Das Märchen ist bemerkenswerterweise nach Zaches benannt, obwohl dieser der
Bösewicht des Werks ist. Untypisch für die Gattung Märchen macht
er die größte Entwicklung durch, auch wenn sein Charakter dabei stets unverändert bleibt: Er
wird vom Bauernsohn zum ersten Minister, was eigentlich ein Merkmal des Märchenhelden darstellt (siehe
Interpretation). So, wie Balthasar ausschließlich positive Eigenschaften besitzt, wird Zaches als
ausschließlich schlecht und böse beschrieben. Er ist eine
groteske Gestalt, hat einen Buckel, struppiges Haar, ein seltsam missgestaltetes Gesicht, wegen dem man ihn manchmal für einen Wurzelmann oder einen Affen halten mag und Spinnenbeine. Zu Beginn des Märchens kann er nicht laufen und nicht sprechen, stattdessen gibt er tierische Töne von sich. Für seine Mutter, die Bäuerin Liese, stellt er eine Last dar, sie nennt ihn einen Wechselbalg - Zaches erfährt also keine Liebe, er hat kaum menschliche Züge, die Bezeichnung als Wechselbalg verdeutlicht, dass man ihn auch für andren Menschen unterlegen, ja für einen einzigen Fehler der Natur hält.
Die „böse unheimliche Last“, wie ihn selbst die gute Fee Rosabelverde nennt (S. 7), mag das
Mitleid des Lesers erwecken. Als missgestaltetes Kind einer armen Bäuerin, die ihm gegenüber keine Liebe, sondern nur Widerwillen verspürt, hat er wahrlich keine guten Aussichten auf die Zukunft.
Abb. 1: Zaches wird von Rosabelverde gekämmt, Kupferstich von Carl Friedrich Thiele (1819/1820).
Die Fee Rosabelverde macht die schwache Figur Zaches aus Mitleid jedoch zu einem Charakter, den man nicht mehr bemitleiden kann. Das Kind, das weder „groß - schön - stark - verständig“ werden kann (S. 7), kann nun laufen und sprechen. Der größte Zauber jedoch: In der Nähe von klugen, hübschen, talentierten und liebenswürdigen Menschen hält man ihn selbst für all dies, ja für die Verkörperung der guten Eigenschaften. Rosabelverde hofft, dass Zaches dadurch trotz seiner Gestalt und seiner Veranlagungen zum guten, angesehenen Menschen werden kann, dass er sich die zum Beispiel nimmt, deren Tun und Wesen ihm angerechnet werden und sich selbst verbessert.
Zaches ist dieses Zaubers aber unwürdig: Er lässt „nicht nach in [seiner] Dummheit, Grobheit, Ungebärdigkeit“ (S. 106), bleibt ein „kleiner ungeschlachter Rüpel“ (ebd.). Statt den Zauber als Lehre zu nehmen, dem Schein durch echtes Sein zu entsprechen, lebt Zaches in der Lüge, offensichtlich nicht bestrebt, etwas Nützliches und Gutes zu tun, sondern einzig und allein auf seinen Vorteil bedacht, wobei er außerordentlich selbstsüchtig und rücksichtslos handelt - er empfindet keine Skrupel, Balthasar die Geliebte zu stehlen, auch wenn wir aufgrund dessen, dass Zaches keinerlei positiven Eigenschaften besitzt, daran zweifeln dürfen, dass er sie überhaupt liebt. Selbstgefällig und arrogant nutzt er die Täuschung der anderen aus, es scheint ihn nicht zu betrüben, dass er all das, wofür man ihn hält, nicht ist. Eitel, wie er ist, nimmt er den Namen Zinnober an.
Durch den Zauber steigt er zum
Liebling des Fürsten Barsanuph auf, wird zu dessen Geheimem Rat und schließlich erstem Minister. Ironischerweise fällt Zaches‘ unmögliches Benehmen (er rülpst, schmatzt, zappelt unablässig) am Hofe nicht auf, er wird sogar das angesehenste Mitglied der korrupten gesellschaftlichen Elite, gilt weithin als Sensation, nämlich als fleißigster, talentiertester und intelligentester Politiker, ein wahres Vorbild für alle. Zaches nutzt seine Stellung aus, um eine Art
Tyrannei zu errichten. Balthasar soll auf seine Veranlassung verhaftet werden, ohne dass man ihn vor Gericht auch nur anhört, er setzt alles durch, was er will (was Terpin als Schwiegervater in spe ausnutzt, um eine Stellung als Direktor für alle natürlichen Angelegenheiten zu ergattern). Er täuscht die ganze Gesellschaft bis auf einige wenige um Balthasar, die sich aber nicht offen gegen ihn auflehnen können. Dies ist der absolute Höhepunkt seiner Laufbahn: Als missgestalteter, boshafter Bauernsohn ist er zum ersten Minister geworden, zur allgemein geehrten und bewunderten Person. Hier setzt jedoch auch der Abstieg Zaches‘ ein.
Pulcher und Adrian finden heraus, dass Zaches jeden neunten Morgen in seinem Garten von einer Fee gekämmt wird und entdecken dabei einen roten Streif auf seiner Stirn. Als sie sich offenbaren, reagiert Zaches sehr verstört - hier zeigt sich die erste Schwächung seiner Position, denn Zaches ist auf den in drei feuerroten Haaren liegenden Zauber angewiesen. Ohne ihn ist er ein Nichts, da er seine Gestalt nicht durch innere Werte ausgleichen kann. Das Ende des Zaubers wäre das Ende seiner Existenz. Das erklärt auch, warum Zaches stets aggressiv reagiert oder schreit, wenn ihn jemand am Kopf berührt (vgl. S. 40 u. S. 71).
Als nun Rosabelverdes magischer Kamm zerbricht und sie nicht mehr kommt, leidet Zaches‘ Äußeres darunter, Barsanuph weist ihn darauf hin, dass er seine Körperpflege vernachlässige (S. 83). Der Minister wird sogar von Fremden für einen besonders hässlichen Affen gehalten - Zaches‘ Abstieg beginnt.
Als Balthasar den Zauber schließlich bricht und Zaches‘ wahre Gestalt offenbart wird, ist es vorbei mit dessen gesellschaftlichem Ansehen. Man wirft sich den „Wurzelmann“ gar zu, bis er flieht. Letzten Endes ertrinkt er auf der Flucht vor dem aufgebrachten Volk auf denkbar unwürdige Art und Weise, nämlich in seinem Nachttopf.
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