Realismus in Dantons Tod
Merkmale des Realismus im Werk
Die häufige Verwendung von Zitaten deutet auf das damals neu aufkommende Verständnis der Rolle des Künstlers. Auch Büchners Komposition des Dramas ist neuartig. Sein Text bleibt nah an der Sprache seiner Figuren, indem er historisch belegte und überlieferte Zitate in einen neuen literarischen Kontext verwebt. Büchner hat mit großer Sorgfalt darauf geachtet, die Zeit der Französischen Revolution korrekt und detailreich nachzustellen. In einem Brief an seine Familie aus dem Jahre 1835 meint er, dass der „dramatische Dichter [...] nichts, [sic!] als ein Geschichtsschreiber“ sei. Dies widerspricht Schillers idealistischem Kunstkonzept.Schiller entfernte sich in seinem Drama Die Jungfrau von Orléans sehr weit vom tatsächlichen historischen Geschehen, während Büchner zu großen Teilen die Wirklichkeit darstellt und nur an wenigen Stellen von der Historie abweicht. Die Beziehungen zwischen den Dantonisten und den Männern des Wohlfahrtsausschusses analysiert er genau, die Vorwürfe gegen Danton entsprechen denen, die der wirklichen Person gemacht wurden, es gibt nur wenige Auslassungen. Dafür fügt Büchner noch viel Eigenes hinzu, so zum Beispiel Dantons Weltanschauung und seine Resignation, die nicht historisch ist: Auf der Guillotine beschimpfte er noch Robespierres Regime, statt still in den eigenen Tod zu gehen. In diese Darstellung Dantons mischen sich Büchners eigene Ansichten und seine Interpretation der Revolutionsgeschichte. Anders als in der Realität begehen die Frauen Desmoulins‘ und Dantons Suizid. Lucile Desmoulins wurde der Verschwörung angeklagt, nachdem sie sich über die Hinrichtung ihres Mannes empört hatte. Julie (eigentlich Sebastienne-Louise Gely) überlebte sogar Büchner und starb 1856. Nicht historisch ist auch Thomas Paynes (eigentlich Thomas Paine) Atheismus. Zwar wandte er sich bestimmt vom dogmatischen Christentum und damit sogar von der Bibel ab, doch hing er der Idee einer humanistischen Religion an - bezeichnend ist, dass er auf einem Friedhof der protestantischen Quäker begraben werden wollte.
Die Hinzufügungen haben vor allem den Zweck, die Dramatik des Stückes zu erhöhen und die Thematik stärker zu betonen. Die Frauen der Nachsichtigen sterben lieber, als mit dem unbefriedigenden Zustand des Staats und dem Tod ihrer Gatten zu leben. Sie lehnen ein in ihren Augen unwürdiges Leben ab und verhalten sich ebenso mutig wie ihre Männer. Trotz dieser einzelnen Veränderungen und Hinzufügungen ist Dantons Tod ein realistisches Drama. Keine Figur wird idealisiert oder verteufelt. Danton wie Robespierre besitzen psychologische Tiefe, sie machen Fehler, sie haben Ideen, sie lügen sich selbst an. Damit ist Büchners Werk auch als Gegenentwurf zu Schillers Idealismus zu sehen. Zu dessen klassischem Ideal gehört eine Verklärung der Menschen, das Vorhandensein von Helden und Schurken. Der hoffnungslose Tod Dantons, der nichts bewirkt und die verblendete, blutrünstige Menge nicht zum Nachdenken bewegt, ist das Gegenteil vom klassischen Heldentod, der an die Moral appelliert. Bei Schiller finden die Helden Erlösung, bei Büchner ist der Tod nicht heldenhaft, sondern ein Resultat des Elends der Welt und als solcher genauso elend.
Was Büchners Drama zudem noch modern macht, ist, dass er sich zumeist an die historischen Fakten hält, eine Technik, die bis dahin kaum angewendet wurde oder nicht mit dieser Konsequenz. Büchner kann man deshalb als einen Vordenker des Realismus sehen. Wie oben dargelegt, ist die Handlung seines Stückes realistisch und setzt sich gezielt vom Idealismus ab. Aber auch im Kleinen lässt sich ein Realismus Büchners nachweisen.
