Robespierre und der Wohlfahrtsausschuss
Oberflächlich gesehen bilden der Wohlfahrtsausschuss und Robespierre eine Einheit. Der Wohlfahrtsausschuss dient Robespierres politischen Vorstellungen und verfolgt somit Andersdenkende mit gnadenloser Gewalt. Dieser Eindruck kann sich aber im Verlauf des Dramas nicht halten.
Robespierre ist ein Charakter mit beachtlicher psychologischer Tiefe. Er wird von Büchner als ein Mann mit gewaltigen Ambitionen dargestellt, als das „Dogma der Revolution“, wie auch Danton zugibt (S. 32). Er ist sich seiner Bedeutung bewusst und sieht sich als Propheten, der eine neue Gesellschaft herbeiführen soll. Als politischer Fanatiker sieht er die Grausamkeit als rechtmäßig an, da sie als Mittel zum Zweck dient: der Erschaffung einer tugendreichen Gesellschaft, in der es keinen Adel mehr gibt und keine Klassenunterschiede. Sich und seine Sache hält er für gerecht. Diese eigentlich realitätsferne Vision einer tugendhaften Gesellschaft, die er mit der Philosophie seines geistigen Vorbilds Jean-Jacques Rousseau (28.6.1712-2.7.1778) begründet, erregt nicht den Zorn des Volkes. Nur einzelne Stimmen regen sich dagegen, dass trotz der großen Zahl an Hinrichtungen die Lage des Volkes gleich elend bleibt. Er ist dem Volk aber dadurch sympathischer als Danton, dass er kein dekadentes Leben führt. Die Verehrung für Robespierre geht so weit, dass das Volk ihn als „den Unbestechlichen“ oder den „Messias“ nennt (vgl. S. 12). Es knüpft seine Hoffnung auf ein glückliches Leben an Robespierre und seine Pläne zur gewaltsamen Änderung der Gesellschaft.
Robespierre nutzt den Zorn des Volkes, um seine Gegner auszuschalten. In seinem Fanatismus will er sich aber nicht eingestehen, das Volk und seine Lage damit zu missbrauchen, stets sieht er sich als rechtschaffenen Diener des Volks, nicht als Machtpolitiker. Bei seinen Überlegungen, wieso Danton auszuschalten sei, ist er besorgt darüber, dass man ihm vorwerfen könne, er hätte Danton nur aus Neid verurteilen lassen (S. 27). Die berechtigte Frage, ob er Neid gegenüber der anderen Ikone der Revolution empfindet, verwirft er aber sofort und schließt, dass es „notwendig“ (S. 27) sei. Die Worte „der Staat bin ich“, die dem absolutistischen König Ludwig XIV. in den Mund gelegt werden, vertritt er damit, dass seine persönlichen Wünsche zur staatlichen Notwendigkeit werden. Als überzeugter Revolutionär will er sich diese Haltung aber nicht eingestehen. Robespierre ist also in der Lage, sich selbst anzulügen, um seinem Handeln einen Anschein der Gerechtigkeit zu geben. Sein Predigen der Tugend wird damit zur Farce, auch er besitzt niedere Beweggründe.
Der aggressive Rhetoriker Robespierre, der sich dem Volk fast als Heiliger darstellt, ist in Wahrheit eine brüchige Person. Desmoulins, sein Jugendfreund, berichtet, dass Robespierre während seiner Schulzeit „immer finster, [sic!] und einsam“ (S. 39) war. Er war sein einziger Freund, wodurch Robespierre große Sympathie für Desmoulins empfindet, den er zuerst auch gar nicht verurteilen möchte, es aber aufgrund einer allzu kritischen und satirischen Schrift dann doch macht. Der Gedanke an dessen Verurteilung lässt ihn sich seine Verletzlichkeit eingestehen. Er bedauert, „die Qual des Henkers“ zu haben (S. 30), er fühlt sich „allein“ (ebd.). Seine Freunde töten zu müssen bereitet ihm keine Freude, doch mit reinem Gewissen stellt er sich seiner Pflicht. Wieder weist er damit die Schuld von sich: Er will seine Freunde ja nicht töten, muss dies aber, da sie Verräter sind. Er ist sich bewusst, dass er am Ende allein dastehen wird: „Sie gehen alle von mir.“ (ebd.)
