Hermine
Für Harry Haller gibt es im Roman drei wichtige Personen: Hermine, Pablo und Maria. Die drei sind als Kontrast- und Spiegelfiguren konzipiert. Sie stellen die abgespaltenen Teile von Harry Hallers Seele dar und helfen ihm im Laufe der Handlung, seinen Selbsthass annähernd in den Griff zu bekommen.
Harry Hallers neue Freundin Hermine, die er zufällig in einem Lokal trifft, ist eine junge, hübsche Frau. Haller beschreibt in seinen Aufzeichnungen Hermines bleiches, festes Gesicht mit den blutrot bemalten Lippen, ihre hellen, grauen Augen und die glatte, kühle Stirn. Obwohl sie tief ausgeschnittene Kleider trägt, wirkt Hermines Erscheinung androgyn. Sie erinnert Harry Haller sehr an seinen Jugendfreund Hermann. Und beim Maskenball verkleidet Hermine sich sogar als Mann.
Hermine, einst ein frommes Kind, ist inzwischen ein käufliches Mädchen. Sie lässt sich von Männern bezahlen und aushalten. Doch Hermine hat auch lesbische Erfahrungen gesammelt, plaudert Harry Haller gegenüber einmal von ihren intimen Nächten mit ihrer Freundin Maria. Mit den gesellschaftlichen Kreisen, in denen sich Haller für gewöhnlich bewegt, hat Hermine reichlich wenig zu tun. Sie ist weder gebildet, noch hält sie sich an die bürgerliche Etikette. Während Haller sie anfangs höflich siezt, duzt Hermine ihn direkt.
Hermine ist freundlich, kümmert sich um den verzweifelten Harry. Mit ihrer aufmerksamen Art hat sie beim ersten Treffen sofort erkannt, dass Harry Haller an Selbstmord denkt. Aber auch wenn sie ihn wie ein kleines Kind behandelt, ist Hermine streng zu Haller. Sie tadelt ihn mit tiefer, fast mütterlicher Stimme, etwa weil er nicht tanzen kann. Seine Ausreden lässt sie nicht gelten. Und sie erteilt ihm ungeniert Befehle. So soll er erst einmal essen und schlafen, später soll er mit ihr Tanzen lernen und ihr letzter Befehl an Haller soll sein, sie zu töten.
Harry Haller bewundert, wie ausgelassen und kindlich vergnügt Hermine ist, dass sie die einfachen Dinge des Lebens kennt. Allerdings ist ihm Hermine ähnlicher, als ihm zunächst bewusst ist. „Begreifst du das nicht, du gelehrter Herr: daß ich dir darum gefalle und für dich wichtig bin, weil ich wie eine Art Spiegel für dich bin, weil in mir innen etwas ist, was dir Antworten gibt und dich versteht?“ (S. 140), erklärt Hermine ihm. Zwar denkt er, Hermine sei das genaue Gegenteil von ihm, weil sie alles hat, was ihm fehlt. In Wahrheit aber hat auch sie schon alles erdenkliche Leid erfahren. Genau wie er ist Hermine mit dem Leben unzufrieden. „Warum denn, glaubst du, habe ich dich damals erkennen und verstehen können? Weil ich bin wie du. Weil ich gerade so allein bin wie du und das Leben und die Menschen und mich selber gerade so wenig lieben und ernst nehmen kann wie du. Es gibt ja immer einige solche Menschen, die vom Leben das Höchste verlangen und sich mit seiner Dummheit und Roheit schlecht abfinden können“ (S. 162), verrät Hermine Harry. Während er leidet, weil er sich mit der Oberflächlichkeit des Lebens nicht auskennt, leidet Hermine, weil sie sich nicht in der Kunst und im Denken auskennt. Deshalb will sie Harry Lachen, Tanzen und Vergnügen lehren - und selbst von ihm lernen, zu denken und zu wissen.