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Motive

Die symbolische Figur der Freiheitsstatue

Die Statue of Liberty ist eine Kolossalstatue auf der Liberty Island am Hudson River in New York. Die Idee zur amerikanischen Freiheitsfigur hatte der französische Politiker Édouard René Lefebvre de Laboulaye anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der amerikanischen Unabhängigkeit. Daraufhin setzt Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi den Auftrag in die Tat um und stellt die Statue im Jahr 1884 fertig.
Bei der Statue handelt es sich um die Freiheitsgöttin Libertas, die in der rechten Hand eine vergoldete Fackel und in der linken Hand eine Tabula ansata, in welcher das Gesetz geschrieben steht und auf deren Deckblatt das Datum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung eingraviert ist. Bei der Freiheitsstatue in New York handelt es sich um ein Symbol der Freiheit, jedoch nicht im revolutionären, sondern im pazifistischen Sinne.
Als Kontrast zum friedfertigen Ansatz der Statue of Liberty erscheint einem die Schilderung des Protagonisten der Freiheitsstatue, deren „Arm [laut Protagonist] mit dem Schwert [emporragt]“ (S. 7, Z. 9 f.). Das Schwert symbolisiert Feindschaft sowie das Erzielen von Freiheit durch Revolution und Kampf. Da wir als Leser*in jedoch auch in unserer Perspektive durch die Sicht des Protagonisten befangen sind, bleibt zu vermuten, dass einzig Rossmann das Schwert in der Hand der, von ihm als „Freiheitsgöttin“ (S. 7, Z. 8) bezeichneten Statue, sieht. Dass Karl dazu tendiert, hinter allem ihm Fremden erst einmal das Schlimmste zu vermuten, erkennt man auch beispielsweise daran, dass er sich bei der Begegnung mit dem Heizer zunächst nach dessen Herkunft erkundigt, „da er viel von den Gefahren gehört hatte, welche insbesondere von Irländern und Neuankömmlingen in Amerika drohen“ (S. 8, Z. 28 ff.). Handelt es sich also bei Karl Rossmann um einen grundsätzlich misstrauischen Menschen? Die Tatsache, dass er seinen Koffer in die Obhut eines jungen Mannes namens Franz Butterbaum gibt, mit welchem er nur „flüchtig bekannt geworden war“ (S. 7, Z. 16 f.), besagt eigentlich das Gegenteil. Allerdings handelt es sich bei Butterbaum auch um einen Landsmann und Karl scheint ihm nicht zuletzt aufgrund dessen zu trauen.
Nicht von der Hand zu weisen ist jedoch der Argwohn Rossmanns gegenüber Neuem, ihm unbekannten und fremden. Diese misstrauische Haltung gegenüber vielem könnte man teils auf die Erziehung des Protagonisten zurückführen, teils ihm selbst zuschreiben. Die Beobachtung, dass Karl in der rechten Hand der Statue of Liberty anstatt eine Fackel, die im Übrigen als Symbol des aufklärerischen Frankreichs einzuordnen ist, ein Schwert sieht, zeigt deutlich die tiefe Skepsis des jungen Mannes gegenüber seines angeblich neuen, erfüllteren Lebens in Amerika.

Autoritäten als Motiv im Werk

Wie ein roter Faden ziehen sich die Konflikte Karls mit Autoritäten durch das Romanfragment hindurch. Hierbei begegnet der Protagonist zwei Arten von Autoritäten: Den unbarmherzigen Respektspersonen und den Elternfiguren, welche Rossmann zugewandt und wohlgesinnt sind. Diese Einteilung der Charaktere unterliegt jedoch dem Vorbehalt, dass nicht alle Figuren durch Kafkas mehrdimensionales Darstellungsvermögen einzig allein einer Kategorie zuzuordnen sind.
Mit Sicherheit lassen sich Parallelen zwischen den Autoritätsbeziehungen im Werk und in Kafkas eigenem Leben ziehen. Ein Stück weit ist es also akzeptabel, insbesondere dem Vater-Sohn-Konflikt autobiografisches Potenzial zuzuschreiben.
Doch wollen wir uns im Rahmen dieser Analyse nicht anmaßen, die Absicht des Autors, das Autoritätsgefüge im Werk zu thematisieren, allein auf seine eigenen Erlebnisse zu reduzieren. Neben seiner familiären Biografie, die vom angespannten Verhältnis zum Vater gekennzeichnet ist, kann man Kafkas Schilderung der Verhältnisse zwischen Protagonist und Autoritäten auch eine gesellschaftskritische Komponente abgewinnen. Der Schriftsteller der literarischen Moderne kritisiert mit dem Motiv der Autoritäten im Roman auch das damalig bestehende Machtgefüge in der Politik.
Weiterhin kann das Autoritäten-Motiv auch als Verweis auf den Generationskonflikt zwischen Eltern, die noch die wilhelminischen Gesellschaftsstrukturen gewöhnt waren, und der Generation der Nachkommen, von welchen zahlreiche als freischaffende Künstler arbeiten, verstanden werden.
Werfen wir im Folgenden einen Blick auf die exemplarischen Vaterfiguren im Werk, welchen allen ein gewisses Maß an Autorität innewohnt. Rossmanns Onkel Edward Jakob verkörpert eine eher warmherzige Vaterfigur, die Karl gegenüber zwar mit Strenge, jedoch auch mit Zuneigung begegnet. Als konträr dazu darf der Oberkellner im Hotel Occidental angeführt werden, der seine Machtposition dahingehend ausnutzt, indem er Karl ausschließlich schadet und ihn bis hin zur Kündigung malträtiert. Auch Jakobs Geschäftskollege Green fällt in diese Autoritäten-Kategorie, da er Karl ohne Gewissensbisse mitten in der Nacht aus Pollunders Landhaus wirft und ihn völlig schutzlos sich selbst überlässt.
Auch als Elternfigur zu betrachten, jedoch weitaus weicher und weniger autoritär im Charakter kann die Oberköchin erwähnt werden, welche sich unverzüglich um Karls Wohlergehen kümmert, jedoch weitaus weniger Handlungsmacht im Hotel Occidental besitzt, als der Protagonist zunächst vermutet.
Karls eigene Eltern repräsentieren die Stereotypen eines hartherzigen Vaters, welcher Gefühl und Wärme kaum zulässt und einer dem Vater stark unterlegenen Mutter, die ihren Sohn zwar liebt, jedoch gegen die Autorität ihres Mannes nicht ankommt.

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