Robespierre ist eine sehr einsame Person mit keinen freundschaftlichen Kontakten. St. Just, sein eifrigster Anhänger, kennt ihn nur als Politiker, aber nicht als Menschen. Es ist zu diskutieren, ob Robespierre deshalb so rücksichtslos handelt, da er kein wahrhaft in die Gesellschaft integrierter Mensch ist, sondern ein Außenseiter, der sich durch seine Einsamkeit nicht in andere Menschen hineinversetzen kann, dem es an Einfühlungsvermögen fehlt. Sich selbst zwingt er zu Härte und stetiger Leistung, da er in seinem Größenwahnsinn meint, unersetzlich für Frankreich zu sein. Er verinnerlicht die Huldigungen durch das Volk, vergleicht sich sogar mit Jesus: „Er [Jesus] hat sie mit seinem Blut erlöst und ich erlöse sie mit ihrem eigenen.“ (S. 30) Wie er denkt er, eine neue Ära einzuleiten. Er ist dem Glauben verfallen, eine perfekte Welt erschaffen zu können und dieses Ziel ist für ihn so edel und groß, dass Menschen dafür geopfert werden dürfen. In seinem Monolog nach Dantons Besuch zeigt sich sein Größenwahn darin, dass er seine eigenen Gedanken allesamt kontrollieren möchte. Sein weiteres Philosophieren kann so gedeutet werden, dass er auch Gedanken unter Strafe stellen möchte, da diese der Tat vorausgehen, die Tat also nur ein Resultat ist. „Die Sünde ist im Gedanken“ (S. 28), sagt er. Der angeblich tugendhafte Robespierre, der das Laster hasst, wird wahrscheinlich auch diese Sünde beseitigen wollen. Der Wunsch der Gedankenkontrolle offenbart den Wunsch nach Allmacht.
Robespierre ist alles in allem eine Person, die die eigene charakterliche Schwäche durch Macht kompensieren möchte. St. Just hingegen ist eine eindimensionale Person. Im Drama tritt er nur als Politiker auf, der eine gefestigte Meinung vertritt, an der ihm alles zu liegen scheint. Der Radikale ist sozusagen der verlängerte Arm Robespierres. Seine Aufgabe ist es, Robespierres Ansichten zu verwirklichen, indem er seine Feinde beseitigt. Er ist es, der Robespierre zur Hinrichtung von Lacroix, Philippeau, Hérault, Desmoulins und Danton treibt und den Prozess vorbereitet. Mit Robespierre verbinden ihn die gleichen Visionen einer neuen Gesellschaft und seine Bereitschaft, Menschen dafür zu opfern. St. Just ist aber deutlich blutrünstiger als Robespierre. Robespierre meint, dass man „nur wenige Köpfe zu treffen“ habe (S. 47), während St. Just von „einige[n] hundert Leichen“ spricht, die noch zu verursachen sind (S. 48). Die Blutrünstigkeit ist in seinen Augen nichts Schlechtes, er sieht sich auf der Seite des Rechts und der Natur. Er meint, dass ein Wandel nicht ohne Leichen geschehen könne, dass es ein Naturgesetz sei, dass das Alte für das Neue sterben müsse. Durch „den Krieg und die Guillotine“ denkt er, einen neuen Menschen erschaffen zu können (S. 48).
Im Gegensatz zu Robespierre bedauert er die vielen Exekutionen nicht, er hat auch keine Skrupel, die Gesetze so zu verändern, dass sie ihm dienlich sind. Er unterwirft alles dem höheren Zweck, ist in seinem Fanatismus aber blind für den Spott der Anderen im Wohlfahrtsausschuss. Diese sind zwar offiziell Anhänger Robespierres und helfen ihm dabei, seine Politik des Terrors umzusetzen, doch zeigt sich in der Abwesenheit St. Justs, dass sie Robespierres Vorstellungen nicht teilen. Auf der einen Seite greifen sie St. Justs pathetischen Redestil in seiner Anwesenheit auf, auf der anderen Seite pflegen sie selbst die „feine Aristokratie der Menschenverachtung“, die sie vor kurzem noch angeklagt haben (S. 62). Mit sadistischer Freude reden sie über die Gefangenen, die sie lieber quälen als hinrichten. Heuchler sind sie alle, da sie Robespierres Politik eigentlich verachten. Die meisten von ihnen sind, wie Danton, am Genuss interessiert, Collot und Billaud suchen regelmäßig Prostituierte auf. Barère empfindet Reue, er weiß, dass er durch sein Amt zum Mörder wird. Er ist nur im Wohlfahrtsausschuss, um den Verdacht von sich abzulenken und am Leben zu bleiben.
