Motive
Kleist arbeitet in seinem Werk Michael Kohlhaas mit einigen wiederkehrenden Motiven bzw. Symbolen, die im Folgenden näher erläutert werden sollen. Vorab aber nochmal kurz eine Erklärung zum Unterschied zwischen den beiden Begriffen.
Motiv vs. Symbol
- Ein Motiv ist eine wiederkehrende Idee im Werk; es kann ein charakteristisches Merkmal, ein Wort oder ein bestimmtes Bild sein; das Motiv dient der Entwicklung des Themas und wird mehrfach vom Autor aufgegriffen
- Ein Symbol ist ein Zeichen, das etwas anderes darstellt ohne damit Ähnlichkeit zu haben; als Symbol dienen Objekte, Sachverhalte oder Figuren; das Symbol hat also vergleichende Funktion und besitzt eine tiefere Bedeutung; außerdem wird ein Symbol nur ein- oder zweimal aufgegriffen
Rappen
- Die Beschreibung der Rappen von Michael Kohlhaas zieht sich wie ein roter Faden durch die Novelle; es handelt sich um ein wiederkehrendes Bild im Werk
- Der Zustand der Rappen ist außerdem ein Sinnbild für den Seelenzustand von Kohlhaas, dessen Rechtsgefühl und Ansehen in der Gesellschaft
- So wie sich das Aussehen und die Gesundheit der Rappen verändert, entwickelt sich parallel auch Michael Kohlhaas:
Zu Beginn besitzt Kohlhaas zwei wohlgenährte, glänzende Rappen, die wie Hirsche seien (Vgl. Abs. 1); zu der Zeit gilt der Pferdehändler als angesehener und moralisch tugendhafter Geschäftsmann
Nach der Feldarbeit auf der Tronkenburg sind die Rappen abgemagert und werden als Bild des Elends beschrieben (Vgl. Abs. 1), was sie zum Streitobjekt macht; Kohlhaas fühlt sich betrogen, in seiner Menschenwürde verletzt und vom Gesetz nicht ausreichend geschützt
Die Rappen sind während des Rechtsstreits zwischenzeitlich nicht auffindbar; dies spiegelt wieder, dass Kohlhaas den eigentlichen Anlass für sein Handeln gar nicht mehr im Sinn hat; ihm geht es nur noch um Rache
Die Rappen landen nach einiger Zeit des Rechtsstreits beim Abdecker und sind in bedauerlichem Zustand („Schindmähren“, Abs. 8, Z. 208); genau in dieser Zeit ist auch Michael Kohlhaas an seinem Tiefpunkt angekommen; er hat durch seine Selbstjustiz die moralische Integrität verloren und die Sympathie des Volkes verspielt
Am Tag seiner Hinrichtung werden Kohlhaas die aufgepäppelten Rappen übergeben, die Tiere sind wieder gesund, stark und „von Wohlsein glänzend“ (Abs. 13, Z. 239 f.); genauso ist auch Michael Kohlhaas moralisch rehabilitiert, indem er im Rechtsstreit gegen den Junker Wenzel von Tronka gewonnen hat; die Todesstrafe aufgrund seines gewaltvollen Rachefeldzuges nimmt der Pferdehändler voller Größe an - Fazit: Die Pferde sind einerseits als Leitmotiv des Werkes zu betrachten, da sie die Entwicklung der Handlung maßgeblich beschreiben. Zugleich symbolisieren sie auf der tieferen Ebene in vergleichender Funktion den seelischen und moralischen Wandel von Michael Kohlhaas, weshalb man von einem Leit-Dingsymbol sprechen kann
Zufälle
- Charakteristisch für die Handlung ist, dass sie immer wieder von Zufällen beeinflusst wird
- Der Zufall ist also als Motiv zu betrachten
- Beispiele für die wiederkehrende Idee des Zufalls:
Kohlhaas trifft zufällig auf den Schlagbaum an der Tronkenburg; dieser war zuvor nie da und Kohlhaas konnte nicht damit rechnen („den er sonst auf diesem Weg nicht gefunden hatte“, Abs. 1, Z. 20 f.)
