Entstehung und Epoche
Das vorliegende Werk Arno Geigers ist der Literaturepoche der Gegenwart zuzuordnen. Wir werden nun die Entstehung des Kriegsromans erläutern und das Buch auf Merkmale der Gegenwart überprüfen.
Entstehung
- Laut Überlieferungen benötigt der Autor ganze zehn Jahre zur Vollendung seines Werks Unter der Drachenwand. Demnach beginnen die ersten Schreibentwürfe im Jahr 2008, da das Buch im Jahr 2018 erscheint. Arno Geiger selbst beschreibt den Schreibprozess des Romans als „strapaziös und kein Gang über freies Feld“. Das Niederschreiben des Romans bewerkstelligt der Autor innerhalb von fünf Monaten
- Der Schriftsteller „will ein dreidimensionales Bild von der Welt“. Daher verwundert es nicht, dass er sich in seiner Erzählweise nicht auf eine Figurenperspektive beschränkt, sondern die Folgen und Umstände des 2. Weltkriegs aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus betrachtet und den Charakteren im Werk individuelle Stimmen verleiht
- Als Vorlagen für den Roman dienen dem Autor zufolge „die Korrespondenz des Lagers Schwarzindien am Mondsee, Kinderlandverschickung, Kinderbriefe, Elternbriefe, Behördenbriefe“. Auf diese Sammlung an Artefakten stützt Arno Geiger seine Handlung
- Für den gebürtigen Österreicher aus Vorarlberg ist der Schreibprozess eine Frage der Geduld. Sich im Entstehungsprozess nicht hetzen lassen und dennoch intensiv mit dem Handlungsstoff auseinanderzusetzen, ist für Geiger unausweichlich, um in hervorragender Qualität schreiben zu können. Doch auch die empathische Annäherung an eine Figur ist für den Schriftsteller „entscheidend“, denn nur indem man ebenso die Schwächen wie die Stärken der Charaktere annimmt, vermag ein komplexer Romancharakter zu entstehen
Epoche der Gegenwart
- Mit der Epoche der Gegenwart ist die Literatur gemeint, die ab 1990 entsteht. Demzufolge handelt es sich bei der Gegenwart weniger um eine charakteristische Epoche als vielmehr um eine zeitliche Eingrenzung. Dazu kommt noch, dass wir uns zum momentanen Zeitpunkt mitten in der Gegenwart befinden und die Bezeichnung einer Literaturepoche erst nach deren Ende festgelegt werden kann
- Der Mauerfall läutet den Beginn der vorliegenden Literatur- und Kulturepoche ein, allerdings steht der exakte Beginn der Gegenwartsepoche noch nicht final fest. Die zeitliche Eingrenzung kann erst vorgenommen werden, wenn eine Epoche von einer neuen Ära abgelöst wird
- Inhalte und Themen: Zu den thematischen Schwerpunkten der Literatur der Gegenwart gehört zum einen die Aufarbeitung von Vergangenem, im Zuge dessen werden besonders die Inhalte Nationalsozialismus und Flucht hervorgehoben. Auch das zweigeteilte Deutschland erhält eine spezifische Literaturgattung, Wendeliteratur genannt, wobei hier Inhalte wie das Leben in der DDR die Themenlandschaft dominieren. Doch auch die Popliteratur, welche sich kritisch mit der zunehmenden Digitalisierung sowie dem modernen Konsumverhalten auseinandersetzt, zählt man zur Literatur der Gegenwart. Selbst neue Medien wie Blogs, Inhalte in sozialen Medien und Audio-sowie E-Books lassen sich dem literarischen Repertoire der Gegenwart zuordnen. Zuletzt lassen sich noch Werke der Postmoderne und interkulturell sowie international geprägte Literatur in die Gegenwart einordnen
- Sozialpolitischer Kontext: Begonnen mit der Wende um 1989 bis hin zu einschlägigen Geschehnissen wie dem Anschlag auf das World Trade Center im September 2001 oder die Krise des Euros 2010 - zahlreiche Faktoren formen und prägen das Gedankengut der Gesellschaft des 20. und 21. Jahrhunderts. Zuletzt sollte als historisches Ereignis nicht die als Flüchtlingskrise bezeichnete Welle flüchtender Menschen unerwähnt bleiben. Dieser Flüchtlingsstrom wird 2015 durch eine Vielzahl an Aufständen, Protesten und Unruhen hervorgerufen, die vorrangig in nordafrikanischen Raum stattfinden. Der gegenwärtige Alltag wird nach wie vor von einer rasant wachsenden Wirtschaft und damit verbundenen Globalisierung beherrscht. Doch der ständige Anstieg birgt auch Schattenseiten, die sich in sozialer Ungerechtigkeit und der voranschreitenden Zerstörung unseres Planeten äußern. Widerstandsbewegungen und Umweltaktivismus bildet einen essentiellen Teil unserer heutigen Gesellschaft, möglicherweise mehr als je zuvor
Merkmale der Gegenwart in Unter der Drachenwand
- Erinnerungsliterarisch: Das Werk Unter der Drachenwand ist eindeutig der Erinnerungsliteratur zuzuordnen. Thematisch entspricht der Roman mit seinen berührenden Schilderungen einzelner Schicksale im Rahmen des 2. Weltkriegs dem Genre des Antikriegsromans
- Gesellschaftskritisch: Arno Geiger gibt die Biografien seiner Figuren nicht einfach kommentarlos wieder, sondern versteckt zwischen den Zeilen gesellschaftskritische Botschaften, die den Leser zum Nachdenken anregen. Die Gedankenanstöße beim Publikum vermag Geiger zum einen durch seine sehr empathische Darstellung der einzelnen Charaktere hervorzurufen. Indem der Autor einem als Leser die Figuren in all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit schildert, schärft man als Publikum automatisch den Blick für die verletzliche Seite eines jeden Individuums. Indem Arno Geiger ein dreidimensionales Bild jeder Figur malt, wirkt er den stigmabehafteten und stereotypischen Wiedergaben der Kriegsbetroffenen entgegen. So wird beispielsweise die Engstirnigkeit der Bevölkerung in Mondsee nicht verschwiegen, sondern thematisiert. Um die tabuisierten Auswirkungen des Krieges zu verdeutlichen, entwickelt der Autor deshalb etwa die Figur des Brasilianers, der als Gegenpol zu dem verbitterten, nationalsozialistischen und angepassten Charakter des deutschsprachigen Raums angesehen werden kann
- Diversität einer Gesellschaft: Dass sich eine Sozialstruktur aus unterschiedlichen Persönlichkeiten diverser Herkunft und Orientierung zusammensetzt, gilt heutzutage als üblich. Im rassistisch und faschistisch geprägten 2. Weltkrieg kann noch keinesfalls von einer Akzeptanz gegenüber Minderheiten gesprochen werden. Umso wichtiger ist Geigers Ansatz, Figuren wie den jüdischen Zahntechniker Oskar Meyer oder auch den Freigeist Robert Raimund Perttes alias den Brasilianer mit in seine Handlung einzubeziehen. Den verschiedenen Persönlichkeiten im Roman verleiht Arno Geiger ein solches Maß an Authentizität, indem er sich soweit in die Charaktere hineinversetzt. Deshalb erscheint es einem als Leser beinahe, als ob beispielsweise die Briefe eines Oskar Meyers tatsächlich aus seiner Feder stammen würden. Nicht umsonst sieht sich der Autor als „Stellvertreter für [seine] Figuren“