Die Männer des Wohlfahrtsausschusses rechnen mit Robespierres Tod und planen ihn sogar. Robespierres Politik wird so zum Schauspiel: Selbst seine Verbündeten glauben nicht an seine Ideale, die Visionen, die er mit St. Just teilt, sind, wie Danton schon sagt, realitätsfern.
Robespierre nutzt den Zorn des Volkes, um seine Gegner auszuschalten. In seinem Fanatismus will er sich aber nicht eingestehen, das Volk und seine Lage damit zu missbrauchen, stets sieht er sich als rechtschaffenen Diener des Volks, nicht als Machtpolitiker. Bei seinen Überlegungen, wieso Danton auszuschalten sei, ist er besorgt darüber, dass man ihm vorwerfen könne, er hätte Danton nur aus Neid verurteilen lassen (S. 27). Die berechtigte Frage, ob er Neid gegenüber der anderen Ikone der Revolution empfindet, verwirft er aber sofort und schließt, dass es „notwendig“ (S. 27) sei. Die Worte „der Staat bin ich“, die dem absolutistischen König Ludwig XIV. in den Mund gelegt werden, vertritt er damit, dass seine persönlichen Wünsche zur staatlichen Notwendigkeit werden. Als überzeugter Revolutionär will er sich diese Haltung aber nicht eingestehen. Robespierre ist also in der Lage, sich selbst anzulügen, um seinem Handeln einen Anschein der Gerechtigkeit zu geben. Sein Predigen der Tugend wird damit zur Farce, auch er besitzt niedere Beweggründe.
Der aggressive Rhetoriker Robespierre, der sich dem Volk fast als Heiliger darstellt, ist in Wahrheit eine brüchige Person. Desmoulins, sein Jugendfreund, berichtet, dass Robespierre während seiner Schulzeit „immer finster, [sic!] und einsam“ (S. 39) war. Er war sein einziger Freund, wodurch Robespierre große Sympathie für Desmoulins empfindet, den er zuerst auch gar nicht verurteilen möchte, es aber aufgrund einer allzu kritischen und satirischen Schrift dann doch macht. Der Gedanke an dessen Verurteilung lässt ihn sich seine Verletzlichkeit eingestehen. Er bedauert, „die Qual des Henkers“ zu haben (S. 30), er fühlt sich „allein“ (ebd.). Seine Freunde töten zu müssen bereitet ihm keine Freude, doch mit reinem Gewissen stellt er sich seiner Pflicht. Wieder weist er damit die Schuld von sich: Er will seine Freunde ja nicht töten, muss dies aber, da sie Verräter sind. Er ist sich bewusst, dass er am Ende allein dastehen wird: „Sie gehen alle von mir.“ (ebd.)
