Abschnitt 4
Im vierten Abschnitt (S. 138 - 175) wird die Mutter mit einem negativen Gutachten konfrontiert, das sie allerdings trotz aller Widerrede ihres neuen Partners nicht akzeptieren will. Die Erzählung endet daraufhin mit einer Fahrt zum neuen Wohnort des Findelkindes. Allerdings kneift die Mutter vor einer direkten Konfrontation mit ihrem vermeintlichen Sohn.
Schwierige Jugend
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- Seite: 138 - 141
- Zeit: ca. Anfang der 60er Jahre
- Ort: Stadt in Ostwestfalen
Inhalt
- Die Mutter führte nach dem Tod des Vaters die Firma weiter und wurde genauso streng, wie er es einst war
- Während die Lieferanten und Kunden tagsüber großen Respekt vor ihr hatten, litt sie abends still vor sich hin
- In ihrem Schmerz nahm sie ihren Sohn entweder gar nicht wahr oder aber sie schaute ihn gerührt an und verlor sich in seinem Gesicht
- Der Erzähler schämte sich dafür, dass er die Mutter so rührte. Es machte ihn zugleich wütend, weil er spürte, dass sie den Vater und Arnold in ihm sah
- Weil er ein dicker, pubertierender Junge mit zu langen Haaren war, beachtete ihn sonst keiner. Und auch der Mutter schien er nicht zu genügen
- Er hätte der Mutter ihren Verlust gerne ersetzt, doch er fühlte sich so, als sei er für sie das Salzkorn im Auge
- Der Erzähler wurde zu einem schwierigen Jungen, der schlecht in der Schule, ständig gereizt und undankbar war
Herr Rudolph
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- Seite: 141 - 142
- Zeit: ca. Anfang der 60er Jahre
- Ort: Stadt in Ostwestfalen
Inhalt
- Der Polizist war glücklicherweise weiter für den Erzähler da, nahm ihm sein Rüpelverhalten nicht übel und setzte sich vor der Mutter für ihn ein
- Herr Rudolph kümmerte sich auch einfühlsam um die Mutter, half ihr mit Behördengängen und schenkte ihr Operettenplatten, die sie mit dem Polizisten sonntags anhörte
- Zwischen der Mutter und Herr Rudolph hatte der Erzähler nie irgendeine Art von Intimität gesehen, doch ihm fiel auf, dass der Polizist plötzlich auch unter der Woche zu Besuch kam
- Er wusste nicht, was passiert war oder mit welchen schriftlichen Angelegenheiten der Polizist der Mutter plötzlich so heimlichtuerisch half
Das enttäuschende Ergebnis des Gutachtens
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- Seite: 142 - 152
- Zeit: ca. Anfang der 60er Jahre
- Ort: Stadt in Ostwestfalen
Inhalt
- Eines Tages erklärte die Mutter ihm, dass Herr Rudolph ihr bei der weiteren Suche nach Arnold hilft und sich dafür einsetzt, dass die Ergebnisse der Kopf- und Körperuntersuchung endlich geschickt werden
- Wenige Tage später bekam die Mutter die Ergebnisse von Professor Liebstedt zugeschickt
- Herr Rudolph las die Ergebnisse des umfangreichen Berichts vor
- Während der Polizist die Analyse der Kopfform, des Jochbeins, der Stirnhöhe und der Kieferwinkelbreite vorlas, wirkte die Mutter abwesend und desinteressiert. Dabei war sie früher bei Gutachten immer gespannt gewesen
- Der Erzähler hörte genau zu, fühlte sich aber bei den Worten „Fettauflagerung“ und „fettreich“ schlecht. Er ärgerte sich, weil Arnold bzw. das Findelkind dünn war. Plötzlich beunruhigte ihn also ein Unterschied, über den er sich eigentlich hätte freuen können
- Bei gemeinsamen Merkmalen ärgerte sich der Erzähler, weil er Arnold ähnlich sein soll
- Als es um die Oberlippenkerbung ging, dachte der Erzähler darüber nach, dass er nicht einmal Arnold eine Hasenscharte wünschen würde, weil man dafür so sehr gehänselt wird
- Bei all den Details des Gutachtens wurden der Erzähler und Herr Rudolph immer verwirrter, die Mutter hörte weiter kaum zu
- Bei der Schlussbetrachtung der Kopfanalyse kam heraus, dass das Findelkind nicht zu den Eltern, aber zum Erzähler passte. Dieser Satz erschreckte den Erzähler, der fürchtete, dass er damit auch eine Art Findelkind sein könnte
- Das Fazit des Gutachtens zur Elternschaft der Eltern für das Findelkind lautete „mäßig bis sehr unwahrscheinlich“, woraufhin Herr Rudolph die schlechte Lage erkannte. Die Mutter aber erklärte trotzdem optimistisch, dass es auch nicht schlecht klinge
