Sozialkritik in Kabale und Liebe
Schillers bürgerliches Trauerspiel hatte Skandalcharakter, auch wenn das aus heutiger Sicht nicht auf den ersten Blick einleuchten mag. 1780 gab es so etwas wie eine unbeschränkte Meinungsfreiheit und eine Freiheit der Kunst nicht. Zensur wurde damals zwar von einigen Bildungsbürgern und Professoren kritisiert, wurde aber überall in Deutschland angewandt, ohne dass die Bevölkerung groß dagegen protestiert hätte - vielerorts zeigte das Volk sogar Schriften bei den Behörden an, falls diese seinem insgesamt sehr konservativen und altertümlichen Denken nicht entsprachen. Der Adel als politische Führungsschicht war unantastbar für Kritik - selbst erfundene Adelige in fiktionalen Werken durften nicht als böse dargestellt werden, falls sie dem deutschen Adel zu sehr ähnelten. Was Schiller in Kabale und Liebe macht, ist sehr gewagt: Er kritisiert nicht nur den Präsidenten eines Herzogtums, sondern den Herzog selbst, den er als einen verschwenderischen und von seinen Beratern kontrollierten Mann darstellt. Der Adel an sich wird bei Schiller angegriffen, Herrschaftsverhältnisse hinterfragt. Was heute gängige Praxis ist, nämlich die Regierung zu kritisieren, war damals unvorstellbar und konnte hart bestraft werden. Schon das Drama Die Räuber handelte Schiller ein Schreibverbot in Württemberg ein, obwohl es den Staat nicht so offen angriff wie Kabale und Liebe. Mannheim jedoch bot Schiller genügend Freiheit, ein solches Stück schreiben zu dürfen. Es ist nicht verwunderlich, dass Schiller, selbst Opfer der höfischen Politik, seine Freiheit in Mannheim nutzte, um mit dem württembergischen Herzogtum abzurechnen. Zwar sind sämtliche Personen im Drama erfunden und der Staat wird nicht genannt, doch erinnert vieles an die tatsächlichen Württemberger Verhältnisse.
Der Hof in Kabale und Liebe erinnert an die Herrschaft des Herzogs von Württemberg, Carl Eugen, der für einen achtlosen Umgang mit Geld bekannt war: Am Hofmarschall wird das Bild eines verschwenderischen Hofstaats deutlich, der in einer Kunstwelt aus Mode, Festlichkeiten, Konzerten und Zeremonien lebt, völlig abgeschottet von der Welt des Volks, das den Hof schließlich finanziert. In Württemberg war, wie in vielen anderen absolutistischen Staaten auch, der Hof streng von den Untertanen abgegrenzt. Man lebte in Palästen, war dort unter sich, hatte eigene kulturelle Veranstaltungen, zu denen das Volk nicht zugelassen war. Der Hofstaat hatte für heute unvorstellbare Ausmaße: Er bestand aus ungefähr 2000 Personen, während im Herzogtum gerade einmal 600000 Menschen lebten, von denen nur die allerwenigsten Zugang zur Pracht des Hofes hatten. Natürlich war der Hofstaat sehr teuer, denn all die Feuerwerke, Theateraufführungen, Opern und Jagden mussten finanziert werden - daher litt Württemberg unter einer hohen Steuer, die Bevölkerung wurde rücksichtslos ausgepresst, wie in Kabale und Liebe. Auch verkaufte Carl Eugen Soldaten ins Ausland, um die Festlichkeiten zu bezahlen. Seine Untertanen mussten die Heimat verlassen und ihr Leben geben, damit der Adel ja nicht die neueste Oper verpasste - der Absolutismus ermöglichte solch große Ungerechtigkeiten. Da der Hof auch abgeschottet vom Volk lebte, kümmerte ihn dessen Leid auch gar nicht, man bekam es ja nicht mit. Auch in Kabale und Liebe werden Soldaten verkauft, hier, um den Schmuck der Lady Milford zu bezahlen. Soldatenhandel war aber nicht nur in Württemberg ein beliebtes Mittel, den höfischen Haushalt aufzustocken, sondern wurde vor allem in Hessen genutzt, als der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg tobte.
