Identitätsverlust
Der Roman Transit von Anna Seghers behandelt den Identitätsverlust von Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Ein Gefühl, das die Autorin auf ihrer Flucht vor dem NS-Regime am eigenen Leib miterleben musste.
Zusammenhang zwischen Heimat und Identität
- Zugehörigkeit: Familie oder Freunde geben die Möglichkeit, sich als Teil einer Gruppe zu fühlen und selbstbewusst mit der Gesellschaft interagieren zu können
- Bekannte Kultur: Man kann sich mit Festen, Ritualen oder Gewohnheiten identifizieren
- Sprache bildet Identität: Durch die Fähigkeit, die Sprache der Mitmenschen zu sprechen, gelingt erfolgreiche Sozialisierung
- Bekanntes Umfeld: Eine vertraute Umgebung, bekannte Orte, Gerüche oder Geräusche geben Menschen ein Sicherheitsgefühl
- Selbstbestimmtes Leben: Der Beruf oder Hobbys in der Heimat spenden Halt; das aufgebaute Leben in der Heimat gibt Bestätigung und Hoffnung für die Zukunft
Was die Vertreibung aus der Heimat bewirken kann
- In der Fremde fehlen Zugehörigkeit, Sicherheit und Stabilität des alten Lebens
- Der sogenannte Kulturschock: Die fremden Rituale, Einstellungen und auch Essensgewohnheiten überfordern die Flüchtlinge; plötzlich muss das eigene Verhalten selbst in kleinen Alltagssituationen hinterfragt und neue Routinen erlernt werden
- Das soziale Umfeld bricht vollkommen weg: Im Exil müssen die Menschen zunächst gegen Einsamkeit kämpfen und sich dann neu in die Gesellschaft integrieren; dies wird erschwert, da die neuen Mitmenschen meist einen völlig anderen Hintergrund in Sachen Religion, Kultur und Sozialverhalten haben
- Ausgelöschte Vergangenheit: Durch das Zurücklassen von Erinnerungsstücken in der Heimat und den Verlust des Hauses oder der Wohnung verlieren die Menschen quasi ihre eigene Geschichte
- Identitätskrise: Es kommt den Flüchtlingen häufig so vor, als wäre alles, was sie als Person ausmacht, verschwunden; auch Ungewissheit und Zukunftsangst bedrohen die eigene Identität
Beschreibung der Entwurzelung im Roman
- Anna Seghers weist in ihrem Roman immer wieder darauf hin, wie sinnlos das eigene Leben nach der Vertreibung aus der Heimat einem plötzlich erscheint
- Durch die ausführlichen, detailreichen Beschreibungen der ewigen Transitbemühungen in Marseille zeigt die Autorin auf, dass die flüchtigen Menschen in einer Zwischenstation gefangen waren und die Zeit zäh dahinfloss
- Anstatt endlich das neue Leben starten zu können, das als einziger Lichtblick erscheint, mussten die Menschen in der Übergangsphase ausharren; es gab keinen anderen Ausweg als die Flucht, denn wie man an dem Ich-Erzähler sieht, war es nicht möglich, sich direkt in Marseille dauerhaft ein Zuhause einzurichten
- Die Hoffnung auf eine erfolgreiche Flucht schwindet nach all den Behördenproblemen bei den Figuren im Roman mehr und mehr; Seghers wirft die Frage auf, wie viele Rückschläge ein Mensch ertragen kann
- Seghers vermittelt das Gefühl von Unsicherheit und Zukunftsangst, das im Laufe der Zeit zu depressiven Verstimmungen führt
- Auch der Ich-Erzähler wird von einer inneren Leere ergriffen; immer wieder spricht er davon, dass er sich langweilt, was in Anbetracht der Kriegsbedrohung und der Todesgefahr absurd wirkt
- Die Bedeutung der Muttersprache wird deutlich, als der Ich-Erzähler gefangen in der Einsamkeit und Langeweile in Paris plötzlich beginnt, die Erzählung von Weidel zu lesen. Obwohl er sonst nichts mit Literatur anfangen konnte, ist er allein durch den Klang seiner Muttersprache wie verzaubert und vergisst für einen Moment all den Kummer
- Trotz tausender Flüchtlinge in Marseille und ständigen Treffen auf Konsulaten oder am Hafen sind die Figuren im Roman einsam; obwohl man meinen könnte, dass die gemeinsame Geschichte und der Transit-Wunsch die Menschen vor Ort vereinen sollte, kämpfen die meisten für sich wie etwa Achselroth, der als Im-Stich-Lasser bezeichnet wird; Bekanntschaften bleiben lose und oberflächlich, so etwa zwischen dem Ich-Erzähler und dem alten Ehepaar aus seinem Hotel
- Fazit: Seghers postuliert den Verlust der Heimat durch all diese Beschreibungen als Merkmal und Grundessenz der menschlichen Existenz; im Umkehrschluss ist das transitäre Leben ohne Wurzeln als Metapher für den Tod zu deuten; sie selbst erklärte über den Winter 1940/41: „Ich habe das Gefühl, ich wäre ein Jahr lang tot gewesen.“