Gesellschaftliche Isolation
In einem zweiten Interpretationsansatz sollte man sich die gesellschaftliche Außenseiterposition des Protagonisten Peter Schlemhil näher anschauen. Zunächst soll eine Begriffserklärung des gesellschaftlichen Außenseiters erfolgen, bevor in einem zweiten Schritt bewertet wird, inwiefern der Protagonist dieser Außenseiterrolle und einem Leben in sozialer Isolation gerecht wird. Außerdem soll zum Schluss kurz dargestellt werden, welche indirekte Kritik der Autor an die Gesellschaft im Werk richtet.
Begriffsannäherung
- Grundlegendes Charakteristikum für einen gesellschaftlichen Außenseiter ist zunächst einmal die Tatsche, dass die Person zwar einer sozialen Gemeinschaft zugehörig ist, also ihr angehört, jedoch nicht vollständig integriert ist.
- Die Person kann sich bewusst oder unbewusst von der Gesellschaft ausschließen. Ebenfalls ist es möglich, dass sie aufgrund ihres eigenen Willens eigene Wege gehen möchte oder von Gesellschaftsmitgliedern willentlich ausgeschlossen wird, sich jedoch eigentlich darum bemüht, gesellschaftlich integriert zu sein und sich bestimmte anerkannte Verhaltensweisen zu Teil macht.
- Synonym für einen gesellschaftlichen Außenseiter werden häufig die Begriffe Einzelgänger, Eigenbrötler oder Sonderling verwendet.
Was spricht dafür, dass Peter Schlemhil als ein gesellschaftlicher Außenseiter zu charakterisieren ist?
- Schlemhil ist direkt auf den ersten Blick kein typischer Bürger. Er führt kein kultiviertes und sublimiertes Leben und lebt dazu noch in ärmlichen Verhältnissen.
- Auch in sozialen Beziehungen mit seinen Mitmenschen hat er große Probleme, erfährt keine soziale Integrität und zeigt sich auch nicht erfolgreich im Kennenlernen von Menschen oder Schließen von Freundschaften. Entweder fällt er aufgrund seiner Naivität auf Menschen hinein oder er hat Unglück in der Liebe.
- Schlemhil ist ein Grenzgänger und wird im Werk als ungesellig dargestellt. Weiterhin erhält man zum Teil einen zutiefst betrübten, beinahe melancholischen Eindruck von Schlemhil. Darauf weisen auch die Verweise auf Goethe im Werk hin. (S. 24, 25)
- Er hat wenig bis fast keine Freunde. Bendel scheint Peters einzig wahrer Freund zu sein.
- Für Schlemhils persönliche Erfüllung stehen Kreativität und Individualismus im Vordergrund. Somit kann man ihn auch als Individualisten beschreiben, der sich sozial isoliert.
- Schlemhil ist in der gesamten Geschichte ein Außenseiter, aber zum Teil auf verschiedene Art und Weise. Insgesamt lassen sich drei unterschiedliche Initiationserlebnisse erkennen. Am Anfang gehört Schlemhil nicht zur reichen Bürgergesellschaft auf dem Anwesen des reichen Bauherren, weil er kein Geld hat. Der Grund ist somit seine Mittellosigkeit. Dieses Problem wird zwar durch den eingetauschten Goldsack gelöst, jedoch ergibt sich ironischerweise direkt ein anderes Problem. Schlemhil besitzt keinen Schatten mehr und bleibt deshalb in seiner Außenseiterrolle verhaftet, wenn auch aus einem anderen Grund als am Anfang. Später trifft er die bewusste Entscheidung, sein Leben in sozialer Isolation zu führen, indem er alleine die Welt bereist und ein Leben als Naturforscher führt. Ausgangspunkt hierfür bildet der Erwerb der magischen Siebenmeilenstiefel.
- Insgesamt fällt bei genauer Betrachtung der ersten zwei Gründen für die soziale Isolation Schlemhils auf, dass seine Außenseiterposition nicht unbedingt selbst verschuldet ist. Schlemhil ist jung, naiv und etwas tollpatschig, doch seine Situation erscheint tragisch und seine Missfälle sind durchaus ungünstig. Oft resultiert die soziale Isolation aus den Missverständnissen der Gesellschaft. Er bemüht sich stark, um in der Gesellschaft verankert zu sein, aber scheitert.
- Im Unterschied zu den ersten zwei Gründen liegt die Besonderheit im dritten Grund darin, dass Schlemhil eine erwachsene, willentliche Entscheidung trifft und dadurch zwar immer noch alleine ist (wahrscheinlich sogar einsamer als je zuvor), aber auf einer identifizierbaren und empathischen Weise. Der Leser empfindet dadurch weniger Mitleid mit Schlemhil. Die Frage, die sich hierbei offenbart, aber vermutlich unbeantwortet bleibt, ist jedoch, ob Schlemhil wirklich einsam sein möchte und ihn das Alleinsein schlussendlich glücklich macht oder ob er schließlich nicht doch resignierend feststellt, dass er ein Außenseiter ist und er die Ausweglosigkeit seiner Situation nicht ändern kann? Wahrscheinlich findet man auch in diesem Paradoxon, dass sich Schlemhil zunächst soziale Integrität sucht, sich jedoch später willentlich absondert, wieder ein Stück romantischer Ironie.
- Anfangs möchte sich Schlemhil jedoch in die Gesellschaft integrieren. Er versucht durch optische Veränderung seine Mittellosigkeit zu verdecken (S. 9) und sucht Kontakt mit den Menschen. Er stimmt sogar den Moralvorstellungen des reichen Herrn John zu, indem er ihn in seinen kapitalistischen Aussagen bestärkt. (S. 10) Jedoch vertritt Schlemhil seine Meinung ganz und gar nicht. Er möchte nur von den Menschen angenommen werden, doch wird noch nicht einmal von ihnen wahrgenommen.
- Durch den Verlust des Schattens verliert er nicht nur seine Identität, sondern auch ein Stück Heimat. In der Literatur steht die Schattenlosigkeit immer auch in Zusammenhang mit einer Heimatlosigkeit. Schlemhil fühlt sich nirgendwo wirklich zu Hause und hat nicht das Gefühl, ankommen zu können. Ständig flüchtet er vor dem Teufel oder vor Menschen, die seine Schattenlosigkeit verurteilen. Diese Welt- und Realitätsflucht aus dem Gefühl des Unglücklichseins und der Heimatlosigkeit heraus ist ganz typisch für die Romantik.
Gesellschaftskritik
- Die Gesellschaft ist zu großen Teilen für die Außenseiterposition Schlemhils verantwortlich, indem sie den Protagonisten zunächst aufgrund seiner Mittel-, später aufgrund seiner Schattenlosigkeit verurteilt.
- Die Gesellschaft ist stark kapitalistisch orientiert und richtet ihr gesamtes Werte- und Normensystem am sozialen Stand der Menschen aus. Der Charakter einer Person verliert dabei komplett an Bedeutung. Wichtig allein ist, dass sie über ausreichend Geld verfügt.
- Die meisten Figuren im Werk wissen nicht mit der Andersartigkeit Schlemhils umzugehen und verhalten sich sozial inkompetent ihm gegenüber.
- Der Autor fordert den Leser indirekt dazu auf, kritisch über das ausgeprägt kapitalistische Denken der Gesellschaft im Werk nachzudenken und das Verhältnis zwischen Geld und Moral näher zu betrachten z. B. inwiefern die Moral, Sozialität und das Gewissen der Menschen unter dem Scheinwert von Geld leiden.