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Vorwort des Herausgebers

Zunächst beschreibt der fiktive Herausgeber, wie er Harry Haller zum ersten Mal trifft. Er selbst ist zufällig in seiner Pause zugegen, als der Gast in der Mittagszeit kommt. „Ich habe den sonderbaren und sehr zwiespältigen Eindruck nicht vergessen“ (S. 8), so seine Worte. Dies lag wohl vor allem an Hallers Auftreten. „Er hatte seinen scharfen kurzhaarigen Kopf witternd in die Höhe gereckt, schnupperte mit der nervösen Nase um sich her“ (S. 8), beschreibt der Neffe. „Er war nicht sehr groß, hatte aber den Gang und die Kopfhaltung von großgewachsenen Menschen, er trug einen modernen bequemen Wintermantel und war im übrigen anständig, aber unsorgfältig gekleidet, glatt rasiert.“ (S. 9) Des Weiteren erzählt der Herausgeber von Hallers mühsamem und unentschlossenem Gang, der so gar nicht zu dessen scharfem Profil und dem Temperament in seinen Worten passt. Auf dem Weg in seine Kammer blickt der neue Mieter mit einem eigentümlichen Lächeln um sich. „Dies alles scheint ihm zu gefallen und scheint ihm doch zugleich irgendwie lächerlich“ (S. 9), erklärt der Herausgeber seinen Eindruck. So seltsam dies alles klingt, stellt der Herausgeber aber klar: „Mein Eindruck wäre kein guter gewesen, wenn er nicht durch allerlei kleine Züge durchkreuzt und korrigiert worden wäre.“ (S. 10) Das wache und gedankenvolle Gesicht Hallers und seine beinahe rührende Höflichkeit nehmen den Herausgeber für ihn ein.
Auch die Tante des Herausgebers findet Haller sympathisch, obwohl er seinen Einzug nicht polizeilich melden will - angeblich weil ihm das als kränklicher Mann zu anstrengend sei. Der Neffe erinnert sich an die Worte seiner Tante: „Es riecht hier bei uns nach Sauberkeit und Ordnung und nach einem freundlichen und anständigen Leben, und das hat ihm gefallen. Er sieht aus, wie wenn er daran nicht mehr gewöhnt wäre und es entbehrt hätte.“ (S. 12)
Der Herausgeber gibt zu, dass er schlimme Befürchtungen hatte, was Harry Haller betrifft. Allerdings stellt er schon an dieser Stelle fest, dass alle unbegründet waren: „Der Mieter, obwohl er keineswegs ein ordentliches und vernünftiges Leben führte, hat uns nicht belästigt noch geschädigt, wir denken noch heute gerne an ihn.“ (S. 12) Dennoch beschäftigt die bloße Existenz eines Wesens wie Haller die Seele des Herausgebers sehr. Er fühlt sich bis heute gestört und beunruhigt, obwohl Haller ihm lieb geworden ist.
Der Herausgeber beobachtet Haller und dessen Leben ganz genau, schnüffelt sogar in seinem Zimmer herum. Der Herausgeber erklärt, Haller muss ein ungewöhnlich begabter Mensch mit einem ungemein sensiblen Seelenleben gewesen sein. Er berichtet in chronologischer Reihenfolge von all seinen Begegnungen mit Haller - mal den Besuch eines Vortrages, mal ein zufälliges Treffen auf der Treppe, mal bei einem Symphoniekonzert oder im Wirtshaus. Nach alle dem weiß er, dass der Steppenwolf am betriebsamen, eitlen Getue, der seichten Geistigkeit und der Hoffnungslosigkeit der Zeit verzweifelt. Er erklärt: „Ich spürte, daß der Mann krank sei, auf irgendeine Art geistes- oder gemüts- oder charakterkrank.“ (S. 16) Wie er so das innere Sterben Hallers miterlebt, sieht der Herausgeber den Steppenwolf mehr und mehr als Genie des Leidens: „Ich erkannte, daß nicht Weltverachtung, sondern Selbstverachtung die Basis seines Pessimismus sei“ (S. 17). Er vermutet in seinem Vorwort, dass dies an einem strengen und frommen Elternhaus lag. Anstatt Hallers Willen zu brechen, wurde er gelehrt, sich selbst zu hassen und alle Bosheit gleich einem Märtyrer auf sich loszulassen. Alle anderen dagegen versucht der Steppenwolf zu lieben und ihnen gerecht zu werden.
Nach dieser Art Seelen-Diagnose beschreibt der Herausgeber Hallers Lebensgewohnheiten genauer. So lässt er den Leser wissen, dass Haller keinen Beruf hat, meist erst kurz vor Mittag aufsteht und dann in dem mit Zeichnungen, Aquarellen und Fotos behängten Wohnzimmer in seinen Unmengen von Büchern liest. Nebenbei raucht er Zigarre, trinkt Wein und isst nur sehr unregelmäßig. Außerdem berichtet der Herausgeber von Hallers gesundheitlichen Problemen, nicht nur beim Treppensteigen, sondern auch beim Verdauen und Schlafen. Später dann stellt er mit großer Überraschung fest, dass der Steppenwolf eine Geliebte hat, nach den seltenen Treffen mit ihr aber traurig und elend nach Hause kommt und bis spät in die Nacht in seinem Zimmer umher wandelt.

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