Aufbau
Im Folgenden werden wir einen näheren Blick auf den strukturellen Aufbau des Dramas, das Leben des Galilei werfen, wobei wir das Theaterstück sowohl als klassisches als auch als episches Drama analysieren.
Elemente des klassischen Dramas im Theaterstück
- Aristotelisches Konzept: Laut dem dramaturgischen Konzept Aristoteles liegt das Hauptaugenmerk auf einer in sich geschlossenen Handlung, welche durch einen festen strukturellen Leitfaden vorgegeben wird
- Szenischer Aufbau: Die Einteilung des Werks in 15 separate Szenen beziehungsweise Bilder, entspricht dem linearen Aufbau eines klassisch Aristotelischen Dramas
- Tragischer Held: Eines der prägnantesten Merkmale des geschlossenen Dramas ist die Herausstellung einer Einzelfigur, welche über das Geschehen in der Handlung dominiert. Im Falle des vorliegenden Werks deutet bereits die Erwähnung des Namens des Protagonisten darauf hin, dass dieser eine essenzielle Rolle im Theaterstück spielt. Mit Galilei stellt Brecht eine Hauptfigur heraus, die auf dem Weg zum Erfolg zu sein scheint, jedoch schlussendlich ihren Ruhm dafür opfert, dass die Wissenschaft fortgeführt werden kann. An dieser Stelle sollte jedoch angemerkt werden, dass ausschließlich der Protagonist mehrdimensional abgebildet wird. Die übrigen Personen in das Leben des Galilei weisen mitunter sehr einseitige Charakterdarstellungen auf
- Spannungsbogen: Es sind in das Leben des Galilei die traditionellen Komponenten eines Aristotelischen Theaters zu finden. Die Handlung beginnt mit der Exposition, welche in Padua von Szene 1-3 stattfindet, geht dann mit der Aufnahme Galileos in Florenz über in die Steigerung in Szene 4-5 und findet ihren Höhepunkt in den Szenen 6-8 in Rom, wo der Wissenschaftler hohes Ansehen genießt. Daraufhin folgt die fallende Handlung, welche in Szene 9-12 mit der Wiederaufnahme Galileis Forschung zurück in Florenz zu beobachten ist. Zum Schluss mündet die Handlung in der Katastrophe, welche in den Szenen 13-15 durch den Widerruf des Astronom und das anschließende Leben unter der Aufsicht der Kirche dargestellt wird
- Identifikation: Ein wichtiger Bestandteil des klassischen Dramas ist, dass das Publikum vermag, sich in das Geschehen hineinzuversetzen. Durch die Popularität der Gegenüberstellung von Wissenschaft und Kirche als bereits bekanntes und vielerorts diskutiertes Thema ist es dem Leser möglich, sich mit dem Geschehen, den Figuren und dem Thema zu identifizieren.
Merkmale des epischen Dramas im Werk
- Brechtsches Konzept: Im Gegensatz zum klassischen konzeptuellen Aufbau weist das offene Drama nicht nur eine Handlung, sondern zahlreiche Nebenhandlungen auf, welche parallel zur Haupthandlung verlaufen. Darüber hinaus ist es Brechts Ziel, über das epische Theater, welches er 1926 einführt, das Publikum für politische Verhältnisse zu sensibilisieren, indem es die Distanz zum Dargestellten wahrt
- Unterbrechung des Erzählflusses: Die epische Dramenform zeichnet sich unter anderem darin aus, dass kein einheitlicher Sprachstil vorliegt. So beginnt in Brechts Werk jede Szene mit einer Exposition, auf die wiederum ein Epigramm (ein Kurzgedicht, welches entweder einen spöttischen oder sinnhaften Charakter trägt) folgt. In den Dramentext sind außerdem immer wieder Lieder in Versform eingearbeitet (S. 78, 94, 128), welche den Haupttext auflockern und für einen lebendigeren Erzählstil sorgen. Die Änderung der sprachlichen Form bewirkt außerdem, dass der Leser sich immer wieder neu einstellen muss und der Autor auf diese Art und Weise eine erhöhte Aufmerksamkeit seitens des Publikums erzielt
- Zeit und Raum: Aufgrund dessen, dass in das Leben des Galilei keine einheitliche Zeit existiert und auch die Schauplätze von Szene zu Szene wechseln, liegt die Form eines epischen, offenen Dramas vor. Wir können im Werk zeitliche Sprünge über mehrere Jahre verzeichnen, so liegen beispielsweise neun Jahre zwischen der 9. und 10. Szene. Doch auch die Schauplätze erfahren in dem Drama einen stetigen Wechsel: Während die ersten drei Szenen in Padua stattfinden, ändert sich der Ort darauffolgend zu Florenz und dann zu Rom, bevor der Standort des Protagonisten wieder zurück nach Florenz verlegt wird
- Kritische Distanz: Auch wenn wir bereits zuvor Elemente des geschlossenen Aufbaus eines Dramas in das Leben des Galilei analysiert haben, so besitzt Bertold Brechts Theaterstück keine klassischen Höhepunkte und zudem wird das Ende offen gehalten. Der Autor vermag, dass der Leser sich reflektiert mit dem Erzählten auseinandersetzt, indem er durch den Aspekt der Verfremdung der Figuren eine mögliche Identifikation aufhält
- Figuren: Typisch für die Form des epischen Theaters ist zudem, dass sich die Anzahl der Personen im Stück nicht auf wenige, aber wichtige Charaktere beschränkt, sondern zahlreiche Rollen vorsieht. So liegen uns im analysierten Werk überdurchschnittlich viele Personen vor, wobei abgesehen vom Protagonisten keine der Figuren dominiert und den einzelnen Individuen eine homogene Bedeutung zugeschrieben wird
- Verfremdung: Der sogenannte V-Effekt bildet ein zentrales Merkmal des epischen Theaters. Brecht reißt durch die Unterbrechung des Dramentextes in Form von Sinngedichten und Liedpassagen den Leser aus seiner Trance und lässt die Handlung in einem unverfälschten und realistischen Licht erscheinen. Durch diese Blickweise auf das Erzählte wird dem Publikum ermöglicht, scheinbar Bekanntes aus einer neuen, reflektierten Perspektive heraus zu betrachten