Josef K.
Josef K.
Josef K. ist der Protagonist (= Hauptfigur) des Romans. Alles, was geschieht, erlebt der Leser zudem aus seiner Perspektive (vgl. Erzählweise). Trotz dieser Konstellation können wir K. „von außen“ einschätzen und Widersprüche, Unglaubwürdiges sowie Fehleinschätzungen K.s aufdecken.
K. ist beruflich sehr erfolgreich. Obwohl erst dreißig Jahre alt, arbeitet er als Prokurist in einer Bank und ist nur dem Direktor und dessen Stellvertreter untergeordnet. Auch gesellschaftlich scheint K. eine hohe Stellung einzunehmen - immerhin zählt Staatsanwalt Hasterer zu seinen guten Freunden (vgl. Kap. 1, Z. 337 f.).
Sein Tagesablauf ist streng geregelt: K. arbeitet lange (bis 21 Uhr), unternimmt anschießend einen Spaziergang - entweder allein oder mit nicht näher genannten Bekannten - und trifft sich danach bis 23 Uhr mit überwiegend älteren Herren beim Stammtisch. Seltene Ausnahmen davon gibt es, wenn K. vom Bankdirektor zum Abendessen oder zu einer Autofahrt eingeladen wird. Demnach pflegt er mit dem Direktor ein gutes Verhältnis. Außerdem besucht K. wöchentlich Elsa, eine Prostituierte, die tagsüber „nur vom Bett aus Besuche empfing.“ (Kap. 1, Z. 474 f.)
Diese Regelmäßigkeit wird durch K.s Verhaftung durchbrochen. K. vermutet sofort Verleumdung oder gar einen Spaß seiner Kollegen als Grund, beruhigt sich aber: Schließlich lebe er in einem Rechtsstaat (vgl. Kap. 1, Z. 91). Als er seine Legitimationspapiere aus seinem ordentlich aufgeräumten Schreibtisch zieht und damit auf die Wächter zugeht, wird deutlich, dass K. an Recht und Ordnung glaubt - generell ist K. jemand, der streng auf Ordnung achtet. So empfindet er Widerwillen beim unaufgeräumten Zustand der Wohnung des Malers Titorelli und beschwert sich bei Frau Grubach über Fräulein Montag, die gerade Sonntags zu Fräulein Bürstner umzieht und K.s Ruhe stört. K., der es als Ärgernis empfindet, wenn Menschen seinen Plänen zuwider handeln oder ihn zu etwas nötigen (wie zum Beispiel sein Onkel), nimmt auf die Pläne anderer Menschen keine Rücksicht: Er lässt Kunden vor seinem Geschäftszimmer warten, weil er über die Verteidigung in seinem Prozess nachdenkt.
Man könnte nun denken, dass K. ein sehr selbstsicherer Mann ist, der seinen Willen konsequent durchsetzt - dies gelingt ihm auch auf der Arbeit, doch der Prozess offenbart Brüche in K.s Charakter. Der sonst so zielstrebige Mann handelt bereits ab seiner Verhaftung oft widersprüchlich bzw. seinen vorigen Absichten entgegen:
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Anschließend rationalisiert K. sein Verhalten, um es sich selbst verständlich zu machen: „Wenn ich dadurch die Sache beschleunige, soll es mir recht sein“ (Kap. 1, Z. 248 f.).
K. mangelt es an Ernsthaftigkeit und Aufmerksamkeit. Was als optimistische Lebenshaltung gelten könnte („alles möglichst leicht zu nehmen, das Schlimmste erst beim Eintritt des Schlimmsten zu glauben“ (Kap. 1, Z. 94)), muss durch den Zusatz als Leichtsinn gedeutet werden: K. neigt dazu, „keine Vorsorge für die Zukunft zu treffen, selbst wenn alles drohte.“ (Kap. 1, Z. 95) Außerdem ist es nicht K.s Gewohnheit, „aus Erfahrungen zu lernen“ (Kap. 1, Z. 107 f.) oder sich mit „Äußerlichkeiten genauer“ zu befassen (Kap. 1, S. 43 f.). K. achtet nicht auf seine Umwelt.