Als besonders realistisch gilt die Sprache in Dantons Tod - sie ist sogar so realitätsgetreu, dass sich einige Leser über dieses in ihren Augen vulgäre und amoralische Werk beschwerten. Dabei wollte Büchner mit seiner Sprache nicht provozieren, sondern die Wirklichkeit zeigen. Die moralische Empörung seiner Kritiker hat er nicht verstanden, da eine originalgetreue Sprache für ihn zu einer realistischen Charakterzeichnung gehörte. Daher findet sich kaum Pathos (= sehr emotionale Sprache) in den Reden seiner Figuren. Der Wohlfahrtsausschuss imitiert sogar die pathetische Sprache St. Justs, um sich über diesen lustig zu machen - somit stehen den Idealisten Robespierre und St. Just, die nur in der Welt ihrer eigenen Vorstellung leben, die lebensnahen, am eigenen Genuss orientierten Revolutionäre gegenüber. Das Reden von der „Lava der Revolution“ (S. 64) wird somit als Unsinn überführt. Auch sprachlich sind diese Fanatiker also von der Realität des Lebens entfernt - während sie in hochtrabenden Worten von der Tugend und der Notwendigkeit zur Gewalt sprechen, vergnügen sich die Politiker mit Prostituierten. Ebenso denken die Bürgersoldaten lieber an Sex als an ihre Pflichten. Sprache und Charakter stimmen bei Büchner also überein. Idealisten und Fanatiker preisen die Tugend, verwenden appellierende Begriffe, um mit Pathos gegen „die Unterdrücker der Menschheit“ anzusprechen (S. 16), Epikureer schrecken auch vor umgangssprachlichen Redewendungen wie dem „schönen Hintern [der Venus]“ nicht zurück (S. 8). Der Souffleur Simon, dessen Beruf es ist, bei Theatervorstellungen den Text mitzulesen und den Darstellern zu helfen, wenn diese ihren Text vergessen, spricht sogar oft in Versen. Sein Beruf prägt auch seine Sprache, sodass er selbst in sehr ernsten Gesprächen fünfhebige Jamben verwendet, über die sich Desmoulins im Kunstgespräch beschwert. Nach seiner Entwicklung zum Revolutionär verwendet er diese aber nicht mehr, sondern übernimmt die Rhetorik Robespierres, indem er einem Nachbarn vorschlägt, seinen Sohn „Pike, Pflug, Robespierre“ (S. 35) zu nennen. Statt des Pathos‘ und eines „Diktionär[s] der Akademie“ (S. 14), das von den Revolutionären als arrogant verurteilt wird, findet sich an zahlreichen Stellen drastische und anzügliche Sprache. Bemerkenswert sind die vielen Metaphern, die Büchner besonders für den Tod, für die Gewalt und den sexuellen Kontakt (an erster Stelle die Geschlechtskrankheiten) entwickelte. Nicht nur das ungebildete Volk verwendet diese, sondern auch und gerade Danton sowie seine Verbündeten. Der bereits erwähnte schöne Hintern der Venus ist ein Beispiel für die Anzüglichkeit der Nachsichtigen. Das Volk verwendet mit der Sexualität verbundene Begriffe aber drastischer, da sie bei ihm abwertend gemeint sind. So nennt Simon seine Frau ein „Hurenbett“ (S. 9). Die Männer des Wohlfahrtsausschusses stehen dem in nichts nach, nennen sie Robespierre doch hinter dessen Rücken einen „impotente[n] Mahomet“ (S. 65). Dabei wird die Sexualität an sich von denen, die sich der drastischen Ausdrucksweise bedienen, nicht verdammt, eher ist das Gegenteil der Fall. So fragt Danton auf der Straße vergnügt: „Möcht man nicht [...] sich die Hosen vom Leibe reißen und sich über den Hintern begatten wie die Hunde auf der Gasse?“ (S. 36)
Auch die Gewalt wird ungeschönt geschildert. Gleich am Anfang sinniert Danton über das Aufbrechen von Schädeldecken (vgl. S. 5), am Ende herrscht die Bildlichkeit des Todes und der Vergänglichkeit vor, so als „Fäulnis“ (S. 66) oder der Schöpfung als bluttriefende „Wunde“ (S. 67).
Das zwischen Danton und Desmoulins geführte Kunstgespräch verdeutlicht Büchners Verständnis vom Realismus, da es seine eigenen Ansichten widerspiegelt. Desmoulins wettert gegen die Menschen, die denken, dass die Kunst höher und edler als das Leben sei. Für ihn sind realitätsferne Künstler wie die Schaffer von Holzpuppen, also leblosen Objekten. Wirksame Kunst ist für ihn solche, die das echte Leben aufgreift, keiner künstlichen Form folgt. Danton stimmt ihm zu und nennt als Beispiel für gelungene Kunst die Gemälde des Malers David, der die Opfer der Septembermorde malte. Hässliches darf also ihrer Ansicht nach nicht aus der Kunst ausgeblendet werden, weil sie Teil des Lebens ist. Unrealistische und sich vom Leben entfernende Kunst ist für sie lächerlich, da leblos und arrogant. Dem entspricht die Sprache und die Konzeption von Dantons Tod: Büchners Figuren fluchen, lästern, machen anzügliche Witze. Er wollte ein historisches Gemälde erschaffen - und im Hinblick auf den geschichtlichen Gehalt und den lebensechten Stil Büchners ist ihm das auch gelungen.