Im Folgenden wird beispielhaft eine ausgewählte Anzahl an Sentenzen von Freud untersucht und gedeutet. Bei Sentenzen handelt es sich um Aussagen oder Meinungen und der Begriff stammt aus dem Lateinischen.
„Man muss das Wasser nicht verstehen, um kopfvoran hineinzuspringen!“ (S. 45, Z. 1 f.)
Nachdem der Protagonist Rat bei seinem älteren Freund und Vertrauten Sigmund Freud in Sachen Lieben gesucht hat, gelingt es dem Psychoanalytiker Franz mit oben genannter Aussage zu beruhigen und auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Franz, der unglücklich verliebt in seine Anezka ist und sich im Liebeskummer mutterseelenallein fühlt, wird so vergegenwärtigt, dass es sich bei Liebe nicht um etwas statisch Erlernbares, Methodisches handelt. Vielmehr macht den wahren Reiz des Verliebtseins aus, ohne jegliche Gewissheit den Schritt zu gehen, sich selbst verletzbar und somit angreifbar zu machen. Während Huchel vor seinem Gespräch mit Freud davon ausgeht, dass man, um die Liebe zu verstehen, zu finden und zu leben, einem Plan folgen müsse, belehrt ihn Freud eines besseren. Doch mit diesem Zitat bezieht sich der Professor nicht allein auf die Liebe, sondern jegliche neue, zunächst unverständlich und fremd anmutende Themen, die einem im Laufe des Lebens begegnen. Um etwas genießen und lieben zu können, muss man es nicht verstehen, denn Verstand und Gefühl stoßen sich gegenseitig ab.
„Mit Frauen ist es wie mit Zigarren: Wenn man zu fest an ihnen zieht, verweigern sie einem den Genuss.“ (S. 45, Z. 21 f.)
Der Vergleich von Frauen mit Zigarren zeigt auf, dass Freud bereits selbst die Erfahrung gesammelt hat, dass übertriebene Umwerben einer Dame zu viel des Guten sein kann. Ein gelungenes Verhältnis aus Zuvorkommenheit und Zurückhaltung wiederum scheint dem Psychoanalytiker erfolgversprechender. Er verwendet das oben stehende Meinungsbild vor allem im Hinblick darauf, dass Franz seine geliebte Anezka mit einer zwar gut gemeinten, doch zu versessenen Umwerbung möglicherweise eher in die Flucht treiben könnte, als sie für sich zu gewinnen. Denn Liebe sollte leicht und spielerisch, frei und unkompliziert sein. Um den Charakter junger und frischer Verliebtheit zu bewahren, soll sich Franz davor hüten, auf das Mädchen seines Herzens zu sehr Druck auszuüben.
„Die Leute zahlen so viel Geld, weil sie von mir eben keine Ratschläge zu hören bekommen“ (S. 77, Z. 13 f.)
Als der junge Protagonist sich bei Freud darüber beschwert, dass ihm dieser bloß mit Ratschlägen dienen könne, die ihm wertlos erscheinen, weist ihn der Psychologe darauf hin, dass es nicht die Tipps und Ratschläge sind, weswegen seine Klienten gerne zu ihm kommen. Stattdessen sind es die Denkanstöße, die ein guter Psychoanalytiker seinen Patienten gibt, die Hilfe zur Selbsthilfe leisten können. Ratschläge besitzen einen grundsätzlich belehrenden Charakter, welcher einen stark an die Schulzeit zurückerinnern könnten. Sinn und Zweck einer Sitzung bei einem Psychologen ist es auch nicht, dass dieser einen möglichst gut kennenlernt und mit Wissen über einen selbst versorgt. Vielmehr ist das Ziel, dass der Klient im Gespräch mit dem Psychologen sich selbst zu verstehen lernt und sich somit in Mündigkeit und Verantwortung, was seine eigene Person betrifft, übt. Freud gibt Franz zwar streng genommen Ratschläge, verpackt diese jedoch in sogenannte „Rezepte“ (S. 78, Z. 20).