Aufbau
Die Märchennovelle Das Schloss Dürande, bildet ein bedeutendes Werk der Spätromantik und wurde von Joseph von Eichendorff um 1835/36 verfasst und 1837 publiziert. Die Novelle besitzt zwar keine Einteilung in Kapitel, lässt sich jedoch in fünf Sinnesabschnitte einteilen.
Märchennovelle
Es ist nicht klar ersichtlich, welcher Textsorte Das Schloss Dürande zuzuordnen ist, da sich sowohl Merkmale eines Märchens als auch solche einer Novelle in dem Werk finden lassen, die wir im Folgenden betrachten werden.Merkmale des Märchens und der Novelle im Werk
- Eindeutiger als die Einordnung in eine literarische Gattung ist die Epochengebung im Werk. Durch zahlreiche stilistische Mittel wie Synästhesie, Natursymbole als Motive sowie die Doppelgänger- und Verwandlungsthematik verwendet Eichendorff die für die Romantik typischen rhetorischen Merkmale.
- Bereits die einleitenden Worte „In der schönen Provence liegt ein Tal zwischen waldigen Bergen“ (S. 1, Z. 1 f.) besitzen eindeutig Märchencharakter.
- Auch die Berufe der einzelnen Figuren (Jäger & Grafen/Adlige) stellen die typischen Charaktere in einem Märchen dar.
- Auch fantastisch-mystische Elemente wie etwa die Verkleidung Gabrieles oder ihr Gesang im Wald verleihen dem Werk märchenhaften Züge.
- Ebenso die Einbettung zahlreicher Lieder (bspw. S. 8, Z. 12 ff., S. 14 f., Z. 18 ff., S. 28, Z. 1 ff.) verleiht der Erzählung etwas Sagenumwobenes und Wehmütiges.
- Dass Naturphänomene wie Gewitter oder Sturm im Buch eine motivische Funktion übernehmen, deutet auf eine Naturverbundenheit hin, welche wiederum häufig in märchenhaften Erzählungen zu finden ist.
- Typisch für eine Novelle ist der eher knapp ausfallende Umfang der Erzählung, welche sich im vorliegenden E-Book-Format auf gerade einmal 85 Seiten erstreckt und bis auf einzelne Liedpassagen in Prosa gehalten ist.
- Der Novellenbegriff stammt aus der romanischen Sprache und ist vom italienischen Wort novella abzuleiten, was wiederum mit kleine Neuigkeit zu übersetzen ist. Bereits Goethe interpretierte diese Neuigkeit als sogenannte unerhörte Begebenheit. Diese unerhörte Begebenheit findet in Das Schloss Dürande u. a. in der Flucht Gabrieles aus dem Kloster statt.
- Schwer zu übersehen ist, dass der Untertitel vom Schloss Dürande „Novelle“ lautet. Aufgrund dieser eindeutigen Markierung sprechen wir auch vom Kompositum Märchennovelle und nicht vom Novellenmärchen, da das Zweitglied des Wortes dominierend über das Erstglied ist.
- Die nur grob skizzierte Biografie des Protagonisten Hippolyts sowie der übrigen Figuren stellt ein weiteres novellentypisches Merkmal dar. Hinzukommt außerdem, dass die Handlung in einer gerafften Erzählweise wiedergegeben wird, sprich, teilweise größere Zeiträume übersprungen und lediglich kurz nacherzählt werden.
Aufbau eines Dramas
Der Aufbau der Erzählung erinnert in seiner Gliederung in fünf Abschnitte an das klassische Drama mit fünf Akten. Dass es sich bei den Figuren im Werk um eine übersichtliche Anzahl an Charakteren handelt und diese wenigen Rollen alle in einer wechselseitigen Beziehung zueinanderstehen, spricht ebenfalls für den traditionellen Aufbau eines Dramas. Im Nachfolgenden gliedern wir den Aufbau der Märchennovelle in fünf Abschnitte unter Berücksichtigung der jeweiligen Entwicklungsschritte der Handlung.- 1. Abschnitt: Einleitung und geheime Liebschaft.
