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Klein Zaches - eine Satire?

Der Humor

E. T. A. Hoffmann sah sich in erster Linie als humoristischen Autor - auch wenn er heute besonders für seine schaurigen Nachtstücke bekannt ist (die dennoch stellenweise Humor enthalten!). Mit Klein Zaches, genannt Zinnober haben wir ein ganz und gar humoristisches Werk, das uns zeigt, wie unterschiedlich Humor ausfallen kann. Hoffmann greift etwa auf eine Vielzahl von Wortwitzen zurück, die von reinen Namen (so der ehrwürdige Name „Zinnober“ für den scheußlichen Zaches) bis hin zu Wortspielen an der Grenze zum Ekel reichen (Zaches, der im Humor ertrinkt). Durch das erwähnte Wortspiel wird sogar de Tod lächerlich und verliert seinen Schrecken; Hoffmann ist es daran gelegen, dass man die Geschichte so wenig tragisch wie möglich auffasst und nichts wirklich ernst nimmt.
Ein typisches komisches Element ist der offengelegte Unterschied zwischen Schein und Sein bzw. die Darstellung menschlicher Schwächen. Diese finden sich über das ganze Märchen hinweg. So wird der angeblich so weitgereiste und gebildete Gelehrte Ptolomäus Philadelphus dadurch lächerlich gemacht, dass er nicht einmal Studenten erkennt (Unterschied zwischen Bildung und Erfahrung); der beliebte Professor Mosch Terpin, größter Naturwissenschaftler seiner Zeit, gründet seinen Ruhm durch Feststellungen wie solche, dass „die Finsternis hauptsächlich von Mangel an Licht herrühre“ (S. 24) und interessiert sich in Wahrheit vor allem für seinen Stand in der Gesellschaft und die fürstlichen Weinvorräte; der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, ein wichtiger Mann im Staat, behauptet, seine Reden selbst zu schreiben, obwohl das einer seiner Angestellten tut - noch sehr viel mehr ließe sich hier anführen. Hoffmann zeigt Figuren, die sich selbst unglaublich wichtig nehmen, aber dem Anschein, den sie erwecken wollen, nicht entsprechen. Die Figuren sind sozusagen das Gegenteil dessen, was sie sein wollen: Mosch Terpin ein bloßer Blender statt eines großen Wissenschaftlers, Ptolomäus Philadelphus ein Weltfremder statt eines Gelehrten etc.
Ein weiteres humoristisches Element sind die zahlreichen absurden und grotesken Situationen (grotesk = stark übertrieben, absichtlich lächerlich und allen Gesetzen der Schönheit widersprechend). Zu den absurden Situationen gehört die erste Begegnung Balthasars mit Prosper Alpanus, dessen Wagen so viele Versatzstücke aus Märchen beinhaltet, dass man seine ganze Erscheinung nicht mehr ernst nehmen kann. Grotesk sind fast alle Szenen mit Zaches - ständig fällt der ehrwürdige Zinnober um und muss von anderen aufgerichtet werden, ja der ganze Körperbau Zaches‘ ist in einem absolut unglaubwürdigen Maße verunstaltet, Zaches ist eine einzige wandernde Groteske.
Darüber hinaus begegnen uns in Klein Zaches zahlreiche Typen, also Figuren, die in ihrer Art typisch für ein bestimmtes Klischee sind. Balthasar verkörpert den Typus des schwärmerischen Romantikers, Fabian den des deutschen Studenten, Barsanuph den des dekadenten Fürsten um 1800. Dadurch, dass all diese Typen aufeinandertreffen, tritt ihre charakterliche Überzeichnung noch deutlicher hervor, wodurch die Figuren an sich bereits komisch wirken - noch heute lachen wir gerne über Klischees. Eigenschaften wie Träumerei, Stolz und Pragmatismus werden derart überhöht, dass sie lächerlich werden.