Die Reise, bei der Kohlhaas' Frau Lisbeth ums Leben kommt, wird ein als „allerunglücklichste“ (Abs. 4, Z. 3) beschrieben
Der Zufall will es so, dass der Bote von Nagelschmidt erkrankt und ihm der Brief an Kohlhaas abgenommen wird, woraufhin die Amnestie gebrochen wird (Abs. 9)
„Es traf sich“, dass Polen mit Sachsen im Streit liegt, was für Kohlhaas ein Vorteil bringt (Abs. 9)
Dass Kohlhaas zugegen ist und von der Zigeunerin die Kapsel mit ihrer Wahrsagung bekommt war eine Fügung des Schicksals bzw. laut Kurfürsten ein „unangenehmer Zufall“ (S. 93)
Genauso wollte es der Zufall, dass Kohlhaas‘ Kind erkrankt und er deshalb auf den Kurfürsten bei seinem Ausflug in Dahme trifft (Vgl. Abs. 11)
Aus purem Zufall sucht Junker von Stein als Doppelgängerin der Zigeunerin die echte Zigeunerin aus, um Kohlhaas auszutricksen (Abs. 13) - Eine besondere Stellung in Bezug auf Zufälle nimmt im Werk das Wetter ein. Wetterlagen sind nicht zu beeinflussen, werden im Werk aber mit einer tieferen Bedeutung versehen: Schlechtes Wetter wird zum Symbol für Unheil und Schutz
- Beispiele für die Wettersymbolik:
Kurz bevor Kohlhaas auf den Schlagbaum an der Tronkenburg trifft, stürmt der Regen heftig (Vgl. Abs. 1)
Ein tobendes Unwetter hindert Kohlhaas daran, den Befehl zum Anzünden des Klosters Erlabrunn zu geben, außerdem löscht ein „furchtbarer Regenguss“ (Abs. 4, Z. 214) die brennenden Fackeln
Kohlhaas‘ Knecht kann seinen Auftrag nicht ausführen, weil „die Gewässer der Mulde vom Regen geschwellt“ ihn verhindern (Abs. 4, Z. 211 f.); dadurch kann der Junker Wenzel von Tronka fliehen und das Unheil nimmt seinen Lauf
Anhaltender Regen schützt Leipzig vor mehr Verwüstungen nach Kohlhaas‘ Brandanschlag (Abs. 6)
Zigeunerin & ihr Amulett
- Eine wichtige Rolle im Werk Michael Kohlhaas spielt die Zigeunerin und das Amulett mit ihrer Weissagung
- Das Amulett ist ein Symbol, denn es stellt auf der tieferen Bedeutungsebene Kohlhaas‘ Macht und Selbstlegitimation sowie die schwindende Macht und Würde des Kurfürsten von Sachsen dar
- Das Symbol ist verbunden mit dem Zufall: Die Zigeunerin trifft zufällig auf Kohlhaas und verknüpft sein Leben und Schicksal durch das Amulett mit dem des Kurfürsten
- Der Zettel mit der Prophezeiung zur Zukunft des sächsischen Adelsgeschlechts sorgt für einen Wendepunkt in der Geschichte: Durch den Besitz gewinnt Kohlhaas Macht in seinem Rachefeldzug und die freie Entscheidung, ob er den Zettel nutzen will oder nicht. Der Kurfürst wiederum gibt seine Würde auf, da er verzweifelt versucht, an das Papier im Amulett heranzukommen. Indem Kohlhaas den Zettel vor seiner Hinrichtung isst, entmachtet er den Kurfürsten
- Die Zigeunerin kann als Deus ex machina gesehen werden: Wie der Gott, der im Theater durch sein plötzliches Erscheinen den Konflikt auflöst, erscheint auch die Zigeunerin mit ihrem Zettel auf göttliche Art und Weise
- Zu dieser Verknüpfung mit dem Überirdischen passt auch die Parallele der Zigeunerin mit Kohlhaas‘ verstorbener Frau: ihr Aussehen erinnert den Pferdehändler an seine Lisbeth; später unterschreibt sie den Brief als Elisabeth
Mimik & Gestik
- Kleist nutzt die Körpersprache als Zeichen für die inneren Gedanken und Gefühle der Figuren
- Außerdem teilt Mimik und Gestik die Gesellschaft im Werk in zwei Gruppen ein: einerseits den schwachen, kränklichen Adel; andererseits den tatkräftigen, gesunden Kohlhaas
- Beispiele für Symbole, die auf die Schwäche des Adels hinweisen:
Der Vorgänger von Junker Wenzel von Tronka starb an einem Schlaganfall (Vgl. Abs. 1)
Junker Wenzel von Tronka bekommt eine „gefährlichen Rose“ (Hauterkrankung) (Abs. 8, Z. 3) und spricht mit „schwacher, zitternder Stimme“ (Abs. 8, Z. 15 f.)