Einleitend wird die Umgebung, in welcher die Jägertochter Gabriele und ihr Bruder Jäger Renald leben, beschrieben. Das Jägerhäuschen befindet sich unweit vom Schloss Dürande. Auch die Liebesbeziehung zwischen Gabriele und Hippolyt wird erstmals thematisiert. Gleichzeitig erfährt der Leser jedoch bereits zu Beginn, dass es sich um eine geheime Romanze handelt, da diese von dem Paar versteckt wird und Gabrieles Bruder Renald nur durch gezieltes Observieren der Liebenden über die Verbindung erfährt. Es kommt zum ersten Angriff Renalds gegen den unbekannten Geliebten seiner Schwester. - 2. Abschnitt: Spannungsaufbau und Unterdrückung der Liebesbeziehung, Gabrieles Exil & Renalds vergebliche Konfrontationsversuche.
Gabriele begibt sich ihrem Bruder zuliebe in ein Kloster, wo sie ihren Liebsten vergessen soll. Im Kloster wird die junge Frau gut behandelt von der Priorin, doch eines Tages verschwindet sie dennoch und niemand weiß, wohin sie geflohen ist. Etwa zeitgleich entscheidet sich Hippolyt dazu, nach Paris aufzubrechen, da er seine Liebe zu Gabriele gescheitert sieht und sich erhofft, im revolutionären Frankreich einen neuen Lebenssinn zu fassen. Renald indes begibt sich ebenfalls nach Paris, um dort den jungen Grafen Hippolyt mit seinem Verdacht, Gabriele sei zu ihm geflüchtet, zu konfrontieren. Der Graf jedoch streitet jeglichen Kontakt mit Gabriele ab und zeigt sich wenig kooperativ. - 3. und 4. Abschnitt: Wendepunkt und Renalds Aufbegehren, Gabrieles getarnte Rettung des Grafen.
Nachdem Renald auch seitens der zahlreichen Advokaten und Polizisten des Landes keine Unterstützung in der Suche nach seiner Schwester erfährt, wendet er sich an die seiner Meinung nach letzte Instanz, den König selbst. Anstatt der ersehnten Hilfe muss Renald jedoch eine weitere Abfuhr und einen darauffolgenden mehrmonatigen Aufenthalt in einer Anstalt über sich ergehen lassen, da ihn Graf Hippolyt vor dem König für verrückt erklärt hat. Zurück im Jägerhaus, nahe des Schlosses Dürande wird Renald aus seinem Dienst als Jäger entlassen und macht sich deshalb aufs Neue auf ins Ungewisse. Während der Aufenthaltsort ihres Bruders unbekannt ist und Graf Hippolyt inzwischen wieder ins Schloss Dürande zurückgekehrt ist, erscheint Gabriele im Schloss. Verkleidet als der Graf selbst, wollte sie sein Leben retten, indem sie sich den revolutionären Truppen entgegenstellte und sich für den Grafen ausgab. Hippolyt gesteht der jungen, tapferen Frau seine Liebe und bemerkt, dass sie durch einen Schuss tödlich verwundet ist. Wenige Augenblicke später wird der wahre junge Graf ebenso von einer Kugel getroffen. - 5. Abschnitt: Höhepunkt/Katastrophe und Doppelmord an Gabriele und Hippolyt sowie Renalds Suizid.
Der Schütze beider Kugeln, Jäger Renald, muss erfahren, sowohl den Grafen als auch seine Schwester Gabriele mit seinem Gewehr tödlich verletzt zu haben. Durch den Wärter des Schlosses Nicolo, wird Renald auch darüber unterrichtet, dass Gabriele dem Grafen zwar nach Paris gefolgt war, dieser jedoch davon aufgrund ihrer Verkleidung nichts geahnt hatte und somit die ganze Zeit über unwissend gewesen war.
In unsäglicher Frustration über den von ihm verübten Doppelmord an seiner Schwester sowie deren Geliebten steckt der Jäger das Schloss Dürande und sich selbst in Flammen.