Robespierre ist eine sehr einsame Person mit keinen freundschaftlichen Kontakten. St. Just, sein eifrigster Anhänger, kennt ihn nur als Politiker, aber nicht als Menschen. Es ist zu diskutieren, ob Robespierre deshalb so rücksichtslos handelt, da er kein wahrhaft in die Gesellschaft integrierter Mensch ist, sondern ein Außenseiter, der sich durch seine Einsamkeit nicht in andere Menschen hineinversetzen kann, dem es an Einfühlungsvermögen fehlt. Sich selbst zwingt er zu Härte und stetiger Leistung, da er in seinem Größenwahnsinn meint, unersetzlich für Frankreich zu sein. Er verinnerlicht die Huldigungen durch das Volk, vergleicht sich sogar mit Jesus: „Er [Jesus] hat sie mit seinem Blut erlöst und ich erlöse sie mit ihrem eigenen.“ (S. 30) Wie er denkt er, eine neue Ära einzuleiten. Er ist dem Glauben verfallen, eine perfekte Welt erschaffen zu können und dieses Ziel ist für ihn so edel und groß, dass Menschen dafür geopfert werden dürfen. In seinem Monolog nach Dantons Besuch zeigt sich sein Größenwahn darin, dass er seine eigenen Gedanken allesamt kontrollieren möchte. Sein weiteres Philosophieren kann so gedeutet werden, dass er auch Gedanken unter Strafe stellen möchte, da diese der Tat vorausgehen, die Tat also nur ein Resultat ist. „Die Sünde ist im Gedanken“ (S. 28), sagt er. Der angeblich tugendhafte Robespierre, der das Laster hasst, wird wahrscheinlich auch diese Sünde beseitigen wollen. Der Wunsch der Gedankenkontrolle offenbart den Wunsch nach Allmacht.
Robespierre ist alles in allem eine Person, die die eigene charakterliche Schwäche durch Macht kompensieren möchte. St. Just hingegen ist eine eindimensionale Person. Im Drama tritt er nur als Politiker auf, der eine gefestigte Meinung vertritt, an der ihm alles zu liegen scheint. Der Radikale ist sozusagen der verlängerte Arm Robespierres. Seine Aufgabe ist es, Robespierres Ansichten zu verwirklichen, indem er seine Feinde beseitigt. Er ist es, der Robespierre zur Hinrichtung von Lacroix, Philippeau, Hérault, Desmoulins und Danton treibt und den Prozess vorbereitet. Mit Robespierre verbinden ihn die gleichen Visionen einer neuen Gesellschaft und seine Bereitschaft, Menschen dafür zu opfern. St. Just ist aber deutlich blutrünstiger als Robespierre. Robespierre meint, dass man „nur wenige Köpfe zu treffen“ habe (S. 47), während St. Just von „einige[n] hundert Leichen“ spricht, die noch zu verursachen sind (S. 48). Die Blutrünstigkeit ist in seinen Augen nichts Schlechtes, er sieht sich auf der Seite des Rechts und der Natur. Er meint, dass ein Wandel nicht ohne Leichen geschehen könne, dass es ein Naturgesetz sei, dass das Alte für das Neue sterben müsse. Durch „den Krieg und die Guillotine“ denkt er, einen neuen Menschen erschaffen zu können (S. 48).
Im Gegensatz zu Robespierre bedauert er die vielen Exekutionen nicht, er hat auch keine Skrupel, die Gesetze so zu verändern, dass sie ihm dienlich sind. Er unterwirft alles dem höheren Zweck, ist in seinem Fanatismus aber blind für den Spott der Anderen im Wohlfahrtsausschuss. Diese sind zwar offiziell Anhänger Robespierres und helfen ihm dabei, seine Politik des Terrors umzusetzen, doch zeigt sich in der Abwesenheit St. Justs, dass sie Robespierres Vorstellungen nicht teilen. Auf der einen Seite greifen sie St. Justs pathetischen Redestil in seiner Anwesenheit auf, auf der anderen Seite pflegen sie selbst die „feine Aristokratie der Menschenverachtung“, die sie vor kurzem noch angeklagt haben (S. 62). Mit sadistischer Freude reden sie über die Gefangenen, die sie lieber quälen als hinrichten. Heuchler sind sie alle, da sie Robespierres Politik eigentlich verachten. Die meisten von ihnen sind, wie Danton, am Genuss interessiert, Collot und Billaud suchen regelmäßig Prostituierte auf. Barère empfindet Reue, er weiß, dass er durch sein Amt zum Mörder wird. Er ist nur im Wohlfahrtsausschuss, um den Verdacht von sich abzulenken und am Leben zu bleiben.
Die Männer des Wohlfahrtsausschusses rechnen mit Robespierres Tod und planen ihn sogar. Robespierres Politik wird so zum Schauspiel: Selbst seine Verbündeten glauben nicht an seine Ideale, die Visionen, die er mit St. Just teilt, sind, wie Danton schon sagt, realitätsfern.