Das Gericht
Das Gericht
Das Gericht ist die den Roman bestimmende, allmächtige und allgegenwärtige Institution - was es umso bemerkenswerter macht, dass man als Leser kaum etwas Gesichertes von ihm erfährt: Die Aussagen über das Gericht sind paradox, widersprechen sich oft, seine Beamten sind unzuverlässig, seine Organisation ist undurchschaubar. K. trifft nur auf die niedrigsten Organe, die ihre Auftraggeber nicht einmal kennen. Es scheint wie ein Gebilde aus reiner Paradoxie: So versucht Huld, K. das Gericht näher zu bringen, schränkt aber alle seine Aussagen, die er tätigt, ein - so seien etwa Beziehungen zu Beamten sei das Wichtigste, doch könne man ihnen nicht trauen (Kap. 7, Z. 146 f.); die erste Eingabe sei „sehr wichtig“, werde aber „gewöhnlich verlegt oder gehe gänzlich verloren“ (Kap. 7, Z. 54 f.).
Für K. bleibt das Gericht daher anonym, unerreichbar, unfassbar - und doch allgegenwärtig. „Es gehört ja alles zum Gericht“, stellt Titorelli halb im Scherz fest (Kap. 7, Z. 1097 f.). Das zeigt sich schon allein daran, dass viele Menschen wie Titorelli oder Advokat
Huld von K.s Prozess wissen, bevor er sie überhaupt kennenlernt. Privatsphäre gibt es für das Gericht nicht, wenn nötig, wird das Schlafzimmer einer fremden Person wie Fräulein Bürstner ohne deren Einwilligung zum Verhandlungsraum umfunktioniert. Das Gericht scheint zwar alles zu bestimmen und nimmt sich alle Macht heraus, die es will, doch ist es, wie auch fast alles in diesem Roman, von einer paradoxen Grundhaltung geprägt. Einerseits wird es von K.s Schuld angezogen (vgl. Kap. 1), andererseits will das Gericht nichts von K. (Kap. 10). Am besten treten die Besonderheiten des laut Huld „geheime[n] Gericht[s]“ (Kap. 7, Z. 162) anhand einer Gegenüberstellung zutage:
Geheimes Gericht | Gewöhnliches Gericht |
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Das Gericht scheint trotz der eigentlich beschwichtigend gemeinten Türhüterparabel (s. u.) nicht für die Gerechtigkeit, sondern die Verurteilung von Angeklagten verantwortlich zu sein. Das gesamte Wesen des Gerichts ist nachteilig für jeden, über den es urteilt. So ist das Gericht bei der Anklageerhebung bereits von der Schuld des Angeklagten überzeugt (Kap. 1). Titorellis Gemälde zeigt dies sinnbildlich: Bei ihm ruht die Göttin der Gerechtigkeit (ein Symbol für die Justiz) nicht, sondern läuft, wodurch sich ihre Waage, die ein gerechtes Urteil ermöglichen soll, im Ungleichgewicht befindet. Sie sieht zudem wie die Siegesgöttin und sogar wie die Göttin der Jagd aus (Kap. 7, Z. 995 ff.) - es geht hier nicht um ein ausgewogenes, gerechtes Urteil, sondern um den Sieg des Gerichts, um die Jagd nach der Schuld.
Folglich, so die weiteren Ausführungen des Malers, ist eine tatsächliche Freisprechung des Angeklagten nicht möglich, nur Legenden berichten davon (Kap. 7, Z. 1214). Lediglich eine scheinbare Freisprechung, bei der der Angeklagte nicht wirklich frei ist, und die Verschleppung, bei der der Prozess stets in einem niedrigen Stadium gehalten wird, sind möglich. Die Freiheit von diesem Gericht, zu dem doch alles gehört, kann also nicht erkämpft werden. Selbst die Beamten sind nicht frei, denn sie leben in den Kanzleien. Der Unfreiheit von Angeklagten wie Block und K. entsprechend, die von ihren Prozessen immer mehr vereinnahmt werden, sodass für die Arbeit keine Zeit mehr bleibt, leben die Beamten für das und sogar im Gericht. Das Gericht, dessen bestimmenden Instanzen unbekannt sind, ist gleichwohl anonym wie indiskret, offiziell wie privat, dem Leben fern wie alles bestimmend, vorgeblich sorgfältig wie absolut willkürlich.