Zudem wird das Märchen insgesamt vom Prinzip der romantischen Ironie bestimmt. Die von Friedrich Schlegel entwickelte romantische Ironie bezeichnet ein Verfahren, in dem der Dichter sein eigenes Werk ironisiert - das heißt, er bricht es inhaltlich (durch entgegenlaufende Meinungen) und formal (durch einen Wechsel des Stils). Ziel ist es auf der einen Seite, die künstlerische Freiheit des Dichters auszudrücken und andererseits das Kunstwerk absolut zu machen. Da es ironisiert wird, bezieht es sich auf sich selbst, das heißt, die Kunst redet von der Kunst, steht damit für sich allein.
Die romantische Ironie durchzieht Klein Zaches geradezu, obwohl man nicht weiß, ob Hoffmann Schlegels Ironiebegriff überhaupt kannte. Sie zeigt sich inhaltlich etwa bei Rosabelverde, die mit einem gut gemeinten Zauber Böses anrichtet (eigentlich undenkbar in der Romantik, in der das Gute stets das Gute bewirken sollte) oder etwa in Balthasar. Einerseits verkörpert er den träumerischen Romantiker, andererseits macht Hoffmann sein verliebtes Verhalten lächerlich. Übrigens sagt Prosper Alpanus, mit Balthasars Dichtkunst sei es „nicht weit her“ (S. 87), Balthasar ist also kein dichterisches Genie und wird am Ende trotzdem erfolgreicher Dichter. Der Student, der das Nützlichkeitsdenken der Gesellschaft anprangert, schreibt bewusst romantische Gedichte, um Candida zu bezirzen. Hoffmann bricht hier das Idealbild des romantischen Dichters und stellt es als Wunschbild bloß. Auch, dass Prosper Alpanus als Magier eine Universität besuchte und sich in Vorlesungen langweilte, ist als ästhetischer Bruch zu werten. Auf formaler Ebene stellt besonders die Erklärung des Erzählers am Schluss einen Bruch dar, gibt er doch zu, dass vieles aus seiner erzählten Geschichte lediglich seiner Fantasie entsprang. Der Erzähler redet über sein eigenes Werk, die Kunst also über sich selbst und diskutiert dabei, ob sie gelungen sei oder nicht.
Auf humoristischer Seite erzielt Hoffmann zudem, dass das Märchen nicht ernst genommen werden kann, schränkt es sich ja selbst ein. Daher ist Klein Zaches ein zwangloses Werk, in dem Illusionen aufgebaut und wieder gebrochen werden.

Zeitkritik

Obwohl Märchen sich eigentlich stets auf eine fiktive Welt beziehen, die wir vordergründig auch in Klein Zaches vorfinden (das beschriebene Fürstentum existiert nicht), gibt es hier einige Elemente, die sich offensichtlich auf die Zeit beziehen, in der Hoffmann lebte. Während in Volksmärchen zumeist mittelalterliche Zustände herrschen, gibt es in Hoffmanns Werk einen für damals typischen Fürstenstaat mit all seinen Ministern, Geheimen Räten und sonstigen Beamten. Dass die höfische Welt so detailliert ausgestaltet ist, weist darauf hin, dass nicht nur die Geschichte an sich wichtig ist, sondern auch die Welt, in der sie sich abspielt. Worauf Hoffmann hier abzielt, ist eine Gegenüberstellung von romantischem Künstler und aufklärerischer Gesellschaft, die sich mehrheitlich aus Philistern zusammensetzt.
