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Interpretation

E.T.A. Hoffmanns Werk Der goldne Topf kann auf viele verschiedene Arten interpretiert werden. Es wurde sogar als eine Art Umsprungbild gedeutet, da es auf mehrere Arten lesbar ist, so zum Beispiel als Märchen mit glücklichem Ende oder als Geschichte eines psychisch Kranken. Im Folgenden sollen einige mögliche Interpretationsansätze aufgezeigt werden.

Zerrissenheit zwischen bürgerlichem Leben & der Poesie

Betrachtet man die Handlung rund um den jungen Studenten Anselmus wird schnell deutlich, dass er verzweifelt nach seinem Weg sucht. Er strebt entsprechend des Rates seiner Freunde einerseits nach einem Leben als Beamter, würde als Hofrat die junge Veronika heiraten. Andererseits sehnt sich Anselmus nach einem anderen Leben, will sich der Poesie und der Fantasie widmen.
Anselmus fühlt sich hin- und hergerissen zwischen den beiden Welten. Diese Zerrissenheit wird durch den Wettstreit von Veronika und Serpentina noch verstärkt. Beide stehen für jeweils eine der entgegengesetzten Welten und versuchen die Liebe von Anselmus zu gewinnen.
Nachdem Anselmus erkannt hat, wie banal das Bürgerliche ist, bringt ihn Veronikas Liebeszauber wieder vom Weg ab. Der Student zweifelt erneut und verfällt daraufhin dem Wahnsinn. Dieser wird metaphorisch durch den Fall ins Krystall, also in die Glasflasche, widergespiegelt.
Der Tintenfleck, den Anselmus beim Kopieren der Schriften macht, kann als Zeichen für seine frevelhafte Ablenkung von der Poesie interpretiert werden. Weil er zuvor an der magischen Welt und der Fantasie gezweifelt hat und Lindhorsts Erzählung für verrückt hielt, arbeitete er nicht mehr konzentriert und mit Leidenschaft. Der Glaube an die Poesie aber war es, der ihn zuvor zu einem Meister seines Tuns machte.

Anselmus als Wahnsinniger

Das moderne Märchen kann auch als Seelenkunde eines Schizophrenen gelesen werden. Das Motiv des Wahnsinns taucht schließlich immer wieder in dem Werk auf.
Die Weltwahrnehmung von Anselmus kann als verzerrt interpretiert werden. Poetische Visionen lassen ihm die gewöhnliche Welt immer wieder als wunderbar erscheinen. So etwa, als er durch das Haus von Lindhorst geht, das er einmal normal und einmal magisch wahrnimmt. Auch die Einzelsymptome eines Schizophrenie-Erkrankten lassen sich bei Anselmus wiederfinden. So leidet er unter Verfolgungswahn durch das Marktweib, zeigt Katatonie als er sich in der Flasche gefangen und bewegungslos fühlt und hat offenbar Selbstmordabsichten beim Sprung in die Elbe.
Diese Leseart wird davon unterstützt, dass auch die anderen Bürger Anselmus als „nicht recht bei Troste“ ansehen. Nicht einmal die vermeintlich anderen Flaschen-Gefangenen können ihn verstehen.
Anselmus‘ Wahnsinn könnte außerdem durch den Genuss von Alkohol und gar Drogen ausgelöst worden sein. Schaut man sich die Szenen, in denen er magische Dinge wahrnimmt, genauer an, fällt auf, dass er vorher immer etwas getrunken hat. So zum Beispiel das seltsame Getränk von Lindhorst.