Selbst Beamte wissen nichts von den höchsten Organen und kennen nur ihre jeweilige Aufgabe, ein Gesamtblick auf einen Fall wie den K.s fehlt ihnen (Kap. 7, Z. 167 ff.). Dies ist keine sorgfältig arbeitende Justiz, diese Organisation öffnet Korruption Tür und Tor. Die Beamten sind sogar angewiesen, mit der Verteidigung zu sprechen, da ihnen durch die Vereinnahmung durch ihre Arbeit „der Zusammenhang mit der Bevölkerung“ fehlt (Kap. 7, Z. 163). Hier setzt die Arbeit der Advokaten an - ob diese den Angeklagten wirklich helfen, ist aber unklar, denn sie sind durch ihre Beziehungen ja mit den Beamten verstrickt. So arbeitet Huld zum Beispiel stets an einer so genannten ersten Eingabe, deren Abgabe er immer verschiebt, was aber sogar aus nicht näher erläuterten Gründen günstig für K.s Fall wäre. Der Angeklagte, ausgeschlossen von seinem Prozess, ist auf Hilfe angewiesen, doch ist diese Hilfe nicht zuverlässig und lässt den Angeklagten seine Abhängigkeit spüren.
Generell ist das Gericht sehr hierarchisch, willkürlich und brutal. Block wird als Klient Hulds von diesem wie ein Sklave behandelt, er muss sich erniedrigen; der Untersuchungsrichter in K.s Fall blättert während dessen Rede in einem Pornoheft, statt sich seiner Arbeit zu widmen; Verstöße wie das Verhalten von K.s Wächtern werden mit (mehrtägiger?) Prügel bestraft. Das Gericht lässt die Angeklagten spüren, dass sie auf dem niedrigsten Rang stehen, K. muss sich vor einer Menge aus unbekannten und anonymen Menschen in einer Art Schauprozess bei seiner ersten Untersuchung verantworten.
Eine moralische Legitimität hat das Gericht nicht: Seine Beamten sind Frauenjäger (vgl. Drittes Kapitel) und korrupt wie Ks. Wächter. Sexualität, Schmutz und Recht verbinden sich zu einem Ganzen. Dennoch ist das Gericht keine niedrige Instanz, alles gehört ja zu ihm, in der Person des Gefängniskaplans vereinigen sich sogar Religion und Gericht, es wird durch ihn „dem menschlichen Urteil entrückt“ (Kap. 9, Z. 662). Mythen und Legenden ranken sich um die Prozesse, die Undurchschaubarkeit und Fremdartigkeit des Gerichts führt zum Aberglauben der Angeklagten (vgl. Kap. 8). Maler wie Titorelli erben ihre Stellung, ihre Arbeit ist nach geheimen Regeln geordnet. Das Gericht erscheint als Ganzes so absurd und vom normalen Leben völlig getrennt, dass man es für eine düstere Einbildung K.s halten möchte. Doch in Huld vereinigen sich das geheime und das gewöhnliche Gericht, da er Block auch in geschäftlichen Rechtssachen vertritt - damit hat es eine Schnittstelle zur Realität.
Das Gericht ist also ein großes Paradoxon, in dem sich Gegensätze wie Unmoral und Religion, Freiheit und Unfreiheit (beispielhaft an K.s Verhaftung, die seinen Alltag nicht einschränkt), Täter und Opfer vermischen. Als Instanz mit endloser (!) Hierarchie (Kap. 7, Z. 180) und surrealen Räumlichkeiten wie stickigen Dachböden und mit Galerien ausgestatteten Wohnzimmern scheint es nicht wirklich zu sein - tatsächlich gibt es viele Hinweise darauf, dass das Gericht Ausdruck von K.s Psyche ist.
Komprimiert wird das Verhältnis K.s zum Gericht bzw. die Kernthematik des Werks in der Türhüterparabel dargestellt.