Auch das Mätressenwesen wird in Kabale und Liebe kritisiert, obwohl Lady Milford kein schlechter Charakter ist. Es war ein weitverbreitetes Problem, dass die Mätressen im Geheimen den Staat lenkten, während der jeweilige Herrscher ihre Marionette war. Sekretär Wurm spricht hämisch darüber, dass man den Herzog mit Sex bestechen kann. Natürlich durfte dieses weitbekannte Problem damals nicht offen ausgesprochen werden, denn der Herrscher war laut absolutistischer Ideologie ja eine ehrwürdige Person. Schein und Sein lagen hier weit auseinander. Tatsächlich boten die sexuellen Gelüste eines absoluten Herrschers die Gelegenheit für seine oft zahlreichen Mätressen, abseits jeglicher gesetzlicher Kontrolle Einfluss auf die Politik zu nehmen. Der Absolutismus war also ein korruptes System, das nicht auf der Vernunft aufbaute, sondern auf Gelüsten und Intrigen. Auch der Württemberger Herzog hielt sich Mätressen und hatte seine Favoritinnen. Mätressen waren damals keine geheimen Geliebten, sondern wurden auch öffentlich vom Herrscher zur Schau gestellt, Treue zur Ehefrau wurde von Adeligen nicht erwartet, mehrere Geliebte zu haben war hingegen für Adelige normal. Auch für den Präsidenten von Walter gibt es ein reales Vorbild: Graf Friedrich Samuel von Montmartin war Premierminister im Herzogtum Württemberg und für sein autoritäres Regiment bekannt - wer sich ihm widersetzte, wurde kurzerhand eingesperrt. Dabei war der Minister durch eine Intrige an die Macht gekommen, er hatte nämlich seinen Konkurrenten mit gefälschten Briefen hinter Gitter gebracht.
Auch der Absolutismus insgesamt wird von Schiller angeprangert. Im Drama sehen wir nicht den idealen absolutistischen Staat laut Theorie (mit einem weisen Herrscher, der die Geschicke des Staats gekonnt lenkt und das Beste für alle erreicht), sondern ein verbrecherisches, anfälliges System mit einem ungerechten und verdorbenen Herzog an der Spitze. Die Willkür bestimmt die Politik: Der Präsident darf die Millers willkürlich verhaften lassen, diese haben keine Chance, sich gegen von Walter durchzusetzen: Rechtsgleichheit gab es damals nicht. Der Herzog kann Soldaten ohne ihre Zustimmung nach Amerika verkaufen, im Bett lässt er sich von Lady Milford jedoch zu Zugeständnissen bewegen. Der Herzog betreibt keine Politik im Sinne des Allgemeinwohls, seine Herrschaft ist ein Selbstzweck. Berater haben inoffiziell eine große Macht, aber nicht die Kompetenz entscheidet über die Stellenbesetzung, sondern die niederträchtigste Intrige und Vetternpolitik: Ferdinands Anspruch auf die Position des Präsidenten soll nicht durch seine Fähigkeiten gesichert werden, sondern durch die Ehe mit der Favoritin des Herzogs. Es gibt Kämpfe um die Macht, die bis zum Mord führen, alles nur für den größten Einfluss im absolutistischen System. Der Hof ist also eine Art rechtsfreier Raum, der Staat erhebt sich über die Moral, ist fern von jeder Verantwortung. In dieser Kritik wird der Einfluss der Aufklärung deutlich: Typisch für sie ist der Angriff auf die Willkürpolitik des Absolutismus, die nicht auf Vernunft und Moral basiert (s. Epochenskript Aufklärung). Die Aufklärung forderte eine Rückbindung an Werte und ein System, das allen dienlich ist. Dies sollte durch Regeln geschehen, durch Rechtssicherheit, wodurch ein funktionierender Staat erschaffen werden sollte. Ein Staat also, dessen Ziel es ist, nützlich zu sein. Kabale und Liebe greift im Sinne der Aufklärung einen Absolutismus an, der eben nicht geregelt ist und nur den Herrschenden dient, in dem die Staatsräson (= das Interesse des Staats bzw. des Herrschers ist wichtiger als alles andere) zur Unterdrückung des Volks führt. Für Idealisten wie Ferdinand, die einen moralischen Staat fordern, hat der Präsident nur Verachtung übrig. Für Ferdinand ist aber die Sache klar: Das bestehende Recht widerspricht dem Menschenrecht (vgl. S. 36). Das Menschenrecht jedoch ist eine Erfindung der Aufklärung. Im Absolutismus galt in erster Linie das Recht des Herrschers.
Kabale und Liebe ist auch deswegen brisant, da es die Vorherrschaft des Adels hinterfragt. Schiller stellt das Bürgertum als moralisch überlegenen Stand dar, während das Verhalten des Adels angeprangert wird. Mit der Figur des Präsidenten von Walter kritisiert Schiller die verbrecherischen und skrupellosen Intrigen eines Hofadels, dessen einziges Ziel der Gewinn von Macht ist. Trotz seiner politisch zentralen Rolle interessiert sich von Walter nicht für die Geschicke des Herzogtums, solange sie ihn nicht selbst betreffen - das Wohl der Bürger ist ihm gleichgültig. Egoistisch und arrogant setzt er sich über alle hinweg, die ihm im Weg stehen. Dieser Adel hat seine einflussreiche Stellung in der Regierung eigentlich nicht verdient, zynisch verachtet er alle Ideale, Menschen sind für ihn nur Spielfiguren auf einem Brett, die man beliebig für das eigene Interesse einsetzen kann.