Diese für den Leser vage bleibende Selbsterkenntnis K.s bleibt jedoch ohne Folgen, denn K. unterschätzt auch die Gefahr, die vom Gericht für ihn ausgeht. Seinem Prozess steht er zunächst vollkommen gleichgültig gegenüber und das Verhaftetsein empfindet er als „nicht[s] besonders Schlimmes“ (Kap. 1, Z. 535 f.). K. entgeht viel, weil seine Gedanken immer wieder abschweifen. Er gibt sich endlosen Reflexionen hin, ohne zu einer Lösung zu gelangen. Sein Bewusstseinsstrom ist dabei oft eine Aneinanderreihung von Fragen. Außerdem ist K.s Konzentrationsschwäche in solchen Situationen auffällig, in denen er eigentlich Geistesgegenwart zeigen sollte:
- In Gegenwart der Wächter Franz und Willem kann K. „nicht einmal nachdenken“ statt Klarheit über seine Situation zu schaffen, fragt er sich in Gedanken „Was waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde gehörten sie an?“ (Kap. 1, Z. 90 f.)
- Als der Kanzleidirektor, Advokat Huld und sein Onkel über K.s Fall beratschlagen, kann K. sich nicht konzentrieren - er weiß kaum, wovon die Herren sprechen, und seine Gedanken gleiten zu Leni ab und zu seiner Vorladung, wo er glaubt, den Kanzleidirektor schon einmal gesehen zu haben (Ende Kap. 2); anschließend lässt er sich von Lenis Lärm im Nebenzimmer ablenken, obwohl das Gespräch sehr wichtig für ihn sein könnte
- Der Beschluss, seinen Prozess in die eigene Hand zu nehmen, treibt K. erneut in ausufernde Überlegungen, wie das zu bewerkstelligen sei, da er die Zeit für die Arbeit bräuchte, wo er sich ohnehin nur notdürftig konzentrieren kann: „Und jetzt sollte er für die Bank arbeiten? [...] Jetzt sollte er Parteien vorlassen und mit ihnen verhandeln? Während sein Proceß weiterrollte, während oben auf dem Dachboden die Gerichtsbeamten über den Schriften dieses Processes saßen, sollte er die Geschäfte der Bank besorgen? “ (Kap. 7, Z. 591 f.)
K. ist Junggeselle und lebt für seine Arbeit. Zu anderen Menschen pflegt er außerhalb der Bank nur wenige Beziehungen. Der Leser erfährt lediglich von regelmäßigen Besuchen des Onkels, K.s Stammtischrunde und seiner wöchentlichen Visite bei Elsa. Im Übrigen hat K. Umgang mit Personen, die mit der Gerichtswelt zu tun haben. K.s Nützlichkeitsdenken aus seiner Arbeit (instrumentelle Vernunft) überträgt sich auf seine Beziehung zu seinen Bekanntschaften. Andere Personen behandelt K. mit Kalkül: Ihren Wert veranschlagt er umso höher, je mehr Hilfe er sich von ihnen für seinen Prozess erhofft. So schätzt er den Kaufmann Block anfangs sehr gering und wähnt sich ihm überlegen. Als er sich von ihm jedoch nützliche Informationen über die Gerichtswelt verspricht, steigt Block in seiner Achtung (vgl. Kap. 8, Z. 175 f.). K. denkt stark hierarchisch, dies offenbart sich schon in seinem Verhältnis zum Direktor-Stellvertreter, zu dem er in Konkurrenz steht. Die Sicherheit, die ihm das rationale Denken im Beruf gibt, versucht K. so auf seinen Prozess zu übertragen - hier steht K. aber einer Welt gegenüber, die nicht den Regeln der Vernunft gehorcht. K. sucht sich also Hilfe, da er allein dem Gericht nicht gewachsen ist.
Dieses von Kalkül geprägte Verhalten geht mit einem Überlegenheitsgefühl K.s gegenüber anderen einher. Er wähnt sich seinen Wächtern, anderen Angeklagten wie dem Kaufmann Block, aber auch dem Prügler oder Fräulein Bürstner überlegen. So versucht er den Prügler zu bestechen und die Szene in der Rumpelkammer damit zu kontrollieren. Er über Frau Bürstner als „ein kleines Schreibmaschinenfräulein [...], das ihm nicht lange Widerstand leisten sollte.“ (Kap. 4, Z. 202 f.) Allerdings ist K. diesen Personen nur scheinbar überlegen, denn es gelingt ihm nie, seine Absichten in die Tat umzusetzen. Z. B. kann er den Prügler nicht vom Prügeln abhalten und Fräulein Bürstner lässt sich nicht weiter mit ihm ein.