Die aufklärerische Gesellschaft ist Ziel von Kritik; Hoffmann stellt ihrem Anspruch ihre Realität gegenüber. Die Ideale der Aufklärung waren Vernunft, Bildung und mündiges Handeln. Durch Vernunft, so dachte man, würde eine neue Zeit anbrechen, viele Probleme der Gesellschaft gelöst werden. Die Aufklärung hatte den Anspruch, den Menschen aus seiner Unmündigkeit hinauszuführen in eine Epoche der Verantwortung; ganz selbstverständlich war es für die Aufklärer, dass rationales Denken zum Erkennen der Wahrheit führt und das Fundament des Zusammenlebens bilden sollte. Diesen Anspruch macht Hoffmann am Ende des ersten Kapitels zunichte: Der erste Minister Andres behauptet, das Reich befinde sich in „nächtigem Chaos“ (S. 15), das Volk leide an der Situation, weshalb man die Aufklärung einführen müsse. Dabei hat uns der Erzähler noch kurz zuvor versichert, dass das Volk, erfreut durch die Wunder der Bewohner Dschinnistans, mit sich und dem Reich zufrieden ist. Die Aufklärung erfindet Probleme, die es gar nicht gibt und schafft sie sogar, indem sie die Poesie verbietet (an sich schon absurd, denn man kann keine geistige Strömung einführen und eine verbieten) und Feen und Zauberer ausweist - das, was das Volk in Wahrheit zufriedenhält, wird verbannt unter der Behauptung, das Volk sei unzufrieden. Hoffmann karikiert hier die aufklärerische Politik mancher Fürsten, die der Meinung waren, damit ihr Volk zu „retten“.
Was Aufklärung stattdessen wirklich bedeute, zeigt Hoffmann im humoristischen Gewand: Das angebliche Chaos wird zum Anlass genommen, die staatliche Macht weiter auszubauen (es geht also in Wahrheit nicht um Ideale, sondern um eigene Interessen), der fürstliche Hof wird zum Ort der Korruption und Vetternwirtschaft. Nützlichkeit ist das oberste Prinzip, daher wird die Poesie auch verboten, denn sie ist dem Herrschaftsinteresse des Paphnutius nicht dienlich. Ein totalitärer Staat entsteht, der sich auf die Polizeimacht stützt und gegen das vorgeht, was die romantische Kunst bedingt, denn Poesie sah man in der Romantik als das eigentliche Wesen der Kunst an. Der Staat bekämpft Gedanken und muss daran natürlich scheitern - genauso, wie der Kampf Preußens gegen den Nationalismus und den Liberalismus letztlich auch scheiterte.
Im entstandenen Hofstaat versucht jeder aufzusteigen und handelt dabei ganz für sich selbst. So wundert sich Professor Terpin zwar über die Liebe seiner Tochter zum unschönen Zaches, freut sich aber auf deren Heirat, weil er dadurch die Gunst des Fürsten Barsanuph gewinnt. Die Aufklärung, die von sich behauptet, die Täuschung aufzuheben und zur Wahrheit zu führen, unterliegt einer Selbsttäuschung. Terpin, der beliebteste Wissenschaftler seiner Zeit (natürlich ein Naturwissenschaftler, da die Naturwissenschaften in der Aufklärung aufblühten), ist eigentlich ein wissenschaftlicher Versager, der die Natur nicht versteht. Dass sein liebstes Forschungsobjekt der fürstliche Weinkeller ist, verdeutlicht, wie weit her es mit seiner wissenschaftlichen Neugier wirklich ist.
Die Vertreter dieser aufgeklärten Gesellschaftselite sind selbstherrlich und stellen materielle Interessen über die geistigen Ideale, die die Aufklärung für sich beansprucht. Der Hof besteht aus Blendern, die ihren Rang an Namen, Geburt und Geld ausmachen. Hoffmann zeigt das verkommene öffentliche Wesen zu seiner Zeit, das vielerorts maßgeblich von der Willkür des Regenten abhing und Korruption begünstigte. Ziel dieser in erster Linie rein gesellschaftlichen Kritik sind zudem die Philister, also Spießbürger, die kein Verständnis von Kunst haben. Diese zeigen sich zum Beispiel am Teezirkel:
„Da die Frauen schon hinlänglich über alles verhandelt, was sich Neues in der Stadt zugetragen, die Mädchen den letzten Ball [...] gehörig durchgesprochen und sogar über die Normalform der neuesten Hüte einig worden [...]: so wurde Balthasar einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen Genuss [seines Gedichts] nicht vorzuenthalten.“ (S. 42)
Für welche Belanglosigkeiten sich die Anwesenden zuerst interessieren (Balthasar darf vortragen, weil solch „wichtige“ Themen bereits verhandelt wurden), zeigt, wie gering die Philistergesellschaft geistige Werte und Kunst schätzt. Allerdings wird auch Balthasar Ziel dieser Kritik, schließlich ist die Qualität seiner Gedichte fragwürdig (s. o.) und das häusliche Glück am Ende des Märchens gutbürgerlich. Damit wird hinterfragt, wie idealistisch romantische Dichter wirklich sind - ironischerweise steckt auch in Balthasar ein kleiner Philister.