Von Kalb repräsentiert eine lächerliche, aber nicht minder kritikwürdige Seite des Adels. Von Kalb lebt in einer Scheinwelt, Festlichkeiten und die Sorge um das eigene Aussehen sind bei ihm an die Stelle von echten Problemen getreten, was der eitle und nicht sehr intelligente Hofmarschall allerdings nicht merkt. Er hat sich von der Wirklichkeit des Lebens entfernt, verachtet das Bürgertum, ohne dass sein Verhalten dies rechtfertigen würde.
Lady Milford wiederum steht als Beispiel für die sexuelle Freizügigkeit des Adels. Sexuelle Freizügigkeit wurde damals (im Gegensatz zur heutigen Zeit) als ernsthafte Sünde betrachtet. Das zeigt sich an der durchaus scharfen Kritik, die Ferdinand und Luise am höfischen Leben üben. Außereheliche Affären waren am Hofe die Regel, das Bürgertum aber betonte die christliche Religion und damit die Treue zum Ehepartner. Dass der Adel sich nicht an die gesellschaftliche moralische Norm hielt, wurde zu Schillers Zeiten jedoch äußerst selten öffentlich angeprangert (aufgrund der oben angesprochenen Zensur).
Aber auch an Ferdinand zeigt sich eine schlechte Eigenschaft des Adels. Sein durch das Militär geprägter Ehrbegriff führt dazu, dass er gewalttätig wird. So bedroht er den Hofmarschall und tötet letztlich Luise und sich selbst. Die Verletzung der Ehre war zu Schillers Zeiten ein häufiger Anlass für tödlich endende Duelle. Allerdings übernahmen auch viele Bürger dieses illegale Brauchtum.
Vor allem ist der Adel in Kabale und Liebe aber eins: falsch. Das Mittel des Adels ist die Intrige, nicht die Ehrlichkeit und die offene Konfrontation. Der Präsident und auch Lady Milford sagen oft nicht, was sie denken und offenbaren nicht ihre eigentlichen Absichten. Am Hof regiert die Lüge, das wahre Gesicht wird geheim gehalten.
Infolge der Adelskritik wird auch die Ständegesellschaft hinterfragt, die ja Grundlage der Vorherrschaft des Adels ist. Zwar denken Miller und zum Teil auch Luise, dass die Ständegesellschaft gottgegeben sei - Luise spricht bei der Trennung von Ferdinand von einem „Kirchenraub“ den ihre Liebe bedeute (S. 65) -, doch werden die weltlichen ungleichen Verhältnisse und die himmlischen Verhältnisse gegenübergestellt (S. 14). Vor Gott seien alle Menschen gleich und würden allein an ihren Taten und ihren Herzen gemessen. Schiller zweifelt also an, dass die Ständegesellschaft wirklich göttlichen Ursprungs sei, wie es damals oft noch behauptet wurde. Stattdessen führt die Ständegesellschaft dazu, dass die christliche Moral des Bürgertums nicht auch in der Regierung umgesetzt werden kann, denn die Ständeschranken lassen den unmoralischen Adel an der Spitze stehen. Eine Besonderheit ist hierbei Wurm, der einerseits bürgerliche Moralvorstellungen besitzt (jedenfalls, was die Sexualität betrifft), ansonsten aber wie der adelige Präsident von Walter handelt. Die Ständegesellschaft verhindert also die Umsetzung biblischer Grundsätze auf Erden. Auch hat sie fatale Auswirkungen auf die Individuen. Ferdinand und Luise sterben letztlich deshalb, weil die Ständeschranken ihre Liebe verbieten. Das laut dem Sturm und Drang heiligste und höchste Gefühl Liebe wird vom sozialen Kalkül und der Norm unterdrückt, Menschen können ihre Persönlichkeit nicht frei ausleben und gehen daran zugrunde. Luise und Ferdinand sehnen sich nach einer freien Gesellschaft, in der Adel und Bürgertum nicht mehr durch Ständeschranken getrennt leben - Liebe an sich kennt keine Grenzen. Die Liebesbeziehung zwischen den beiden wird von Schiller also genutzt, um die soziale Ordnung seiner Zeit zu hinterfragen.