Zusatzgutachten
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- Seite: 152 - 157
- Zeit: ca. Anfang der 60er Jahre
- Ort: Stadt in Ostwestfalen
Inhalt
- Am Ende seines Gutachtens schrieb der Professor, dass sein Fazit erst durch ein biomathematisches Zusatzgutachten endgültig gestellt werden könne
- Die Mutter war wenig überrascht, dass das unwahrscheinliche Ergebnis des Gutachtens nicht das endgültige Ergebnis war und wollte trotz weiterer Kosten das Zusatzgutachten
- Nach wenigen Tagen traf das Ergebnis des Gutachtens, das auf logarithmischen Wahrscheinlichkeitswerten und 130.000 Einzelbefunden beruhte, ein
- Als die Mutter die Erklärung vorlas, schien sie das Prinzip nicht wirklich zu verstehen. Der Erzähler jedenfalls wunderte sich, warum in der Betrachtung nur die beiden Eltern, nicht aber er mit dem Findelkind verglichen wurden. Immerhin war er extra mit nach Heidelberg gefahren und fühlte sich nun außen vor gelassen
- Herr Rudolph übernahm dann wieder die Aufgabe, das Gutachten laut vorzulesen
- Beim Vater waren von zwölf geprüften Merkmalsgruppen zehn negativ, bei der Mutter acht, sodass eine Verwandtschaft mit dem Findelkind 2307 zu 99,73 Prozent ausgeschlossen werden konnte
- Herr Rudolph blickte die Mutter unsicher an, die zunächst gefasst blieb und dann aber schwieg. Aus Sorge, versuchte er das Gutachten zu relativieren. Es sei eine mäßig unwahrscheinliche Verwandtschaft
- Für den Erzähler hatten die knapp 100 Prozent nichts mehr mit einer mäßigen Unwahrscheinlichkeit zu tun. Er stellte erleichtert fest, dass es nicht mehr wie in Heidelberg unentschieden für Arnold stand, sondern dass sein Bruder jetzt haushoch verloren hatte
- Dem Erzähler tat es leid, dass seine Mutter damit auch verloren hat. Doch die wollte sich von ihm und Herr Rudolph gar nicht trösten lassen
Schock der Mutter
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- Seite: 157 - 162
- Zeit: ca. Anfang der 60er Jahre
- Ort: Stadt in Ostwestfalen
Inhalt
- Die Mutter schaute sich noch einmal das letzte Ergebnis des Gutachtens an und erklärte dann ganz selbstverständlich, dass sie sich ihren Sohn nicht noch einmal wegnehmen lasse
- Herr Rudolph wurde unruhig und versuchte der Mutter klarzumachen, dass sie nun keinerlei Rechtsanspruch mehr hat. Sie müsse die Realität akzeptieren, so seine plötzlich strengen Worte
- Die Mutter schaute daraufhin beide Männer an, legte dann ihren Kopf in die Hände und begann am ganzen Leib zu Zittern
- Während der Erzähler auf Abstand ging, nahm Herr Rudolph die Mutter in den Arm, redete sanft auf sie ein, bis sie sich langsam beruhigte und leise weinte
- Der Erzähler wollte sich diese Umarmung nicht ansehen und ging, wusste aber nicht, wohin. Er vermisste das einstige Labyrinth im Haus und dachte an seinen Vater
- Nach einiger Zeit verließ Herr Rudolph das Haus und bat den Erzähler, Rücksicht auf die Mutter zu nehmen
- Es dauerte fast eine Woche, bis der Polizist wieder zu Besuch kam. Er nutzte seine Mittagspause, um mit dem Erzähler ein Gespräch zu führen
- Herr Rudolph wollte ihn trösten, was den Erzähler irritierte. Als der Polizist dann auch noch sagte, dass er ihn und die Mutter sehr gern habe und dem Erzähler dabei über den Kopf strich, fühlte sich der Erzähler verlegen
- Herr Rudolph erklärte dem Erzähler, dass die Mutter trotz negativen Gutachtens nicht aufgeben will und er versprochen hat, sie weiter zu unterstützen
Adoptionsversuch
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- Seite: 162 - 169
- Zeit: ca. Anfang der 60er Jahre
- Ort: Stadt in Ostwestfalen
Inhalt
- Der Polizist verriet dem Erzähler, dass die Mutter das Findelkind 2307 adoptieren wollte, weil sie weiter an ihre Elternschaft glaubte
- Weil es ihr so schlecht ging, hat der Polizist irgendwann klein beigegeben und versucht, ihr wenigstens die Rechtslage klarzumachen
- Nachdem sie schon so viel Schreckliches ertragen musste und nicht einmal beim Lastenausgleich nach dem Krieg Recht bekommen hatte, wollte die Mutter diesmal endlich Gerechtigkeit. So schwer der Kampf auch werden würde