Verblendung der bürgerlichen Welt

Nun kann Der goldne Topf aber auch komplett gegensätzlich gelesen werden. Dann wiederum scheint sich das Motiv des Wahnsinns nicht auf Anselmus, sondern auf die Bürger zu beziehen. Die Verblendung der normalen Gesellschaft wäre somit eine Art kollektiver Wahnsinn.
Diese Interpretation wird vor allem durch die Flaschen-Szene nahegelegt. Die Kreuzschüler und Praktikanten, die neben Anselmus gefangen sind, empfinden sich nicht als eingesperrt. Dabei ist es offensichtlich, dass sie in ihrer geistigen Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind. Die Verblendung der Gesellschaft aber lässt sie das nicht einmal spüren.

Liebe als Auslöser für Wahnsinn

Betrachtet man das Werk im Hinblick auf die Liebesgeschichten, könnte auch die Liebe selbst als Auslöser für Wahnsinn interpretiert werden. Ganz nach dem Motto: Liebe macht blind - und lässt einen die Welt manchmal verzerrt sehen.
Anselmus etwa kann sich nicht zwischen den beiden Frauen entscheiden. Vernünftig betrachtet wäre die Tochter seines Freundes Paulmann die richtige Wahl für ihn. Seine Gefühle aber ziehen ihn zu Serpentina hin, die er als übernatürlich wahrnimmt. Der innere Zwiespalt macht ihn mit der Zeit wahnsinnig.
Auch Veronikas Verhalten kann in diese Richtung gedeutet werden. Sie ist eigentlich ein vernünftiges, braves Mädchen. Durch die Liebe zu Anselmus aber wird sie plötzlich träumerisch und wendet sich sogar der Magie zu. Als der Zauber misslingt und sich Anselmus für Serpentina entscheidet, verfällt Veronika in ihrer Verzweiflung dem Wahnsinn. Erst als sie sich rational für eine Ehe mit Heerbrand entscheidet, kann sie in ihrer bürgerlichen Welt glücklich werden.

Metamorphose vom Schreiber zum Schriftsteller

Der goldne Topf kann auch als die Geschichte eines Schreibers interpretiert werden, der zum wahren Schriftsteller wird. Anselmus beginnt schließlich als Lohnschreiber bei Lindhorst, hat eine gewöhnliche Laufbahn als Beamter im Sinn. Erst durch die Arbeit spürt er plötzlich die Berufung zum Schriftsteller. Diese Verwandlung stellt E.T.A. Hoffmann als etwas beinahe religiöses dar, das nur durch den Glaube an die Schlange, die Poesie, und den Ruf ihrer Stimme stattfinden kann. In dieser Lesart ist Serpentina also die Schutzpatronin für Anselmus, die ihn zu höherer Geistigkeit und Erkenntnis führen will.

Autobiografische Züge

Bezieht man das moderne Märchen auf das Leben des Autors, fallen einige autobiografische Züge auf. Wie Anselmus und der Erzähler fühlte sich auch E.T.A. Hoffmann zwischen dem gewöhnlichen, bürgerlichen Leben und dem Leben als Schriftsteller zerrissen. Während er tagsüber als Beamter arbeitete, widmete er sich nachts seinen Werken. In einem Brief schrieb er außerdem einmal, dass ihm das Schreiben wie die Flucht in eine andere Welt erscheint. Eine Welt, in die er offenbar manchmal genauso gern verschwinden würde, wie seine Hauptfigur.
Außerdem spielt Der goldne Topf in der Lebenswirklichkeit von Hoffmann. Er beschreibt das Bürgertum zwischen französischer Revolution und dem Wiener Kongress. Die Zeit damals war von öder Normalität geprägt und trotz des neuen Friedens waren die Menschen noch immer nicht wirklich frei.
Ein weiterer auffälliger Punkt ist der Bezug auf Hoffmanns unglückliche Liebe zu der jungen Julia Marc. Von ihr musste er sich 1812 trennen, konnte sie aber nicht vergessen. Seine Hauptfigur benannte er daher nach dem Schutzheiligen von Julias Geburtstag. Außerdem hat seine Figur Serpentina die dunkelblauen Augen, die Hoffmann so an Julia Marc geliebt hatte.

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