Balthasar
Balthasar, so wird es bei seiner ersten Vorstellung durch den Erzähler sofort klar, ist der Held des Märchens. Er ist gewissermaßen das Ideal der Romantik: Ein junger, hübscher Student (damit kein Teil des Establishments), fromm, ernst und geistreich. Seine „dunkel leuchtenden Augen“ (S. 24) stehen als typisch romantisches Symbol für ein tiefsinniges Gemüt. Eine „schwärmerische Trauer“ (ebd.) zeigt Balthasar bisweilen, die Sehnsucht, ein bestimmendes Prinzip der Romantik, verspürt auch er. Sein Wesen scheint unverfälscht, zwar nicht offen im Sinne von sehr gesellig, aber doch ehrlich. Der Erzähler betont, dass er in seiner altdeutschen Studententracht (denn Studenten waren damals für ihren Nationalismus bekannt) tatsächlich wirkt, als gehöre er einer „schönen frommen Vorzeit“ an (ebd.) - er ist also natürlich.
Das Natürliche offenbart sich auch darin, dass Balthasar sehr naturverbunden ist. Gemäß dem Naturbild romantischer Dichter empfindet er in ihr das „selige Geheimnis der Waldeinsamkeit“ (S. 26), das ihn aber nicht von der Natur entfremdet - stattdessen ist sie für ihn heilig, er meint, in ihr das „göttlich[e] Wese[n]“ zu ahnen (S. 27). Balthasar mag es, sich einsam in die Natur zurückzuziehen, die er „liebend umfangen“ möchte (S. 26), er spürt in ihr Harmonie und Ruhe. Sie scheint ihn auch zu inspirieren, da er typisch romantische Gedichte schreibt, in denen Symbole aus der Natur eine zentrale Rolle spielen (vgl. Drittes Kapitel). Und selbstverständlich ist er auch musisch begabt, spielt Klavier und Geige, da manche Romantiker das Gedicht als sprachlichen Ausdruck von Musik sahen.
Balthasar ist bestimmt von der aufrichtigen und innigen Liebe zur Professorentochter Candida, die ihn gleichermaßen liebt. Seine Liebe ist gar so innig, dass er keine Wut auf Candida empfindet, als sie Zaches‘ Zauber zum Opfer fällt und für ihn entbrannt zu sein scheint. Stattdessen richtet sich seine Wut gegen den Betrüger Zaches; Balthasar vermutet sogleich, dass Candida unschuldig und von einem Zauber getäuscht ist. Seine Liebe zu ihr lässt ihn klar sehen, sodass Rosabelverdes Zauber bei ihm nicht wirkt. Hier zeigt Balthasar neben einem eindeutig romantischen noch einen sehr selbstbewussten und starken Charakterzug: Er sagt Zaches den Kampf an, entschlossen, den Trug zu beenden. Er kämpft somit für das Gute und die Wahrheit, obwohl die ganze Gesellschaft getäuscht ist. Balthasar, der zuvor lediglich „neben“ der Gesellschaft lebte, da er ihre Werte nicht teilt und die fürstlich verordnete Aufklärung als wundergläubiger Mensch ablehnt (nach ihm entweihen Terpins rationalistische Erklärungsversuche die Natur), wird nun von der Gesellschaft ausgeschlossen: Zaches bewirkt einen Haftbefehl gegen Balthasar. Der gibt jedoch nicht auf und kämpft für seine Liebe, bis er den Zauber wirklich brechen kann und Candida zurückgewinnt. Ein vollkommener Idealist ist Balthasar jedoch nicht, denn er gibt sich mit einer glücklichen Ehe zu Candida zufrieden - er versucht nicht, die Gesellschaft von seiner eigenen Weltauffassung zu überzeugen.
Alles in allem ist Balthasar also eine rundum gute Figur. Das ändert jedoch nichts daran, dass man als Leser auch über ihn lachen kann, denn Hoffmann stellt ihn zwar als ein romantisches Ideal dar, überzeichnet ihn aber absichtlich. So hält sein lebenslustiger, typisch studentischer Freund Fabian ihm vor, sich aufgrund seiner Liebe zu Candida sehr närrisch zu benehmen - was Balthasar dann schließlich zugeben muss. Dass Balthasar zuerst von einem „dunkle[n] Verhängnis“ spricht (S. 28), das ihn in Terpins Vorlesungen treibt,was sich dann später als Liebe zu Candida offenbart, ist eine klare Parodie des dramatischen Verhaltens romantischer Typen. Auch vor dem Helden Balthasar macht Hoffmanns romantische Ironie (siehe Interpretation) nicht Halt.