- Aus Sorge um die Mutter, hatte Herr Rudolph den Adoptionsantrag unterstützt
- Während Herr Rudolph kurz wegmusste, malte sich der Erzähler das Findelkind als Adoptivbruder aus und fragte sich, was er mit einem adoptierten Bruder alles ertragen müsste und ob er dann aber in einer besseren rechtlichen Lage wäre als mit einem leiblichen Bruder
- Als Herr Rudolph zurückkam, erklärte er ihm aber, dass das Findelkind bereits von anderen Eltern adoptiert wurde und inzwischen auch schon fast volljährig ist
- Die Mutter war so deprimiert über die Sachlage, dass sie dem Erzähler nicht selbst davon berichten konnte. Herr Rudolph wollte ihm aber die Wahrheit sagen, weil der Erzähler schließlich auch einen Bruder verloren hatte
- Der Erzähler war insgeheim froh, zugleich aber gekränkt, weil die Mutter ihm nichts gesagt hatte und die Suche auch immer noch nicht aufgeben konnte. Er verstand nicht, warum sie nicht einfach dankbar dafür war, dass er da ist. Er entwickelte eine Wut auf die Mutter und auf Arnold und sogar Wut und Eifersucht auf Herr Rudolph, der von der Mutter umarmt wurde, wie sie ihn nie umarmt hatte
- Herr Rudolph erklärte währenddessen weiter, dass die Mutter das Findelkind wenigstens ein Mal sehen wollte und er dafür als Polizist die Adresse ausfindig gemacht hat
- Der Erzähler wollte sofort wissen, wo das Findelkind jetzt wohnt. Dass aus Arnold ein Heinrich geworden ist, der nun ausgerechnet eine Lehre zum Fleischer macht, amüsierte ihn. Als Herr Rudolph sein Grinsen kritisierte, stellte er fest, dass der Polizist sich langsam in den Vater verwandelte
- Herr Rudolph kündigte an, dass sie bald alle zusammen einen Ausflug ins Weserbergland machen würden, um sich vielleicht sogar von Heinrich bedienen zu lassen
Konfrontation mit dem Findelkind
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- Seite: 169 - 175
- Zeit: ca. Anfang der 60er Jahre
- Ort: Stadt in Ostwestfalen
Inhalt
- Als sie für die Fahrt in den Admiral einstiegen, musste der Erzähler an früher denken und erinnerte sich an das Schmerzgefühl in seinem Gesicht, bis er wieder ein bösartiges Grinsen auf den Lippen hatte
- Genau wie der Vater einst, reagierte Herr Rudolph wütend auf sein Grinsen und schrie ihn an. Daraufhin mochte der Erzähler ihn nicht mehr
- Als Herr Rudolph anhielt und tanken ging, fragte der Erzähler seine schweigsame Mutter, ob sie Herr Rudolph heiraten will. Sie drehte sich zu ihm um, erklärte ihm, dass Herr Rudolph ihr am nächsten steht und ihr immer geholfen hat. Auch einen Antrag habe der Polizist ihr schon gemacht, doch sie habe nicht geantwortet. Obwohl sie ihn gerne heiraten würde, werde sie nein sagen
- Als sich die Mutter traurig wieder umdrehte, tat sie dem Erzähler leid. Doch er konnte sie nicht trösten und dachte, dass doch Arnold, das Findelkind oder Heinrich sie trösten sollen
- Der Erzähler empfand sofort wieder Schuld und Scham, weil seine Mutter traurig war
- Auf der restlichen Fahrt erzählte Herr Rudolph von Unfällen und Kollegen, doch den Erzähler beeindruckte er damit nicht mehr. Der dachte immerzu nur daran, dass Herr Rudolph von seiner Mutter bald einen Korb bekommen würde
- In der Stadt parkte Herr Rudolph das Auto mit direktem Blick auf die Fleischerei und beriet mit der Mutter, was sie tun sollten
- Die Mutter wirkte, als wolle sie von ihrem Wunsch nichts mehr wissen. Nachdem Herr Rudolph allein im Laden war und erklärte, dass Heinrich dort sei, wollte die Mutter wieder nach Hause. Herr Rudolph aber ließ nicht locker und fuhr näher an das Schaufenster heran
- Der Erzähler entdeckte das Findelkind 2307 und erschrak, weil Heinrich aussah wie er. Er sah sein älteres Spiegelbild und war verwirrt
- Die Mutter und Herr Rudolph zeigten beide keine Reaktion und sagten nichts
- Der Erzähler verstand nicht, warum die Mutter nicht sah, was er sah. Ihm wurde schlecht und er stellte fest, dass auch sein Gegenüber in der Scheibe bleich wurde
- Er wollte seine Mutter anflehen, auszusteigen und in die Fleischerei zu gehen. Doch er musste atmen, um seine Übelkeit zu unterdrücken
- Plötzlich sagte die Mutter: „Wir fahren.“