Frauen versucht K. als Helferinnen in seinem Prozess anzuwerben (Kap. 1, 3, 6). Sein Verhältnis zu ihnen ist darüber hinaus sexuell geprägt, was ihn wiederum davon abhält, wirksame Hilfe in seinem Prozess zu erhalten. Ohne sich auf diese Frauen als Personen einzulassen, begehrt K. sie vielmehr. Wirklich tiefgründig ist K.s Beziehung weder zu Elsa noch zu Fräulein Bürstner, zur Wäscherin oder zu Leni: K. versammelt zwar Menschen um sich, doch ist dies eine Klientelpolitik, K. hat keinen engen Vertrauten, keine enge Bindung zu anderen Menschen, sondern nur oberflächliche, für ihn nützliche Bekanntschaften. Der fleißige, strebsame, ganz und gar nicht mitfühlende K. ist ein Einzelgänger, sehr ernst und nicht humorvoll - zwar kann er sein Auftreten kontrollieren und dadurch andere Menschen für sich gewinnen (so in seiner Rede während der ersten Untersuchung), doch ist dies ein manipulatives Verhalten, kein geselliges.
K. zeigt eine gewisse Doppelmoral, wenn er einerseits sexuellen Verführungen nachgibt, andererseits jedoch von der sexuellen Zurschaustellung der Waschfrau angeekelt ist und sich erbost, dass eine verheiratete Frau eine Affäre hat (vgl. Kap. 3). Die gleiche Frau will er sogar selbst besitzen und er wird eifersüchtig, als sie vom Studenten weggetragen wird. Auch gegenüber Leni, die mit Vorliebe ein Verhältnis mit Angeklagten eingeht, zeigt K. seine Eifersucht (Kap. 8). Dem Leser drängt sich der Eindruck auf, dass K. seine sexuellen Phantasien sich selbst nicht eingestehen will und verdrängt. Dies wird z. B. klar, als K. voller Ungeduld auf Fräulein Bürstner wartet, sich selbst sagt, kein großes Verlangen nach ihr zu haben, in ihrer Anwesenheit dann aufgeregt ist und zudringlich wird. Symbolisch für K.s Verdrängung der Sexualität steht darüber hinaus die Szene in der Rumpelkammer, die an „unanständige“ SM-Praktiken erinnert.
Generell hat K. nur sehr lose Moralvorstellungen. Er ist ein Pragmatiker, tut also in erster Linie das, was ihm nützlich und gefällig ist, denkt dabei kaum über Anstand und Sitte nach - er stellt diese hinten an, wenn sie für ihn Nachteile bedeuten. So lässt er seine Wächter in der Rumpelkammer zurück, weil er fürchtet, dass man sie zusammen sehen könnte, was K. in Erklärungsnot brächte.
Die Einstellung K.s zu seinem Prozess wandelt sich mit der Zeit. Ist sie anfangs von Gleichgültigkeit und Widerwillen geprägt, kann der Leser im Romanverlauf eine zunehmende Fixierung K.s auf das Gericht feststellen - er beginnt, Verantwortung zu übernehmen, da er sich der Verantwortung für seine Mitmenschen immer bewusster wird. Hier rückt K. vom Egoismus ab, er fühlt sich verantwortlich, was am Ende zu seinem Schuldbewusstsein führt. Diese Fixierung auf den Prozess macht es ihm zunehmend schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Sein „Widersacher“ in der Bank, der Direktor-Stellvertreter, scheint ihm gegenüber Oberwasser zu gewinnen. Trotz K.s anfänglicher Ablehnung und seiner Nichtanerkennung des Verfahrens gegen ihn fügt er sich dem Gericht. Der Widerspruch zwischen Ks. Absichten und Äußerungen auf der einen sowie seinen Handlungen auf der anderen Seite wurde bereits angesprochen. Dieser Widerspruch setzt sich im Laufe der Handlung fort:
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Diese Liste ließe sich fast endlos weiterführen - offensichtlich verdrängt K. die Bedeutung, die er seinem Prozess in Wahrheit beimisst. Mit der Zeit schwindet aber K.s Gleichgültigkeit, statt den Prozess zu ignorieren, will er ihn bestreiten und gewinnen. Mit der Folge, dass er sich auf ihn einlässt, angesichts des unübersichtlichen Gerichtswesens aber auch seine Zuversicht verliert. Er gerät immer tiefer in seinen Prozess, ohne eigentlich zu wissen, weshalb. Damit einher geht ein lähmendes Gefühl der Ohnmacht - K. sieht sich einem allmächtigen und allgegenwärtigen Gericht ausgeliefert. Am Ende hat K. schlichtweg aufgegeben. Er verschmilzt mit seinen Henkern zu einer Einheit, in der er führt, und lässt sich ohne Widerstand schlachten.
Die Frage nach dem Grund für (und dem Wesen von) K.s Prozess bleibt unbeantwortet. K. erkennt lediglich eine universelle menschliche Schuld an, sein persönliches Geständnis bleibt vage (Kap. 10).