Onkel K.
Onkel K.
Onkel K. ist eine Figur, über die wir im Proceß vergleichsweise viel erfahren. Er tritt im Kapitel Der Onkel / Leni auf. Sein genauer Name lässt sich nicht klären. Anfangs wird er als „Onkel Karl“ eingeführt (Kap. 6, Z. 6), später stellt er sich beim Anwalt mit „Albert“ vor (Kap. 6, Z. 268). Der Onkel weist wohl autobiographische Bezüge zu einem tatsächlichen Onkel Kafkas auf.
Als Gutsbesitzer lebt Onkel K. seit 20 Jahren auf dem Land und kommt nur gelegentlich in die Hauptstadt. Bei diesen von K. gefürchteten Besuchen versucht er hektisch, alle Geschäfte an einem Tag zu erledigen und nebenbei noch die sich bietenden Vergnügungen mitzunehmen. Anschließend übernachtet er bei seinem Neffen, der ihn auf „das Gespenst vom Lande“ getauft hat.
Möglicherweise kommt K. wie die restliche Familie vom Land. Jedenfalls ist mit dem mehrfachen expliziten Bezug auf die ländliche Herkunft ein Anknüpfungspunkt zur Türhüterlegende aus dem Kapitel Im Dom gegeben. Auch da ist es ein Mann vom Lande, der Einlass in das Gesetz erbittet. Dessen Geschichte weist gleichnishaft zahlreiche Parallelen zu K.s Situation auf (s. u.).
Onkel K. läuft etwas gebückt - er ist also etwas älter - und trägt einen Panamahut. Gleichzeitig weist diese gebückte Geste auf das Gericht hin (siehe Interpretation). In seinem Verhalten entspricht er ganz dem Klischee des Trampels vom Land. Bereits die Art und Weise, wie er K.s Büro betritt, belegt dies: er „drängte sich zwischen zwei Dienern [...] ins Zimmer.“ (Kap. 6, Z. 5 ff.) Als er K. die Hand reicht, wirft er die Sachen auf dessen Schreibtisch einfach um.
Auch sonst verhält sich Onkel K. eilig, übereifrig, aufdringlich und geradezu rücksichtslos. Er hat von Josef K.s Prozess erfahren und wartet nun nicht, bis er sich mit ihm unter vier Augen unterhalten kann, sondern spricht offen und vor allen davon, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie unangenehm seinem Neffen dies sein könnte. K. ermahnt ihn mehrmals, leiser zu sprechen, doch fruchten seine Versuche, den Onkel zu bremsen, nicht. In seiner aufbrausenden Art wird der immer lauter und schreit teilweise sogar. Auch das verweist auf das Gericht: Dieses verletzt die Privatsphäre und nötigt K. zu für ihn unangenehme Situationen, ganz wie der Onkel.
Der Umstand, wie Onkel K. von Josefs Prozess erfahren hat, sagt viel aus über die Familienbeziehungen. Über einen Brief seiner Tochter Erna, einer 18-jährigen Gymnasiastin, weiß Karl erst um den Prozess. Aber auch Erna hat nicht direkt mit Josef darüber gesprochen. Vielmehr wollte sie ihn in der Bank besuchen, wurde jedoch nach einstündigem Warten nicht zu ihm vorgelassen und musste unverrichteter Dinge wieder abziehen. Über einen Diener hat sie dann von einem schweren Prozess erfahren, der gegen K. geführt werde.
All dies - die Art der Kommunikation, die Tatsache, dass Erna nicht zu ihrem Cousin vorgelassen wird - deutet auf eine Distanz zwischen der Familie und K. hin. Auch muss sich Josef eingestehen, dass er „vollständig Erna vergessen [hatte], sogar ihren Geburtstag hatte er vergessen“ (Kap. 6, Z. 84 f.). Die Distanz ist freilich nicht allein auf Josef K. zurückzuführen. So reagiert der Onkel zwar entsetzt auf die Nachricht vom Prozess, doch sorgt er sich offenbar mehr um den Ruf der Familie als um seinen Neffen - das Individuum zählt für ihn weniger als die große Gemeinschaft. Er denkt in Kategorien wie Ehre und Schande, orientiert sich also mehr an äußerlichen Zuständen als an inneren Werten wie MitGefühl oder Menschlichkeit. Als ehemaliger Vormund K.s hat er gewisse Autorität über diesen.
Immerhin reißt Onkel K. seinen Neffen aus dessen Lethargie und ermahnt ihn zu mehr Ernsthaftigkeit in Bezug auf den Strafprozess: „Und du sitzt ruhig hier und hast einen Strafprozess auf dem Halse?“ (Kap. 6, Z. 96) Mit einem Sprichwort deutet er schon auf K.s Ende hin: „Einen solchen Prozess haben, heißt ihn schon verloren haben.“ (Kap. 6, Z. 179 f.)
Die Hilfe des Onkels ist allerdings bevormundend. Er beschließt kurzerhand, seinen Neffen mit zum Anwalt Huld zu nehmen, seinem Schulkollegen. Zwar fühlt K. sich bedrängt, leistet jedoch Folge. Beim Anwalt wird K. wie ein Kind behandelt; sein Onkel, der Advokat
und der Kanzleidirektor reden über seinen Kopf hinweg. Auffällig ist einerseits der Missmut des Onkels gegen Leni, die Pflegerin des Anwalts, über die er regelrecht in aggressive Wut gerät (Kap. 6, Z. 308 f.), andererseits seine Unsicherheit gegenüber sozial höher gestellten Personen. Er kann zwar „infolge seiner Natur Gefühle der Ergebenheit nicht ausdrücken“ (Kap. 6, Z. 421 f.), lacht aber verlegen und zu laut, als er dem Kanzleidirektor gegenüber vorgestellt wird.