Ferdinand von Walter
Ferdinand steht wie Wurm zwischen den Ständen: Die Liebe zu Luise lässt den 20 Jahre alten Major den Rücken zur Ständegesellschaft und den Plänen seines Vaters kehren. Ferdinand ist ein Adeliger, dem seine Geburt nichts bedeutet, der „Romanenkopf“ (S.23), offensichtlich von der Literatur der Empfindsamkeit und der Aufklärung geprägt, sucht die Nähe des Bürgertums, dessen Moral er angenommen hat. Als Schüler beim Flötisten Miller zeigt er zudem sein musisches Interesse. Seelengröße und „persönlicher Adel“, das heißt große und mutige Taten, sind die Werte, an denen er sein Ehrgefühl ausrichtet. An der Universität mit den Gedanken und der Ethik der Aufklärung in Kontakt gekommen (S. 53), verachtet er das intrigante Ränkespiel seines Vaters und verzichtet sogar auf sein Erbe, da er weiß, dass es auf einem Verbrechen gründet. Das Glück sieht er in sich selbst bzw. dem eigenen Leben, nicht im Ringen um Macht wie sein Vater. Zu diesem hat er folglich ein schlechtes Verhältnis, er wirft ihm offen Unmoral vor und droht sogar, seine Verbrechen aufzudecken. Ferdinand stellt sich gegen die Kabalen des Hofs, rebellisch trotz er der Ständegesellschaft; er träumt von einer Gesellschaft ohne Grenzen, in der er seine Liebe frei ausleben kann.
Neben der bürgerlichen Moral (Treue, Liebe, Aufrichtigkeit) besitzt Ferdinand aber durchaus noch adelige Moralvorstellungen, da er ein Major im Militär ist (dessen Führung durch und durch adelig war). Am wichtigsten ist ihm seine Ehre, sieht er diese verletzt, wird er offensiv bis gewalttätig: Lady Milford wirft er als Mätresse Unmoral vor, als der Präsident Luise eine Hure nennt, zückt er den Säbel und den Hofmarschall fordert er zum Duell auf Leben und Tod, als er diesen für den Liebhaber Luises hält. Insbesondere das Duellwesen ist kein Element bürgerlicher Moral und wurde von der Aufklärung kritisiert. Ferdinand hängt also mit seinem militärischen Ehrgefühl durchaus alten Moralvorstellungen an.
Ferdinands Gefühlsleben lässt sich mit der Formel „zärtlich in der Liebe, schrecklich im Zorn“ gut beschreiben. Für Luise ist er bereit, bis zum Äußersten zu gehen und sich zwischen sie „und das Schicksal [zu] werfen“ (S. 16). Luise bedeutet ihm alles, er würde sogar (als Militär!) aus seiner Heimat fliehen, da er nur dort glücklich sein kann, wo er Luise lieben kann. Nicht die Pflicht bestimmt sein Denken - er fühlt sich weder seinem Vater noch der Gesellschaft verantwortlich, nur seinen eigenen Moralvorstellungen -, sondern das Gefühl. Die Liebe zu Luise geht sogar so weit, dass er den Kontakt zur Realität verliert. Während Luise vernünftig über ihre Liebe nachdenken kann, empfindet Ferdinand dieses Nachdenken schon als Verrat an der Liebe (vgl. S. 15). Er will über sie wachen „wie der Zauberdrach (sic) über unterirdischem Golde“ (S. 16), seine Liebe ist für ihn nicht Alltag, sondern etwas Hohes und Magisches, von Gott bestimmt, das Heiligste in seinem Leben. Die Gefahr, die von der Gesellschaft und besonders von seinem Vater ausgeht, missachtet er dabei und wischt sie als unwichtig beiseite. Dass sich Ferdinand so sehr in der Liebe versteigt, führt aber auch zu seinem extremen Zorn und seinen mörderischen Rachegedanken, als seine Eifersucht geweckt wird. Dabei spielt seine soziale Isolation sicher eine Rolle: Als Adeliger, dem nichts am Adel liegt und der von einer ständelosen Gesellschaft träumt, gehört er nicht zum Hof, mit dem Bürgertum verbindet ihn aber nur Luise, Miller jedoch verhält sich ihm gegenüber zwar höflich, akzeptiert ihn aber nicht als Liebhaber seiner Tochter. Mit dem vermeintlichen Verrat Luises bleibt Ferdinand keine Person, der er nahe steht. Folglich will er sich und Luise töten - Ferdinand hat ein besitzergreifendes Wesen, er fordert von Luise alles, er erhebt Anspruch auch auf ihr Leben. Dass die Liebe Ferdinand mehr bedeutet als das Leben selbst, zeigt sich schon lange bevor er die Untreue Luises vermutet. Bereits in der 5. Szene des 2. Akts spricht Ferdinand: „Der Augenblick, der diese zwo Hände trennt, zerreißt auch den Faden zwischen mir und der Schöpfung.“ (S. 46-47)
Die himmlische Luise wird zu ihm nun zur „giftige[n] Natter“ (S. 103), was auf die böse Schlange in der biblischen Geschichte des Sündenfalls und der Vertreibung aus dem Garten Eden anspielt. Vom Engel zum Teufel: Das verdeutlicht, wie extrem Ferdinand seine Gefühle auslebt, wie wenig er dabei innehält und vernünftig über die Situation nachdenkt. Zudem zeigt sich daran, wie Ferdinand sich auf den Himmel und die biblische Moral beruft - der Mord an Luise ist für ihn kein Verbrechen, sondern die Vollstreckung göttlicher Gerechtigkeit.
So, wie Luise das Frauenideal der Stürmer und Dränger darstellt, entspricht Ferdinand dem Typus des tragischen Helden im Sturm und Drang. Er kämpft gegen die Gesellschaft im Namen der Moral und der Liebe, die ihm mehr bedeuten als die Norm. Ideale und Gefühle bestimmen sein Tun. Vernunft und Anpassung an die gesellschaftlichen Regeln empfindet er als Hindernis, als Beschränkung seines wahren Selbst. Das absolute, unbändige Gefühl und der rebellische Charakter der radikalen Individualität ohne Rücksicht auf die Gesellschaft sind typische Merkmale des Sturm und Drang, führen aber letztlich oft zum Tod des tragischen Helden, der seine Ideale nicht gegen die stärkeren gesellschaftlichen Zustände durchsetzen kann.