmen in einen Gesang ein, der die Natur und die in ihr innewohnenden Tiere preist, unwissend darüber, dass Gabriele soeben erfahren hat, dass es sich bei ihrem Geliebten um den jungen Grafen Dürande handelt. Sie widmen ihren Gesang Jesus Christus, während Gabriele an „ihren Herrn“ (S. 29, Z. 1 f.) denkt
- Gesang Gabrieles in Paris (S. 43, Z. 15 ff.): Verkleidet und deshalb unerkannt spricht die junge Frau zu ihrem geliebten Hippolyt in ihrem Lied. Gabriele singt „Dein Schatz lässt dich grüßen“ (S. 43, Z. 17). Doch es ist nicht der Graf, welchen diese Botschaft erreicht, sondern ihr Bruder Jäger Renald, welcher die Singstimme seiner Schwester auch sofort wiedererkennt
- Gabrieles Lied an den jungen Grafen Dürande (S. 60, Z. 10 ff.): Unerkannt ist Gabriele ihrem Geliebten wieder aus Paris als Gärtnerbursche nachgereist und am Abend ihrer Ankunft hört der Graf die Stimme der jungen Frau singen. Die Stimme kommt Hippolyt sonderbar bekannt vor, doch er erkennt sie nicht und hält sie fälschlicherweise für den Gärtnerburschen, welcher ihm bereits seit Paris nicht mehr von der Seite weicht
- Das finale Lied Renalds (S. 78, Z. 15 ff.): Mit dem Lied „Die falsche Schwester“ wird am Ende der Novelle die unausweichliche Katastrophe eingeführt. Renald, welcher die Strophen „halb wie im Wahnsinn“ (S. 78, Z. 14) singt, trauert in den Versen den einst friedlichen Kindertagen mit seiner Schwester nach und zugleich kündigt er seinen eigenen Untergang an
Sprachlicher Stil
- Vage: Indem Eichendorff in seinen Beschreibungen, häufig landschaftlicher Natur, immer wieder undeutliche Darstellungen verwendet, ist es nicht möglich, als Leser vorm inneren Auge ein klares Bild des Erzählten zu zeichnen. Exemplarisch soll dafür die erste Textpassage hinzugezogen werden, in welcher der Autor davon spricht, das Schloss Dürande „lieg[e] [in] einem Tal zwischen waldigen Bergen“ (S. 6, Z. 1 f.), doch gleichzeitig „[sähen die Trümmer des alten Schlosses] über die Wipfel in die Einsamkeit herein“ (S. 6, Z. 3). Die Verschwommenheit seiner Beschreibungen bewirkt, dass der Szenerie etwas Ungewisses, beinahe Geheimnisvolles anhaftet
- Formelhafte Eichendorffsche Sprache: Auch in Das Schloss Dürande schenkt der Schriftsteller dem Text seine für ihn individuelle Handschrift, indem er unter anderen eine sehr formelhafte Sprache nutzt. Letzteres zeigt sich in der frequentierten Wiederholung bestimmter Wörter, wie etwa an den Substantiven Mond als „Mondschein“ (S. 9, Z. 3) und „Mondlicht“ (S. 9, Z. 16) und Morgen als „Morgenstille“ (S. 15, Z. 7), „Morgenstern“ (S. 16, Z. 4), „Morgenluft“ (S. 16, Z. 17) und „Morgensonne“ (S. 17, Z. 11)
- Sinnlich: Durch immer wiederkehrende Beschreibungen verschiedener Sinneseindrücke, wie beispielsweise der Lichteinwirkung, spricht Eichendorff ganz gezielt, in diesem Fall zum Beispiel den Sehsinn des Lesers an. Der Autor der Spätromantik vermag diesen Effekt besonders in der Verwendung der Verben leuchten, funkeln & schimmern sowie mit den Substantiven „Mondschein“ (S. 9, Z. 3), „Mondlicht“ (S. 9, Z. 16) und „Morgensonne“ (S. 17, Z. 11), hervorzurufen