Kabale und Liebe schlägt sich auf die Seite des Bürgertums, das gegen Ende des 18. Jahrhunderts immer mehr Mitspracherecht forderte und selbstbewusster auftrat. Im Gegensatz zum Adel basierte die Stellung einflussreicher Bürger auf Leistung, durch Arbeit stieg man auf und auf Arbeit war man stolz. Das Bürgertum betonte Talente und weniger die Geburt. Da die neue geistige Elite dem Bürgertum entstammte, nahm es immer größeren Einfluss auf das politische Geschehen: Adeligen fehlte oft die Bildung, um Stellen zu besetzen, für die studierte Juristen und Ärzte benötigt wurden. Auch in den Fürstentümern wurde die Rolle des Bürgertums immer größer, dennoch waren Bürger Einwohner zweiter Klasse und wurden von den wichtigsten Positionen ferngehalten. Beeinflusst durch die Aufklärung, die Vernunft und Moral als oberste Werte einsetzte und damit oft das unabhängige Engagement von Individuen forderte, begannen die Bürger, das politische System zu hinterfragen, das eben nicht nach den Prinzipien der Leistung und der Vernunft aufgebaut war. Zudem führte die Aufklärung dazu, dass das Bürgertum sich intensiver mit Sittlichkeit und Moral auseinandersetzte. Nicht zuletzt zielten aufklärerische Werke darauf ab, die Leser moralisch zu erziehen (vgl. Epochenskript Aufklärung).
Dieses bürgerliche Selbstbewusstsein findet sich auch in Kabale und Liebe. In den Millers zeigt sich die bürgerliche Welt, in deren Kern die (kleine) Familie, die Liebe, die Moral und die Arbeit stehen. Miller ist ein ">Pater Familias, der hart für seine Familie arbeitet und nicht um damit besonders reich zu werden. Luxus ist Miller verdächtig, Pflicht und Verantwortung dagegen sind seine Maximen. Stets betont er den Wert des Christentums und die sich darauf gründende moralische Reinheit des Bürgers. Der Bürger und nicht der Adelige ist es hier, der Größe beweist. Nur durch das Beispiel Luises ist es Ferdinand möglich, seine Rachegelüste im Augenblick des Todes zu überwinden und seinem Vater zu vergeben. Bürgerliche dienen hier als moralisches Vorbild der Adeligen - Schiller vertauscht hier die traditionellen Rollen von Bürgerlichen und Adeligen auf der Bühne (s. u. Elemente des Sturm und Drang). In Luise vereinigen sich Liebe und Pflichtbewusstsein, sie stellt ein moralisches Ideal dar. Schiller macht es überdeutlich, mit welchem Stand er sympathisiert. Die Betonung des bürgerlichen Edelmuts ist gleichzeitig Adelskritik. Allerdings wird auch das Bürgertum kritisiert. Zwar ist Miller liberal, wenn er der Tochter die freie Gattenwahl erlaubt, doch betont er die Ständegesellschaft und sieht Romane für gefährlich an, was auf eine konservative Haltung hinweist. Auch beweist die Figur der Millerin, dass Aufstiegsgedanken auch dem Bürgertum nicht fremd sind. Und Sekretär Wurm schließlich ist ein Bürger, der das intrigante und skrupellose Wesen des Hofes übernimmt. Insgesamt aber wird die Herrschaft des Adels hinterfragt.
Dieses bürgerliche Selbstbewusstsein findet sich auch in Kabale und Liebe. In den Millers zeigt sich die bürgerliche Welt, in deren Kern die (kleine) Familie, die Liebe, die Moral und die Arbeit stehen. Miller ist ein ">Pater Familias, der hart für seine Familie arbeitet und nicht um damit besonders reich zu werden. Luxus ist Miller verdächtig, Pflicht und Verantwortung dagegen sind seine Maximen. Stets betont er den Wert des Christentums und die sich darauf gründende moralische Reinheit des Bürgers. Der Bürger und nicht der Adelige ist es hier, der Größe beweist. Nur durch das Beispiel Luises ist es Ferdinand möglich, seine Rachegelüste im Augenblick des Todes zu überwinden und seinem Vater zu vergeben. Bürgerliche dienen hier als moralisches Vorbild der Adeligen - Schiller vertauscht hier die traditionellen Rollen von Bürgerlichen und Adeligen auf der Bühne (s. u. Elemente des Sturm und Drang). In Luise vereinigen sich Liebe und Pflichtbewusstsein, sie stellt ein moralisches Ideal dar. Schiller macht es überdeutlich, mit welchem Stand er sympathisiert. Die Betonung des bürgerlichen Edelmuts ist gleichzeitig Adelskritik. Allerdings wird auch das Bürgertum kritisiert. Zwar ist Miller liberal, wenn er der Tochter die freie Gattenwahl erlaubt, doch betont er die Ständegesellschaft und sieht Romane für gefährlich an, was auf eine konservative Haltung hinweist. Auch beweist die Figur der Millerin, dass Aufstiegsgedanken auch dem Bürgertum nicht fremd sind. Und Sekretär Wurm schließlich ist ein Bürger, der das intrigante und skrupellose Wesen des Hofes übernimmt. Insgesamt aber wird die Herrschaft des Adels hinterfragt.