Der Kurfürst von Sachsen fällt ohnmächtig auf den Boden (Vgl. Abs. 11), hat ein „unruhig klopfendes Herz“ (Abs. 11, Z. 143) und liegt später „drei verhängnisvolle Tage“ im Krankenbett (Abs. 12, Z. 3 f.) - Kohlhaas dagegen fängt sich nach seinem Schmerz schnell wieder und reagiert mit Taten oder Racheplänen; so etwa nach dem Tod seiner Frau („warf sich noch einmal vor ihrem, nun verödeten Bette nieder, und übernahm sodann das Geschäft der Rache“, Abs. 4, Z. 58 ff.)
- Speziell Kohlhaas innerer moralischer Wandel wird durch Mimik und Gestik dargestellt:
Zu Beginn hoch moralisch und liebevoll: Er verkneift sich Schimpfworte gegenüber dem Schlossvogt (Vgl. Abs. 1) und weint bittere Tränen, als er den Brief erhält, dass sein Rechtsgesuch abgelehnt wurde (Vgl. Abs. 3); mit seiner Frau tauscht er innige Küsse und „zog sie auf seinen Schoß“ vor Rührung (Abs. 3, Z. 222)
Später scheut Kohlhaas keine Gewalt mehr und will Rache: Schon auf der Tronkenburg schleudert er Junker Hans von Tronka durch den Saal (Vgl. Abs. 4); im Kloster Erlabrunn „wandte Kohlhaas, in die Hölle unbefriedigter Rache zurückgeschleudert, das Pferd, und war im Begriff: steckt an! zu rufen“ (Abs. 4, Z. 203 f.)
Als Luther sein Handeln kritisiert und Kohlhaas über seine Moral nachdenkt, läuft ihm eine Träne über das Gesicht (Vgl. Abs. 6) und er geht vor Luther in die Knie und spricht „errötend“ (Abs. 6, Z. 198) und „betreten“ (Abs. 6, Z. 206) mit seinem Vorbild (Vgl. Abs. 6)
Bei seiner Hinrichtung kann Kohlhaas wieder Genugtuung und Freude empfinden; er liest den Rechtsbeschluss mit „großen, funkelnden Augen“ (Abs. 13, Z. 257) und kniet „mit kreuzweise auf die Brust gefalteten Händen (Abs. 13, Z. 261 f.) vor dem Kurfürsten nieder“, weil sein größter Wunsch sich erfüllt hat (Abs. 4, Z. 264)
Ans-Fenster-treten
- Ein immer wiederkehrendes Merkmal im Werk ist das Ans-Fenster-treten der Figuren in wichtigen Szenen
- Die spezielle Geste weist auf eine Entwicklung in der Handlung hin
- Beispiele:
Bei seinem Gespräch mit Luther kommt Kohlhaas ins Grübeln; seine Resignation daraufhin wird deutlich, indem er beim Sprechen ans Fenster tritt (Vgl. Abs. 6)
Der Kurfürst tritt bei einer Sitzung mit seinen Amtsmännern errötend ans Fenster, als er erkennt, dass der Junker bestraft werden muss (Vgl. Abs. 6)
Der Prinz von Meißen nimmt Kohlhaas in Dresden in Empfang und stellt ihm eine Wache zur Seite; durch sein gleichzeitiges Ans-Fenster-treten zeigt der Prinz, dass er Kohlhaas beschützen will (Vgl. Abs. 6)