Die nationalen Studentenbewegungen zu Hoffmanns Zeiten werden auch Gegenstand der Satire. Im zweiten Kapitel trifft der Gelehrte Phliadelphus auf eine Schar von Studenten, die ihn als Philister beschimpfen und ihm den Rauch ihrer Pfeifen ins Gesicht blasen - eine vollkommen harmlose Hänselei; das eigenartige Verhalten der Studenten könnte tatsächlich vermuten lassen, dass diese einem eigenen Volk entstammen. Zudem ist Fabian eine Art typischer Student: Lebensfroh, extrovertiert, ein Fechter und absolut unempfänglich für Poesie, da er die Aktion schätzt und nicht das träumerische Schwärmen Balthasars. Er könnte geradezu dem Umfeld des Turnvater Jahns entsprungen sein, der einen Turnverein für nationalistische Studenten gründete. Hoffmann zeigt die nationalistische Studentenbewegung (die durchaus gewaltbereit war) hier als an sich harmloses Völkchen mit eigenwilligen Verhaltensweisen, wie es einer unbefangenen Komödie entspricht. Als Beamter am Kammergericht und späteres Mitglied der Immediatskommission, die nationalistische Tendenzen unterdrücken sollte, war die nationalistische Bewegung Teil seines Arbeitsalltags. Anders als seine Kollegen sah er diese Bewegung aber nicht als Bedrohung, eher als harmlose Wirrköpfe, die man nicht für ihre bloße Meinung verfolgen sollte. In seinem Märchen Klein Zaches wird sie wie alles andere auch lächerlich gemacht, doch im Zentrum der Satire steht der Hof und die gehobene Gesellschaft.
Die Zeitkritik hat aber auch durchaus philosophische Züge: Im offiziell aufklärerischen Staat wird das Wunderbare verboten und ignoriert, aber es existiert. Rosabelverde und Prosper Alpanus sind sogar angesehene Mitglieder der Gesellschaft, wenn sie auch zurückgezogen leben. Die Aufklärung verneint die Möglichkeit des Wunderbaren, doch durch dessen zahlreiche Auswirkungen auf den Alltag wird offenbar, dass die Aufklärung nicht das leistet, was sie will: nämlich eine ganzheitliche, „wahre“ Weltauffassung bieten. Sie reicht nicht aus, um die Wirklichkeit zu erklären, Mosch Terpin verzweifelt am Ende des Märchens darüber, dass das Wunderbare doch existiert, obwohl es das nicht dürfte. Die Aufklärung öffnet hier nicht die Augen, sondern hält sie geschlossen, indem nämlich nichts gilt, was der Vernunft und der Naturwissenschaft unerklärlich bleibt. Die Romantik jedoch, die mit der Poesie das Wunderbare für wahr und bestimmend ansieht, kann einen ganzheitlichen Blick auf die Welt aufweisen.
So ist es ironisch und ein deutlich satirischer Zug, dass die aufgeklärte Gesellschaft einem Zauber unterliegt, der sie täuscht - sie ist blind für das Wunderbare vor ihren Augen, sie sieht Zaches‘ wahres Wesen nicht, ist Opfer einer Illusion. Balthasar sieht durch seine Liebe zu Candida, durch seine Gefühl also, Zaches‘ wahre Natur, er wird trotz seiner übertrieben schwärmerischen Art nicht getäuscht. Der Romantiker sieht das Wesentliche, die Aufklärung reicht nicht aus, um die Welt zu erklären und „richtig“ zu deuten.

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