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6. Vigilie

Anselmus machte sich erneut auf den Weg zu Archivarius Lindhorst. Nach dem seltsamen Ereignis bei seinem letzten Besuch dort trank er diesmal ganz bewusst keinen Alkohol vorher. Und schon der bloße Gedanke an ein Wiedersehen mit Serpentina löste pure Wonne in ihm aus. Er musste sich sogar eingestehen, dass er eigentlich nur für sie zu Lindhorst ging.
Dort angekommen grinste ihn wieder das Apfelweib aus dem Türklopfer an, sodass er wie von Lindhorst befohlen den Likör darauf spritzte. Das unheimliche Gesicht verschwand und Anselmus konnte ins Haus von Lindhorst eintreten. Als dieser ihn ins Laboratorium führte, das einem Gewächshaus glich, nahm Anselmus wunderliche Figuren, seltsame Stimmen und geheime Gänge wahr. Lindhorst erschien ihm in seinem rot-gelben Mantel als Feuerlilienbusch und auf einem wunderschön glänzenden goldenen Topf sah Anselmus Serpentina vor sich. Plötzlich dann fand sich der Student in einer ganz gewöhnlichen Bibliothek wieder, in der er für Lindhorst Manuskripte kopieren sollte. Als er seine bisherigen Arbeiten stolz vorführte, war der Archivarius aber wenig begeistert. Mit einem Mal sah auch Anselmus seine Werke als höchst miserabel vor sich und musste feststellen, dass seine Tinte nicht haltbar ist. Mit spezieller, eigentümlich riechender Tinte begann Anselmus also seine Arbeit, war schnell begeistert davon, wie gut er voran kam.
Bei einem gemeinsamen Mittagessen mit reichlich Wein erzählte Lindhorts seinem neuen Mitarbeiter allerhand Geschichten über Paulmann und Heerbrand. Eine Stunde später ging dieser wieder an die Arbeit, schrieb noch schneller und mit größerer Leichtigkeit die Originale ab und musste wieder an Serpentina denken, hörte sogar ihre Stimme: „Ich bin dir nahe - nahe - nahe! - ich helfe dir - sei mutig - sei standhaft, lieber Anselmus! - ich mühe mich mit dir, damit du mein werdest!“ (S. 53, Z. 5-8)
Punkt sechs Uhr erschien Lindhorst, um Anselmus‘ Arbeit zu überprüfen. Beim Anblick der perfekten Kopien wurde sein Gesicht plötzlich milde und er erklärte Anselmus mit großer Weisheit: „Junger Mensch, ich habe, noch ehe du es ahnetest, all die geheimen Beziehungen erkannt, die dich an mein Liebstes, Heiligstes fesseln! - Serpentina liebt dich, und ein seltsames Geschick, dessen verhängnisvollen Faden feindliche Mächte spannen, ist erfüllt, wenn sie dein wird.“ (S. 53/54, Z. 33-3) Anselmus müsse innerliche Kraft beweisen, standhaft gegen feindliche Mächte sein und an die Liebe zu Serpentina glauben, dann würde ihm der goldene Topf als Mitgift zuteil. Dann schickte der Archivarius Anselmus nach Hause. Und gerade als dieser aus dem Haus trat, rief er ihm - wieder in ganz normaler Erscheinung - hinterher, dass der Lohn bereits in Anselmus Westentasche stecke. Anselmus fragte sich daraufhin, ob er nur einem seltsamen Wahn verfallen ist, wollte diesen aber nicht aufgeben, da er lieber mit dem Glaube an Serpentinas Liebe untergehen wollte.

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